Wie der Wind sich hebt

Wie der Wind sich hebt





Ein verfluchter schöner Traum

Ein kleiner Junge steigt in sein Flugzeug, das auf dem Dach parkt. Es sieht aus wie ein Vogel, und er fliegt los. Schwebt durch die Lüfte, über Wiesen und Felder. Die Menschen winken ihm zu, und er winkt fröhlich zurück. - Fliegen ist ein Traum. Fliegen ist das Glück. Fliegen ist das Leben. So war das bei Hayao Miyazaki immer schon. Irgendwer oder irgendwas flog immer in den Filmen des mittlerweile 73-jährigen Japaners. Kinder, Hexen, Schlösser, Drachen. In seinem, wie er selbst ankündigte, letzten Film, träumt ein junger Mann vom Fliegen. Weil Jiro aber kurzsichtig ist, darf er kein Pilot werden und konstruiert stattdessen Flugzeuge. Miyazaki erzählt im melancholischen Meisterwerk "Wie der Wind sich hebt" seine Geschichte.

"Der Wind hebt sich, wir müssen leben!" - ein Zitat aus Paul Valérys Gedicht "Der Friedhof am Meer" ist das Leitmotiv in einem Film, den man durchaus als Hayao Miyazakis Vermächtnis sehen kann. Der Wind kommt immer wieder. Er bringt die Liebe und den Tod, die Träume und das Feuer. Miyazaki erkundet das Wesen der Menschen, die wissen, was sie tun, aber nicht anders können.

Jiro etwa ärgert sich, dass Japan ein rückständiges Land ist. Er glaubt an den technischen Fortschritt. Dass der Auftrag für sein außergewöhnliches Flugzeug vom Militär kommt, ist ihm bewusst. Mit den Konsequenzen beschäftigt er sich nicht. Für ihn ist das Streben nach Wissen, das Forschen und Experimentieren die Notwendigkeit, Grenzen überschreiten die Bestimmung. Wenn Jiro ganz am Ende gen Himmel blickt, dann sieht er seinen Traum verwirklicht. Tausende von ihm konstruierte Zero-Fighter gleiten dahin. Sie sind wunderschön anzusehen auf ihrem Weg nach Pearl Harbor.

Miyazaki siedelt den Film in der Realität Japans an und erzählt von den Jahren 1918 bis 1943. Doch trotz historischer Fakten als zeitlichem Rahmen ist "Wie der Wind sich hebt" in erster Linie ein Film über den Himmel, der so schön und beängstigend ist, so abwechslungsreich und überraschend, so voller Leben und voller Tod. Dort begegnet Jiro in seinen Träumen dem Italiener Caproni. "Flugzeuge sind ein schöner Traum, und Ingenieure geben dem Traum eine Form", ermutigt ihn der Pionier des Flugzeugbaus, Konstrukteur zu werden.

Jiro folgt seinem Rat, er erweist sich als Genie, wird getrieben von kreativen Visionen. Er ist ein verträumter, aber zupackender Held, der Segen und Fluch des technischen Fortschritts in sich vereint. Er ist ein Mann, der ganz bei sich ist und der mit der kessen Nahoko eine selbstlose Liebe erlebt, die von beschwingter Leichtigkeit und großer Tragik ist.

"Wie der Wind sich hebt" ist ein fantastisches Spätwerk eines großen Animationskünstlers und Humanisten. Wenn es tatsächlich sein letzter Film ist, bleibt nur zu sagen: "Domo arigato, Miyazaki-san". Für dieses zum Heulen schöne Vermächtnis.

Quelle: teleschau - der mediendienst