Lars Reichow

Lars Reichow





Unterhaltung mit Haltung

Lars Reichow hat als Kabarettist fast alles und jeden auf dem Kieker. Der 50-Jährige lebt auf der Bühne davon, sich über andere zu ärgern. Ralph Siegel, Uli Hoeneß, Wolfgang Joop - wer negative Schlagzeilen macht, hat einen Platz in Reichows Programm nahezu sicher. Jetzt, als Sommervertretung von Oliver Welke und dessen "heute Show", kümmert sich Reichow mal um etwas ganz Anderes: Verbraucherthemen. In seiner Sendung "Ohne Garantie" (ab 11.7., freitags, 22.30 Uhr, ZDF) will er unterhaltsam über Verbrauchertäuschungen vom Bürokratieirrsinn bis zur Steuerverschwendung hinweisen. Ein Gespräch über den Drang, zu allem eine Meinung zu haben, Wutausbrüche als Entspannungsstifter und eine neue Show als "Riesenchance".

teleschau: Herr Reichow, heute schon geärgert?

Lars Reichow: Nein, nicht dass ich wüsste. Wieso, haben Sie was vorbereitet?

teleschau: Ärgern Sie sich nicht so häufig im Alltag?

Reichow: Doch. Aber den Alltag kennt man ja schon ganz gut, und deshalb kann man so manchem Ärger auch aus dem Weg gehen. Ich bin eher auf der Suche nach Freude.

teleschau: Und wann haben Sie sich zuletzt über sich selbst geärgert?

Reichow: Ich finde es unheimlich doof, wenn ich den gleichen Fehler schon wieder mache. Ich packe meinen Koffer für die Tournee und vergesse irgendwas, einen Schlafanzug zum Beispiel. Noch schlimmer ist natürlich, wenn man die Bühnenkleidung zu Hause liegen lässt.

teleschau: Denken Sie viel darüber nach, was Sie geärgert hat?

Reichow: Nein, eigentlich nicht. Ich lebe immer nach vorne. Wenn der Ärger weg ist, dann muss was Besseres kommen. Ich bin immer selbstkritisch, aber niemals zerstörerisch. Lob von außen freut mich, aber ich denke schon daran, was ich besser machen kann. Ich finde, man sollte sich immer mal ausruhen, aber niemals stehenbleiben.

teleschau: Klingt sehr reflektiert - und überraschend. Schließlich sagten Sie zuletzt, Sie würden sich nicht mal gut genug kennen, um ihren Hauptcharakterzug benennen zu können. Scherz oder Wahrheit?

Reichow: Sagen wir so: Ich ahne ungefähr, wo meine Stärken und Schwächen liegen, aber ich lebe nicht davon, dass ich ständig die Wirkung überprüfe. Meinen Zustand kann man meistens bei mir im Gesicht ablesen.

teleschau: Und was ist nun Ihr Hauptcharakterzug?

Reichow: Ich bin Zwilling, und ich glaube, auch ein sehr typischer. Einer mit vielen Interessen, mit vielen Wünschen gleichzeitig. Ich bin ein neugieriger Mensch und jemand, der am meisten aus Erfahrung lernt. Deshalb lebe ich immer ein bisschen am Rand der Erschöpfung, aber ich liebe die Entspannung danach.

teleschau: Auch in Ihren Bühnenprogrammen und Fernsehshows fahren Sie Ihre Arme in alle Richtungen aus - und ärgern sich über alles Mögliche. Vor allem aber über Prominente in den Schlagzeilen: Ralph Siegel, Bushido, Uli Hoeneß, Ex-Bischof Tebartz-van Elst, Wolfgang Joop, Sepp Blatter - sie alle waren schon auf Ihrer kabarettistischen Zielscheibe. Was treibt Sie an zum regelmäßigen Promi-Bashing?

Reichow: Meine verbalen Wutausbrüche sind wie reinigende Gewitter. Das ist das Schöne an diesem Beruf: Wenn mich jemand wirklich sehr stark ärgert, dann kriegt er verbal eins auf die Mütze. Man sollte in diesen Fällen allerdings gute Quellen haben und sich nicht zu früh hinreißen lassen zu einer Überreaktion. Ich folge da gern meinem Bauchgefühl, das mich bisher selten getäuscht hat.

teleschau: Haben Sie ein Beispiel für einen Volltreffer?

Reichow: Jemand, der ganz eindeutig Dreck am Stecken hat: Sepp Blatter. Solche Leute muss man an den Pranger stellen, bis an die Grenze der Verleumdungsklage. In meinem Job darf man einen Fehler nicht machen: Keine Meinung zu irgendwas zu haben!

teleschau: Klingt fast nach einem Auftrag, den Sie fühlen.

Reichow: Ich bin in den meisten Fällen weniger reflektiert als zornig. Ich denke nicht an einen Auftrag, den ich vielleicht habe oder nicht, sondern mehr an die Gefühle, die bei mir ausgelöst werden durch Themen, Personen und ihre Handlungen. Das gilt übrigens auch im Privaten. Wenn ich einen Auftrag habe, dann ist es vielleicht der, dass das Publikum eine klare Haltung von mir erwarten kann. In meinem Arbeitsvertrag steht die freie Meinungsäußerung ganz dick drin!

teleschau: Hatten Sie schon mal das Gefühl, dass Ihr Bashing etwas bewirkt?

Reichow: Ich bilde mir das manchmal ein. Es gab eine Radiosendung über Bayreuth, da hab ich mich über den Wagner-Clan geäußert. Damals lebte noch die relativ unbeliebte Frau von Wagner-Enkel Wolfgang. Diese unangenehme Frau hatte ich mir in der Sendung vorgenommen. Drei Tage später war sie tot. - Aber es gibt natürlich keinen Zusammenhang. (lacht) Ich liebe das Gesamtkunstwerk! Kabarett ist keine Waffe, es ist ein gutes Gewissen.

teleschau: In Ihrer neuen Verbraucher-Show "Ohne Garantie" gehen Sie nun neue Wege und sprechen über Verbraucherthemen. Was reizt Sie daran?

Reichow: Wir arbeiten gerade mit dem ZDF an der Geburt dieses ganz neuen Formats, für das es kein Vorbild gibt. Eine tolle Aufgabe. Ich glaube, dass dieses Format große Chancen hat auf einen Riesenerfolg. Es gibt unendlich viele und interessante Verbraucherthemen. Und man kann auch hier Haltung zeigen. Vor allem aber gibt es eine glänzende Verbindung zur Unterhaltung: Wir machen eine Sendung für Leute, die sich nicht mehr über sich selbst ärgern wollen, sondern sich freuen, wenn sie merken, dass es allen so geht.

teleschau: Haben Sie im Bereich Fernseh-Unterhaltung ein Vorbild?

Reichow: Ganz klar: Oliver Welke setzt mit der ZDF "heute Show" den Maßstab. Weil er politische Inhalte sehr komisch, aber auch mit einer Haltung vermittelt. Er kriegt es sogar hin, dass sich das junge Publikum dafür interessiert. Unterhaltung mit Haltung. Viel Spaß, aber auf der Seite der Richtigen. Nicht bei den Bösen. Darum geht es. Das ist genau unser Plan mit der Verbraucher-Show "Ohne Garantie".

teleschau: Wie haben Sie die ersten Aufzeichnungen erlebt?

Reichow: Ich bin da reingekommen und dachte: Das ist ein geiler Arbeitsplatz! Ein Studio wie ein Kammermusiksaal, riesige Video-Wände und das Beste: ein eigener, riesiger, runder Schreibtisch, an dem ich mich austoben kann. Außerdem habe ich wahnsinnig tolle Kollegen dabei: Mein "Kompetenz-Team" Judith Richter, Wolfgang Trepper und Bernhard Hoecker passt ideal. Um es kurz zu machen: Wir freuen uns auf eine Riesenchance.

teleschau: Ist das für Sie derzeit fernsehmäßig das Optimum? Oder träumen Sie gerade noch von einem anderen Format auf einem anderen Sendeplatz?

Reichow: Früher hab ich geträumt vom Samstagabend, Prime Time! Aber das ist jetzt anders. Man muss wissen, wo man hingehört und das richtige Format finden. Ich glaube, dass ich mit der SWR-Kultursendung "Kunscht" das Richtige gefunden habe und mit "Ohne Garantie" im ZDF auch viel Spaß haben könnte. Am besten in mehreren Sendern gleichzeitig. Ich bin doch Zwilling.

Quelle: teleschau - der mediendienst