Die innere Zone

Die innere Zone





Tunnel der Halluzinationen

Dieser Film nimmt einen sofort gefangen. Alles ist schön. Die Umgebung ist wundervoll, sie badet in Metallicas Orchesterversion von "Nothing Else Matters". Das Haus ist in Licht und Schatten getaucht, die Fenster sind symmetrisch angeordnet. Eine weiche Stimme sinniert über ihr Leben. Das alles wirkt geheimnisvoll und toll. Doch auf die Idee, dass es sich bei "Die innere Zone" von Fosco Dubini um einen Science-Fiction-Film handelt, der ein Reaktorunglück in der Schweiz zur Grundlage hat, darauf kommt man wahrlich nicht ohne zusätzliche Informationen.

Am 21. Januar 1969 ereignete sich in einem atomaren Testreaktor in einem Tunnel in den Schweizer Alpen ein Unfall, vergleichbar der Kernfusion in Tschernobyl oder Fukushima, nur im Kleinen. Der Tunnel konnte geschlossen werden, bevor radioaktive Strahlung austrat. Gesprochen wurde über diesen Vorfall bisher wenig, und hier steigt der Film ein. Denn er erwartet Spätfolgen im Jahr 2023. Dann wird die Psychologin und Wissenschaftlerin Marta (Jeanette Hain) an die Tunnelbaustelle geholt. Sie soll Kontakt mit den drei Wissenschaftlern aufnehmen, die dort arbeiten, das Klima im Tal hat sich verändert.

Marta hat, seit sie an einem Biosphärenexperiment teilnahm, Halluzinationen, sie hört Stimmen, wirkt in sich gekehrt, doch sie nimmt den Auftrag an. Dieser Film könnte vieles werden, er könnte den einsamen, aber erfolgreichen Weg einer Mutter zeigen, die über den Tod ihres Kindes hinwegkommt oder eine einfache Liebesgeschichte, denn was auch immer mit dieser schönen Frau nicht stimmt, sie muss zurück ins Leben.

Möglich wäre auch, einfach die spannenden Bilder zu sehen und Martas Philosophien über das Leben zuzuhören. Aber "Die innere Zone" ist ein Science-Fiction-Film, ein sehr ruhiger zwar, aber gleichwohl auch ein sehr gewöhnungsbedürftiger. Denn die Frau stößt auf ein Gruselkabinett an Menschen, einen greisenhaften Jungen am Wegesrand, einen Wissenschaftler, der sich sogleich auf sie stürzt. Die Psychologin gibt über Kopfhörer die Informationen durch, "eine Art Höhenrausch" hätte der stöhnende Kollege. "Er zeigt Symptome!", sagt sie, und man hört deutlich das Ausrufezeichen, doch die Gegenseite ist verlassen.

Es ist kein Verbrechen, diesen Film nicht zu verstehen. So viel bleibt unerklärt: evakuierte Kinder, radebrechende Haushälterinnen (Lilli Fichtner, "Das weiße Band"), der Tunnel, der das eigentliche Ausflugsziel ist. Vielleicht sollte man den Gedanken des Science-Fiction zurück in die Vergangenheit projizieren, denn die Reise ins Unbekannte wird zur Reise in das eigene Ich. Wann immer Realität und Fiktion kollidieren, gelingt es auch der ambitionierten Jeanette Hain nicht, den Zuschauer mitzunehmen. Kernschmelze, Biosphärenexperimente, hysterische Mitreisende bei den Wanderungen unter Tage sind ein wenig viel, und wenn man dann noch dem Ende entgegenrudern muss, nützt auch die beste Schauspielkunst nichts mehr.

Quelle: teleschau - der mediendienst