"Mit Kippe im Hals über die Bühne"

"Mit Kippe im Hals über die Bühne"





Thomas Jensen veranstaltet seit 25 Jahren das "Wacken Open Air"

Der Mann ist Wacken. Und egal, wie lange ein Gespräch mit Thomas Jensen ist, es ist zu kurz. Jensen ist eine Anekdotenmaschine aus 25 Jahren "Wacken Open Air". Er veranstaltet mit seinem Freund Holger Hübner das größte Metal-Festival der Welt im vermeintlich kleinsten Kuhdorf der Welt. Zum Jubiläum gibt es den Film "Wacken 3D" (Kinostart: 24. Juli), der vergangenes Jahr gedreht wurde, der aber nicht das Phänomen Wacken untersucht, die Tatsache, dass dort langhaarige Headbanger auf eine putzige Dorfbevölkerung treffen. Diesen Aspekt behandelte 2006 der Dokumentarfilm "Full Metal Village". Jetzt geht es tatsächlich um einen Konzertfilm, der einen Spirit greifbar machen soll, der erklären will, worum es geht, warum die Geschichte so lang wurde und - warum es so gut ist. In Ergänzung zu diesem gelungenen Festivalfilm ein Gespräch mit Veranstalter Thomas Jensen zu führen, ist ein Fest für jeden Musikfreund. Es sei noch mal betont: nicht Metalfan, sondern Musikfreund.

Jensen ist ein Mensch, der einem sofort auffällt, obwohl er Turnschuhe, blaue Jeans und ein blaues Shirt trägt, also nicht eben extrovertierte Kleidung. Man bleibt nicht an seiner Ausstattung hängen oder an seiner Statur eines Mannes um die fünfzig. Der Konzertveranstalter ist nicht groß, nicht klein, auch nicht ganz schlank, die Haare lang, aber gesund. Kein Grund, sie abzuschneiden, also. Einen alten Zopf in seinem Leben, den es abzuschneiden lohnt, findet der Mann ohnehin nicht.

Und Fragen muss man Thomas Jensen nicht stellen. Man nennt ihm ein Stichwort, und die Erinnerung kommt zurück, er blättert in seinem Hirn wie in einem Katalog mit zahlreichen Registerzeichen. Wenn er erzählt, hat er diesen besonderen Gesichtsausdruck. Er bewegt sich kaum beim Reden, bleibt auf seinem Sessel sitzen, stemmt ab und zu die Kaffeetasse hoch und nimmt einen kräftigen Schluck. Doch wenn dieser Mensch lacht, freut er sich, am Leben, an dem, was er erzählt.

Er hat allen Grund dazu: Gegen jede Logik veranstaltete Coverband-Musiker Jensen im August 1990 in der Kiesgrube seines Heimatortes erstmals ein Open-Air-Konzert. Inzwischen lebt er seinen Traum vom eigenen Festival bereits seit 25 Jahren, hat mit einer Leichtigkeit für ihn gekämpft, die nur wenigen Menschen innewohnt. Einige seiner Erinnerungen wirken dabei kitschig, andere erzählen von einer Verkettung von unglaublichen Zufällen, "Am Anfang", erzählt er, "waren wir zu fünft. Und ich bin selbst aufgetreten am Freitagabend. Da gab es nur eine Band, meine." Da ist es, sein witziges Lachen, weil er sich über sich selbst und den Auftritt seiner Band Skyline amüsiert. Neben Holger Hübner und ihm organisierten noch drei andere mit, unter anderem Jensens Bruder. Nachdem 1993 Hardrock-Legende Doro Pesch da war ("Das war ein bisschen teuer"), sagten drei der Mitstreiter: "Macht das mal lieber alleine, wir werden zu nervös. Sie haben die Schulden mit abbezahlt und danach was Vernünftiges gemacht."

Ob er denn auch mal daran gedacht hat, was Vernünftiges zu machen? "Ja, wir haben dann irgendwann ..." Plötzlich unterbricht er sich, macht ein Gesicht, als wäre toxischer Abfall in seinem Kaffee und sagt " ... Nee, eigentlich nicht". Er hat nie daran gedacht, irgendwas Solides zu machen. So wie Scott Ian, der Gitarrist von Anthrax, eine Legende im Metal, der im Film sagt, dass er ein erwachsener Mann sei, der Gitarre spiele, und genau das sein wolle. Jensen war es egal, dass er zwischenzeitlich pleite ging, sein Geld als Zeltbauer verdienen musste oder kellnerte. Denn er mochte immer das Gefühl, dass sein Jahr im August vorbei war, "Mitte August wussten wir, ob es gut oder schlecht war, aber am Anfang war immer scheiße", lacht er und winkt mit einem kräftigen Schluck Kaffee ab.

Aber Improvisation war in den ersten Jahres ohnehin (fast) alles. Dort wo heute die Produktionskuhle ist, befand sich das ursprüngliche Festivalgelände. "In der Kuhle fanden Reitturniere statt", erzählt Jensen, "Und der Abreitplatz war höher, sah ein wenig aus wie ein Amphitheater. Auf diese natürliche Erhöhung stellten wir ein halbes Zelt hin, 30 mal 15 Meter Stahlrohr, das war damals schon komplett veraltet, viel zu schwer, und alles war verbogen. Durch die Schrägen konnte man wenigstens überall Licht reinhängen - ob das den Normen der Veranstaltungsbranche entsprach, wage ich ganz stark zu bezweifeln. Ob uns das Ordnungsamt diesen Aufbau abgenommen hätte, wenn einer gekommen wäre, auch."

Man kannte einen Kumpel, der bei einer Spedition arbeitete, so konnte man auf zwei LKW-Rücken (die Oberteile eines Lasters) die Boxen stellen. Und so zusammengestückelt die Ausstattung in den Anfängen war, "die Bühne war relativ groß". Deswegen hieß es schon früh bei den Künstlern "Wir wollen auf der 'großen Bühne' in Wacken spielen." Der Zufall und das Glück blieben stets an Hübners und Jensens Seite. Da war die Technikfirma, die viel mehr Lichter schickte als bestellt waren, oder später der andere Bekannte, dessen LKW-Flotte genutzt werden konnte. Immer wieder trafen sie auf Leute, die wie gerufen kamen. Doch wenn man Jensen unterstellt, dass sie einfach zur rechten Zeit am rechten Ort waren, winkt er ab: "Wir waren aber auch oft total verkehrt - oder zu früh." Es folgt ein schallendes Lachen.

Schnell hatte Wacken einen guten Ruf bei den Musikern. "Mit wenig Geld" zwar, "aber das fanden die schon schön, mit Sonnenbrille und Kippe im Hals über die Bühne zu laufen." Jensen und seine Mitstreiter schafften es auch, aus ihrem Festival Kapital zu schlagen - und nicht zu viel Geld durch bloße Zaungäste zu verlieren. "Das mit dem Campen war neu, das gab es mehr in nordischen Ländern. Die Leute feierten ihre Zeltparty und zahlten nicht. Wir haben die Autos abkassiert", erklärt er. Doch selbst das war zeitweise nicht genug: Trotz "rudimentärer Buchhaltung" gingen Jensen und Hübner 1998 "volles Brett Pleite - aber nicht wegen Wacken". Es waren die 300 anderen, von ihnen durchgeführten Veranstaltungen in Norddeutschland - das Repertoire reichte von Marianne und Michael über Eric Burdon bis zum politischen Kindertheater - die nicht genug Geld einspielten.

Doch dann gingen die Besucherzahlen in Wacken immer weiter hoch, jedes Jahr fühlten sich mehr Metal-Fans von der einzigartigen Atmosphäre des Festivals angezogen. 2014 ist das Festival 300 Fußballfelder groß, hätte man also alle 64 WM-Spiele nebeneinander gezeigt, wäre man bei einem Fünftel der Wacken-Fläche.

Inzwischen könnte sich Jensen Auftritte von wohl so ziemlich jedem Künstler, nicht nur im Metal-Bereich, locker leisten. Will er aber gar nicht. Vergangenes Jahr, als "Wacken 3D" entstand, trat Heino mit Rammstein auf. Der Volksmusik-Star ist nicht eine Minute im Film zu sehen, dennoch erzählt Jensen von der kuriosen Situation, "wie Hannelore bei mir im Backstage saß, auf der weißen Ledercouch, mit einem Gehstock mit Totenkopf und Strasssteinen - dahinter drei Deathmetal-Kapellen". Aber: Erst als Rammstein Heino einluden, war Jensen mit dem Auftritt einverstanden. Denn: "Ich kann Heino nicht vom Eintrittsgeld unserer Fans bezahlen, das funktioniert nicht. Aber so hat es uns keinen Pfennig gekostet. Und ich durfte Heino mal die Hand schütteln." Mittlerweile wollen auch ihm die Leute die Hand schütteln.

Quelle: teleschau - der mediendienst