Wir sind die Neuen

Wir sind die Neuen





Zusammen Rücken

Eine hinreißende Generationskomödie sollte "Wir sind die Neuen" werden - und die Zeichen dafür standen gut. Denn Ralf Westhoff ist ein ausgezeichneter Regisseur, einer, der aus ganz wenig sehr viel macht. Er schraubt ewig an Dialogen, schleift, poliert, dichtet um. Der gebürtige Münchner schenkte dem Single-Publikum seiner und vieler anderer Städte sein Debüt "Shoppen". In Episoden stellte er Paare vor, die sich beim Speed Date kennenlernen, traf 2007 den Nerv der Zeit, erhielt den Bayerischen Filmpreis für sein Drehbuch und die "beste Nachwuchsregie", wenngleich er 1969 geboren, nicht unbedingt mehr als Twen durchgeht.

Westhoff präsentierte nicht nur einen ausgezirkelten Low-Budget-Film, der sehr viel Vergnügen bereitete, er kreierte sich seinen eigenen Talentepool, ebnete einer Julia Koschitz oder einem Felix Hellmann den Weg. Nicht nur deren Popularität draußen schob er an, er drehte mit jenen beiden seinen nächsten Film "Der letzte schöne Herbsttag", und schon hatten etliche Menschen einen neuen Lieblingsregisseur, weil der ehemalige Radioredakteur seine Lust am Inszenieren gekonnt auslebt. Er beobachtete eine "in die Jahre gekommene" Beziehung präzise. Vom Schmerz zur Lächerlichkeit und zurück schickt er Koschitz und Hellmann durch das Dickicht ihrer Gefühle und machte da weiter, wo Katja von Garnier ihre Fans von "Abgeschminkt" in den 90-ern stehenließ. Wobei Westhoff ganz auf der Höhe der Jetztzeit des Jahres 2010 war.

Vier Jahre später darf er nun richtig loslegen, bekommt Heiner Lauterbach, Gisela Schneeberger und deutlich mehr Geld an die Hand. In "Wir sind die Neuen" ziehen drei sentimentale Alte, die früher in einer Wohngemeinschaft lebten, noch mal zusammen. Sie wollen in der schönen Altbauwohnung in die Nacht hineintrinken, philosophieren und neue Kontakte knüpfen. "Hallo, wir sind die Neuen", stellen sie sich ihren Nachbarn vor, einer Wohngemeinschaft aus zukünftigen Karrierehengsten. Und schon ist der Spaß vorbei.

Bisher, sagt Westhoff, war er es gewohnt, der Jüngere zu sein, doch die Alten sind seine Zukunft. Vielleicht habe er sie deshalb so liebevoll gezeichnet, er sei jedoch weit davon entfernt, das Altern zu romantisieren. Er wolle die Realität hinterfragen und braucht "drei Jahre, um 90 Minuten unterhaltsam zu sein". Um eine gute Geschichte zu erzählen, sagt er, müsse man sensibel sein. Um die eigene Version dieser zu verteidigen, sei das eher hinderlich.

Zwischentöne setzte der Regisseur in seinen ersten beiden Langfilmen wunderbar um. Diesmal ist er hin- und hergerissen zwischen Kunst und womöglich dem Anspruch, durchzustarten. Dabei will er nicht zu melodramatisch oder gar kitschig werden und gibt den ungleichen Nachbarn eigenwillige Gesichter. Alt und gesellig die einen, obwohl sie in ihrer Not Fliegen fressen und eigentlich gar nicht zusammenziehen wollten. Die Jungspunde von nebenan benehmen sich schlecht. Sie sind nicht nur miesepetrig, sondern bösartig, sagen hanebüchene Sätze auf und legen keinerlei Emotionalität an den Tag. Patrick Güldenberg, Karoline Schuch, Claudia Eisinger verblüffen mit einer atemberaubend schlechten Schauspielleistung, da können die Alten sich drehen und wenden wie sie wollen.

Dazu kommen Drehbuchverrenkungen, wie die skurrile Annäherung der Parteien, als einer Jungen schlimm Rücken hat. Westhoff wollte so unbedingt anders sein, dass er nicht bemerkte, wie er im Bereich Daily Soap landete. Kurz: Die Inszenierung geht komplett schief. Niemand will mit Menschen, die sich so verhalten, ein gutes Verhältnis. Daneben kratzt Westhoff an zu vielen Themen, den "Alten" in der Gesellschaft, die unbezahlbaren Mietpreise in Großstädten. Er grub sich immer tiefer in sein Loch, um schließlich die Orientierung zu verlieren. Das ist schade.

Dass Westhoff jetzt beim Münchner Filmfest dennoch den Regiepreis gewann, ist erstaunlich. Doch einem Kind seiner Stadt applaudiert man gerne. Heimvorteil? Ein hoher Werbeetat? Doch Westhoff hat es verdient, dass sein Verleih an ihn glaubt, er hat es verdient, dass er jetzt mit Großen arbeiten durfte, mit Namen, die das Fernsehpublikum kennt. Und er hat es verdient, dass wir auf seinen nächsten Film warten.

Quelle: teleschau - der mediendienst