Dominic Raacke

Dominic Raacke





Ein Mann voller Ideen

Mitten im Interview fängt es an zu donnern und zu blitzen. Sekundenschnell hat sich der Himmel schwarz gefärbt, Ex-"Tatort"-Kommissar Dominic Raacke (55) springt auf, um die Fenster zu schließen, kehrt zurück und lacht darüber, wie rasant das Wetter in Berlin - die Wahlheimat des Hanauers - doch umstürzen kann. Irgendwie passend, denn auch in dem neuen Trickfilmabenteuer "Drachenzähmen leicht gemacht 2" (Start: 24. Juli) geht es rasant zu - nur dass dort riesige Reptilien die Welt verdüstern. Raacke hat es sich nicht nehmen lassen, auch diesmal wieder dem Anführer der Wikinger seine samtig-tiefe Stimme zu leihen. Als raubeiniger Haudrauf - so der Name seiner Trickfigur - hat er seinen aus der Art geschlagenen Sohn Hicks zum Nachfolger auserkoren und begegnet seiner für tot geglaubten Ehefrau wieder.

teleschau: Sie sprechen in "Drachenzähmen leicht gemacht 2" wieder den derben Wikinger-Häuptling Haudrauf. Sind Sie freudig ins Synchronstudio zurückgekehrt oder war es einfach nur ein Job?

Dominic Raacke: Das ist eine sehr ehrenvolle Aufgabe, weil so ein Film mit sehr viel Aufwand und Kreativität entstanden ist. Man braucht sich ja nur mal den Abspann anzuschauen. Da stehen hunderte, wenn nicht sogar tausende Mitarbeiter, die mit viel Kraft, Energie und kreativem Input daran gearbeitet haben. Davon ein kleiner Teil zu sein, in dem Fall die deutsche Stimme einer Figur, war für mich mehr ehrenvoll als nur ein Job.

teleschau: Wie stehen Sie generell zu Trickfilmen?

Raacke: Also ich wollte schon immer zum Film - gerade Zeichentrickfilme haben mich fasziniert. Ganz prägend war für mich Walt Disney, und einer der ersten Filme - die ich im Kino richtig wahrgenommen habe - war "Das Dschungelbuch". Der gehört zu den Klassikern, die man sich immer wieder ansehen kann. Ich weiß noch, dass ich 30 Jahre später "Das Dschungelbuch" mit meiner Tochter sah, die ebenso fasziniert war. Aber auch ich konnte mich noch voller Begeisterung dieser Geschichte wieder hingeben.

teleschau: Hätten Sie dann nicht eigentlich Trickfilmzeichner werden sollen?

Raacke: Ein Walt Disney zu werden, war früher tatsächlich mal ein Berufswunsch von mir und inspirierte mich, selbst viel zu zeichnen. Ich fand Walt Disney immer sehr interessant, weil dieser Typ auch ganz viele Tier-Dokumentationen drehte, die dann auch wieder als Vorbilder für seine Zeichentrickfilme dienten. Es waren im Grunde genommen Studien von Bewegungsabläufen der Tiere. Schließlich fing auch ich als Junge an, kleine Zeichentrickfilme zu drehen.

teleschau: Was waren das für Filme?

Raacke: In meiner Zeit waren das Super-8-Filme mit einer Länge von etwa 30 bis 60 Sekunden. Bei 24 Bildern pro Sekunde musste man viel zeichnen, weshalb meine Filme eher kurz ausfielen. Einmal habe ich ein Mainzelmännchen gemalt, das sich selbst ein Holzbein absägt. Ein anderes Mal zeichnete ich einen Kellner, der einem Gast eine Bombe serviert, die dann explodiert. Später drehte ich auch Puppenfilme mit einem Astronauten auf einer Mondstation.

teleschau: Bereuen Sie manchmal, diesen Beruf dann doch nicht ergriffen zu haben?

Raacke: Natürlich sieht man auch das bei heutigen Animationsfilmen, dass es inzwischen so viele Spezialisten gibt, die sich auf eine Sache konzentrieren müssen und oft nur für die Haare oder die Konturen der Haut zuständig sind. Diese Perfektion liebt man natürlich an diesen Filmen, etwa die Drachenflüge durch die Wolken in 3D. Es sind die Kleinigkeiten, die so einen Film auszeichnen, wenn sich Härchen aufstellen, wie sich die Haut verändert, wenn sich eine Figur bewegt. Da hat sich seit "Das Dschungelbuch" wahnsinnig viel getan, aber ich wüsste nicht, ob ich gern derjenige wäre, der sein Leben lang Hautpartikel zeichnet oder Haare zum Schwingen bringt.

teleschau: Zumal heute nicht mehr auf Papier gezeichnet wird, sondern alles am Computer entsteht.

Raacke: Ach, ich glaube schon, dass die erste Zeichnung noch mit dem Stift entsteht, wenn vielleicht auch nur auf einem Pad, wo auf einer Unterlage gezeichnet wird, die dann gleich elektronisch abgetastet wird und auf dem Bildschirm entsteht. Aber die Genauigkeit und Witzigkeit einer Figur entspringen immer noch der menschlichen Kreativität. Der Computer ist nur Hilfsmittel. Trotzdem: Ich selbst sehe mich als jemand, der sich lieber die Geschichten und die Dramaturgie dazu ausdenkt, und ein Geschichtenerzähler bin ich auch hoffentlich geworden.

teleschau: Stimmt es Sie nicht auch ein bisschen traurig, dass die Ära der Zeichentrickfilme längst vorbei ist?

Raacke: Nein, sie sind von einer anderen Art von Animationsfilmen abgelöst worden. Jede Sache hat ihre Zeit und so viel anders ist es heute ja nicht. Die Technik hat sich verbessert, die Mittel sind aufwändiger und die Möglichkeiten sind größer geworden. Am Ende steckt wie gesagt immer noch die Idee eines Menschen dahinter - und das ist das Entscheidende.

teleschau: Zeichnen Sie auch heute noch?

Raacke: Ja, sogar regelmäßig und einfach nur für mich. Man muss ja nicht alles, was man von sich gibt, veröffentlichen. Ich bin also gar nicht erpicht darauf, irgendwelche Ausstellungen zu machen.

teleschau: Und Sie schreiben auch ...

Raacke: Ja, ich bin noch als Drehbuchautor tätig - eigentlich schon immer und bevor ich Schauspieler wurde, denn wie bereits erzählt, dachte ich mir als kleiner Junge Geschichten aus. Die hatte ich aufgeschrieben oder ich machte Hörspiele und kleine Filme daraus.

teleschau: Wovon lassen Sie sich inspirieren - sowohl beim Zeichnen als auch beim Geschichtenausdenken?

Raacke: Das können die unterschiedlichsten Momente in meinem Leben sein - etwa ein Fußballspiel zwischen Deutschland und Brasilien, bei dem ich versuche, einen Kopfball-Spieler zu zeichnen. Es kann aber auch die Wartezeit am Flughafen sein, die ich nutze, um mich von meiner Umwelt inspirieren zu lassen. Alles ist möglich, aber ich bin schon eher einer, der das Leben und keine Außerirdischen abbilden will.

teleschau: Das heißt, Sie haben Papier und Stift immer bei sich?

Raacke: Ja, habe ich immer dabei. Zum einen, um etwas zeichnen zu können, und zum anderen, um auf die Schnelle eine Idee ins Büchlein oder auf einen Zettel zu kritzeln. Das ist eine gute Erinnerungshilfe.

teleschau: Könnten Sie sich eigentlich vorstellen, irgendwann mal selbst einen Trickfilm zu realisieren?

Raacke: Nein, weil das ein Unterfangen ist, was mir zu lange dauern würde. In Deutschland Filme zu realisieren, ist sowieso schwierig, und bei der Vormacht der Amerikaner auf dem Trickfilmmarkt hat man wohl eher die schlechteren Karten. Damit können wir nicht konkurrieren und ich kenne auch keinen Film dieser Art, der hier entstanden ist, der sich mit amerikanischen Animationsfilmen messen könnte.

teleschau: Welche US-Trickfilme begeisterten Sie in letzter Zeit sonst noch?

Raacke: Neulich habe ich mir mal "Ratatouille" angesehen, der ja inzwischen schon ein Klassiker geworden ist. Ein wunderschöner Film, der mir auch vom Artwork gut gefallen hat. Bei Steven Spielbergs "Die Abenteuer von Tim und Struppi" war ich anfangs sehr besorgt, als ich die ersten Bilder sah. Doch dann war ich davon hingerissen, wie virtuos die Umsetzung gelungen ist. Einfach toll!

teleschau: Gehen Sie gern und oft ins Kino?

Raacke: Ich bin schon immer Cineast gewesen, und als Kind war ich sogar noch Fernseh-Junkie! Von daher ist Film etwas ganz Wichtiges für mich, und Kino ist auch nicht zu ersetzen. Wenn man "Drachenzähmen leicht gemacht 2" später zu Hause guckt, vielleicht sogar auf einem 3D-Fernseher, ist es trotzdem nicht das gleiche Erlebnis. Das geht mir aber nicht nur bei exorbitanten Superproduktionen so, sondern oft auch bei ganz kleinen Filmen, die gerade im Kino eine eigene Kraft entwickeln.

teleschau: Momentan sind US-Serien wie "Breaking Bad" oder "House of Cards" angesagt. Gehören Sie da auch zu den Fans?

Raacke: Ich bin der totale Serienfreak - selbstverständlich. (lacht)

teleschau: Ihre Empfehlungen?

Raacke: Mit "True Detective" bin ich gerade durch, und gerade habe ich das Finale von "House of Cards" gesehen, wo Kevin Spacey zum Präsidenten wird. Jetzt bin ich gespannt, wie es da weitergehen wird. Wieder angefangen habe ich auch mit "Die Sopranos", die ja schon über zehn Jahre alt ist, aber Erzählung und Emotionalität sind immer noch hervorragend. Momentan schreibe ich selber an einer Serie, weil das für mich das Fernsehen ist. Wir könnten davon viel mehr gebrauchen und ich habe auch die Hoffnung, dass wieder mehr möglich ist.

teleschau: Wie kommen Sie darauf?

Raacke: Es liegt momentan ein erhöhter Druck drauf, Geschichten auch mal anders zu erzählen. Noch vor einigen Jahren war es noch ein Schimpfwort, wenn man mit einer Serie an einen Sender gegangen ist, inzwischen ist es jedoch zum Modewort geworden.

teleschau: Können Sie uns denn schon etwas über Ihre geplante Serie erzählen?

Raacke: Nein, bei ungelegten Eiern ist das immer so eine Sache. Aber wenn der Tag kommen sollte, werde ich sowieso über nichts anderes mehr sprechen, weil das die Babys sind, die einem besonders am Herzen liegen. Aber eins muss einem auch klar sein: Es ist sehr zeitintensiv - also nicht nur Animationsfilme, sondern auch eigene Ideen, die man umsetzen will. Man braucht dafür immer Verbündete.

Quelle: teleschau - der mediendienst