Ein Augenblick Liebe

Ein Augenblick Liebe





Der Duft von Bitterorangen

Wenn es um die Fiktion geht, bedient sich Lisa Azuelos gern der Realität. Das echte Leben bietet schließlich Stoff genug, um daraus Geschichten fürs Kino zu spinnen. In ihrer Mutter-Tochter-Komödie "LOL - Laughing Out Loud" (2008) erzählte Azuelos, selbst dreifache Mutter, aus ihrem turbulenten Familienalltag: Sophie Marceau gab die gestresste Mutter eines Teenagers. Das war ziemlich authentisch und unterhaltsam, weshalb die charmante Alltagsbeobachtung zum Überraschungserfolg avancierte und in der Folge gar fürs amerikanische Publikum adaptiert wurde. Nun hat Azuelos erneut Sophie Marceau verpflichtet und ihr einen der größten Stars des französischen Kinos zur Seite gestellt: "Ziemlich beste Freunde"-Held François Cluzet spielt einen verheirateten Anwalt, der Marceaus Anziehungskraft kaum widerstehen kann. Das Ergebnis ist eine auf Hochglanz polierte Reflexion über die zwischenmenschliche Anziehungskraft, die glücklicherweise mit einer Überraschung aufwartet.

Pierre (François Cluzet) ist in den besten Jahren und glücklich verheiratet, als er eines Tages auf einer Buchmesse die verführerische, frisch getrennte Schriftstellerin Elsa (Sophie Marceau) kennenlernt. Es ist nur ein winziger Augenblick - und doch lang genug, dass die Funken sprühen. Die schicksalhafte Begegnung hat zunächst keine Konsequenzen, eine Affäre kommt für beide nicht in Frage. Also soll der Zufall entscheiden, ob es ein Wiedersehen gibt. Das Schicksal führt Elsa und Pierre natürlich wieder zusammen.

Lisa Azuelos, die im Film Pierres langjährige Gattin Anne spielt, liebt das Unvorhergesehene: jenen Moment, der das Leben mit voller Wucht in seinen Festen erschüttert und uns befreit aus der lähmenden Routine unseres Daseins. Im Film ist es die zufällige Begegnung zweier Menschen, die in einer undurchschaubaren Mischung aus Wirklichkeit und Fantasie ihre Weiterentwicklung erfährt. Azuelos versieht die gefühlige Geschichte mit der glatten, allzu perfekten Ästhetik des Werbefilms: Das Leben der Filmfiguren ist genauso schön wie ihre Behausungen in Paris, ihre Kinder, ihre Kleider. Das unterstreicht auf der einen Seite das Klischeehafte der Inszenierung, auf der anderen Seite verbirgt sich dahinter ein dramaturgisches Kalkül: Der Film spielt mit den Ebenen der Wahrnehmung, was Traum ist und was Realität, das sollen die Zuschauer nicht differenzieren.

Sophie Marceau gibt einmal mehr die unwiderstehliche Traumfrau, die erotische Ausstrahlung von François Cluzet als verknalltem Familienvater erschöpft sich zwischen weißen Hemden und meist sprachlosem Schmachten. Wirklich überzeugend ist sie nicht, diese unerlaubte Liaison zwischen Elsa und ihm. Bemerkenswert ist vielmehr Regisseurin Lisa Azuelos, die erstmals vor der Kamera agiert und die Rolle der Anne sehr nuanciert verkörpert: Als Ehefrau spürt sie sehr wohl, dass etwas nicht stimmt, aber sie versucht, sich nichts anmerken zu lassen.

"Ein Augenblick Liebe" erzählt und bringt nicht viel Neues bis auf die Tatsache, dass Azuelos, die nach eigenem Bekunden an die Ko-Existenz mehrerer Universen glaubt, die Liebe als verführerischen Traum inszeniert. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft werden nebeneinander montiert zu einem utopischen Spiel der Möglichkeiten, die es dann aber letztlich doch nicht gibt.

Quelle: teleschau - der mediendienst