The Purge: Anarchy

The Purge: Anarchy





So purgen die Reichen, Baby

Armut, Kriminalität und Arbeitslosigkeit sind in den USA des Jahres 2023 auf einen Tiefpunkt gefallen, seit die Bürger alle zwölf Monate für zwölf Stunden ungesühnt übereinander herfallen und sich so von ihren bestialischen Impulsen reinigen dürfen. Die Prämisse des letztjährigen dystopischen Thriller-Schockers "The Purge - Die Säuberung" genügt auch für die Fortsetzung "The Purge: Anarchy", wird aber um die alarmierende Botschaft ergänzt: Achtung - das Ganze ist nur ein Geschäft, bei dem sozial Schwache entsorgt werden! Da lässt sich für 100.000 Dollar auf dem Konto seiner Nachkommen ein kranker älterer Afroamerikaner von vermögenden "Purgern" auch schon mal freiwillig schlachten. "So purgen die Reichen, Baby", erklärt Eva (Carmen Ejogo) wiederum ihrer halbwüchsigen Tochter Cali (Zoë Soul).

Vom blutrünstigen Sozialdarwinismus bekommt der Film kaum genug. In der Nacht des Purgens von sechs Uhr abends bis sechs Uhr morgens wird in "The Purge: Anarchy" nun eine ganze Stadt in Ausnahmezustand versetzt, inklusive brennender Busse und Maschinengewehrsalven, die aus Trucks regnen. Zweifellos ist der zweite Teil breiter angelegt, aber auch so unendlich viel flacher. Auf Suspense wird gänzlich zugunsten einer Lust am Schlachten verzichtet. Wird sie durch den politischen Anspruch gezügelt oder eher ausgeweitet?

Fünf Menschen irren durch die Nacht des erlaubten Terrors. Mutter Eva und Tochter Cali werden von seltsamen Sondereinheiten gejagt, das Ehepaar Shane (Zach Gilford) und Liz (Kiele Sanchez) von einer Gang jugendlicher Maskierter. Sie überleben nur dank des schwer bewaffneten Einzelgängers Sarge (Frank Grillo). Sie ahnen nicht, dass der ehemalige Polizist fieberhaft den Mann sucht, der seinen Sohn totgefahren hat.

Über Werbetafeln, in die er sich einhackt, denunziert derweil ein Untergrundkampf-Führer namens Camelo (Michael K. Williams) die Purge als staatlich angeordnete Ausrottung der Armen, an der sich die oberen Zehntausend ergötzen dürfen. Was er damit meint, erfahren Eva, Cali und die anderen, als sie in einer hermetisch abgeschlossenen Arena vor betuchtem Publikum um ihr nacktes Überleben kämpfen sollen. "Empört Euch!" schallt es von Camelo seinen Zuschauern und Zuhörern entgegen. Statt der Wutbürger-Formel von Stéphane Hessel folgt "The Purge: Anarchy" jedoch klammheimlich eher dem Imperativ: "Killt einander!"

Dem Vorwurf der Gewaltverherrlichung entkommt "The Purge: Aanarchy" durch ein äußerstes Minimaß an Ambivalenz. Eine Linie des ersten Teils ausziehend, wird verbrecherischer, dekadenter Gewalt von oben eine gerechte Gewalt von unten entgegengestellt, die politische Veränderung will. Allerdings ist Widerständler Camelo mit seinem Barrett kein Sympathieträger, sondern wirkt wie ein Dritte-Welt-Diktator. So ist es dem Zuschauer überlassen, dieses Gemetzel gut, jenes verabscheuungswürdig, oder alle verdammenswert zu finden. "The Purge: Anarchy" verzichtet darauf, Stellung zu nehmen, sorgt aber, nicht zuletzt mit dem Ausgang von Sarges Rachefeldzug, für ein zweifelhaftes moralisches Alibi seiner Exzesse.

Quelle: teleschau - der mediendienst