Toby Stephens

Toby Stephens





Ein Date mit Captain Flint

Rein optisch ist Toby Stephens ein Hingucker. Der markant männliche Londoner überzeugt allerdings nicht nur durch gutes Aussehen, er ist auch ein hervorragender Schauspieler. Kein Wunder, bei diesen Eltern. Stephens wurde 1969 als Sohn von Robert Stephens und Maggie Smith geboren. Robert Stephens gilt als wichtigster britischer Bühnenmime nach Laurence Olivier. Maggie Smith ("Gosford Park", "Harry Potter") ist bis heute eine der besten Schauspielerinnen des Vereinigten Königreichs. Auch Toby Stephens, Vater dreier Kinder, überzeugte zunächst auf der Bühne, bevor Fernsehen und Kino ihn entdeckten. Als Captain Flint trägt er nun schon zwei Staffeln lang das Piraten-Ensemble der Serie "Black Sails". In Deutschland ist Staffel eins ab 25. Juli immer freitags, 20.15 Uhr, als Free-TV-Premiere bei ProSieben zu sehen.

teleschau: "Black Sails" erzählt die Vorgeschichte des großen Abenteuerromans "Die Schatzinsel". Hat das Buch oder dessen Geschichte Ihre Kindheit beeinflusst?

Toby Stephens: Ich habe wie viele englische Jungs das Buch als Kind gelesen. Zuvor hatte ich allerdings schon die "Muppet"-Version im Fernsehen gesehen. Deshalb erinnere ich mich daran, dass ich mich beim Lesen wunderte, dass die Geschichte von echten Menschen und nicht von Puppen erzählt (lacht).

teleschau: Vor "Fluch der Karibik" schien sich jahrzehntelang kein Filmemacher für Piraten zu interessieren. Warum eigentlich?

Stephens: Es war einfach zu teuer. Man brauchte historische Schiffe, viele Menschen und aufwendige Kostüme. Dazu ein Meer mit Sonnenschein. Alles in allem ein kostenintensives und planerisch wackeliges Unternehmen. Der erste "Fluch der Karibik"-Film ist nur entstanden, weil die Macher bereit waren, extrem viel Geld auszugeben. Im Nachhinein hat sich das wohl gelohnt.

teleschau: Kann man "Black Sails" mit "Fluch der Karibik" vergleichen?

Stephens: Nein, wir gehen mit der Serie einen ganz anderen Weg. Zum einen gibt es sie, weil die Produzenten Methoden gefunden haben, das Ganze kosteneffizient zu produzieren. Die ästhetische Idee ist allerdings auch eine andere. Vor "Fluch der Karibik" war das Piratengenre totgeritten. Es gab einen Haufen Klischees, vom Holzbein bis zur Augenklappe. "Fluch der Karibik" überhöhte diese Mythologie, mischte sie humorvoll mit anderen Genres und produzierte so einen ziemlich frischen Film. Bei "Black Sails" lassen wir die Stereotypen, die Klischees der Piratenfilme völlig hinter uns und versuchen zu zeigen, wie es wirklich war.

teleschau: Wie waren denn Piraten wirklich?

Stephens: Es waren verzweifelte Leute, die keine andere Alternative im Leben hatten, als Handelsschiffe auszurauben. Viele Piraten waren zuvor ganz normale Matrosen auf Handels- oder Marineschiffen. Dort hatte man sie übers Ohr gehauen, ihnen Hungerlöhne bezahlt, so dass sie nicht einmal sich selbst davon ernähren konnten. Es gab auch viele Afrikaner unter den Piraten, ehemalige Sklaven. Vorher hatten sie auf jenen Schiffen geschuftet, die von Piraten geentert worden waren. Insofern kann man fast sagen: Die Piraten haben diese Sklaven befreit.

teleschau: Warum fahren bereits kleine Jungs - scheinbar genetisch festgelegt - so unglaublich auf Piraten ab?

Stephens: Sie haben Recht, auch ich habe meine erste Piratenparty mit Vier gefeiert! Piraten bieten einfach eine gigantische Projektionsfläche. Sie führen ein wildes, freies Leben. Sie nehmen das Gesetz selbst in die Hand. Sie durften sogar ihren Kapitän selbst wählen. Ich glaube, das ist der Grund dafür, warum Kinder Piraten so lieben: Sie dürfen selbst bestimmten - der Traum eines jeden Kindes. Die Projektionen der Menschen auf Piraten waren übrigens schon zu deren Lebzeiten genauso groß. Im England des 18. Jahrhunderts erzählte man sich die wildesten Dinge über Piraten - halb verängstigt, halb bewundernd. Das Bild von Piraten war nie realistisch. Insofern finde ich es interessant, dass wir diesen Ansatz in der Serie verfolgen.

teleschau: Mit "Crossbones" ist nun sogar ein zweites, ernsthaftes Piraten-Drama mit John Malkovich im amerikanischen Fernsehen gestartet. Warum ist die Zeit scheinbar reif für "realistische" Piraten?

Stephens: Ich denke, das ist der natürliche Lauf der Dinge. Das Western-Genre hat diesen Prozess schon lange hinter sich. Früher waren Western meist extrem klischeehaft. Später gab es dann "New Western", der das Ganze realistischer betrachtete. Vor ein paar Jahren folgte dann eine solch großartige Serie wie "Deadwood", über die man das Leben damals noch einmal ganz neu fühlen und entdecken konnte. Ich fände es toll, wenn wir diesen Anspruch, diese Leistung mit "Black Sails" für die Piraten leisten könnten.

teleschau: Ein Aspekt an der Serie ist, dass sich darin eine Gruppe schlechter Menschen an einem Vorläufer von Demokratie versucht. Sehen Sie diesen Aspekt auch?

Stephens: Absolut. Ich finde sogar, dass "Black Sails" eine äußerst politische Serie ist. Hinter den Kulissen der schönen, aufregenden Piratenbilder geht es vor allem um Politik. Was dabei deutlich wird: Demokratie und Realpolitik stehen immer in einem Spannungsverhältnis zueinander.

teleschau: "Black Sails" wird vom amerikanischen TV-Sender Starz produziert. Der steht fürs publikumswirksame Inszenieren von Action, Sex und Gewalt wie zum Beispiel in der Serie "Spartacus". Auch bei "Black Sails" gibt es diese Elemente ...

Stephens: Ich sehe dennoch einen großen Unterschied zu einer Serie wie "Spartacus". Sie sagten es ja: Die Gewalt in "Spartacus" wird inszeniert, überhöht. Es ist ein Stilmittel der Serie. Bei uns ist die Gewalt eher nackt, sie ist Teil des Jobs. Natürlich gab es auf Piratenschiffen Gewalt, sie war allgegenwärtig. Aber wir inszenieren sie jedoch eher nüchtern. Sex und Nacktheit machen ebenfalls historisch Sinn. Die Gesellschaft, vor allem die englische, war in jener Zeit - der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts - wahnsinnig prüde und repressiv, was den Körper betrifft. Auch davon haben sich die Piraten frei gemacht, was sicher seinen Teil zum Mythos beigetragen hat.

teleschau: Sie haben jetzt zwei Staffeln der Serie abgedreht. Wie intensiv ist der Job?

Stephens: Sehr intensiv. Wir sind sieben Monate pro Jahr in Südafrika und schuften dort wie die Pferde. Vor allem, wenn man wie ich kleine Kinder daheim in England hat, ist das schon hart, so viel Zeit getrennt zu verbringen. Natürlich besucht mich meine Familie immer in den Ferien. Auch ich bekomme ein paar kurze Pausen für Flüge nach Hause. Die Arbeit selbst ist speziell, aber auch sehr erfüllend. Das Seltsame an unserer Serie ist, dass sie einerseits voller Action ist - und deshalb viele körperlich anstrengende Szenen enthält - dass andererseits jedoch viel geredet wird. Oft hänge ich irgendwo in der Takelage - der Boden schaukelt, die Kanonen donnern - und muss mich auf einen langen Dialog konzentrieren. Sie können mir glauben, die Schauspieler von "Black Sails" gehen zeitig und sehr müde ins Bett, wenn ein Arbeitstag beendet ist.

teleschau: Nun müssen wir allerdings eine große Illusion zerstören: Sie drehen nicht auf See, oder?

Stephens: Nein, man könnte eine solche Serie niemals auf dem Wasser drehen. Das Meer ist unberechenbar. Die ganze teure Logistik hinter einem solchen Dreh lässt es nicht zu. Ich glaube, das hat die Filmindustrie aus Steven Spielbergs "Der weiße Hai" gelernt. Der Film sprengte sein Budget damals enorm, weil man anfangs die Idee hatte, das Ding auf dem Wasser zu filmen. Danach hat es, glaube ich, niemals wieder jemand versucht. Die Bedingungen auf See können sich innerhalb von 20 Minuten komplett verändert. Pures Gift für jegliche Dreharbeiten!

teleschau: Wie arbeiten Sie, wenn Szenen gedreht werden, die an Deck spielen?

Stephens: Wir haben ein Studio in Kapstadt, dort stehen drei unterschiedliche Schiffsmodelle, die hydraulisch bewegt werden. Immer, wenn wir auf diesen Schiffen drehen, wird über Kräne ein "green screen" über den gesamten Hintergrund gespannt. Himmel und Meer dann später digital eingefügt. Auch weil es solche Möglichkeiten gibt, können heute Piratenserien entstehen. Bis vor fünf oder sechs Jahren wäre es vom Kostenaspekt nicht möglich gewesen, so etwas wie "Black Sails" fürs Fernsehen zu produzieren.

Quelle: teleschau - der mediendienst