Alfred Biolek

Alfred Biolek





"Ich würde nicht mehr zum Fernsehen gehen!"

"Man soll immer aufhören, wenn es am schönsten ist", sagte Dr. Alfred Biolek, den sie alle einfach "Bio" nennen, am 6. Juni 2003. Es war der Tag, an dem die wöchentliche Talkshow "Boulevard Bio" zu Ende ging. Das "Hochamt gepflegter Unterhaltung", wie man die Sendung gelegentlich bezeichnete, wurde von allen geschätzt. Jeder ging hin - selbst solche, die sich sonst nie zu einer Talkshow einladen ließen. Auch Bios Kochshow "alfredissimo!" ("Kochen und Kommunikation") ist inzwischen Geschichte. Nach dem Rückzug vom Bildschirm kam es für Biolek zu persönlichen Katastrophen. Ein schwerer Treppensturz im Sommer 2010 machte ihm lange auch mental zu schaffen, seine Firma Pro GmbH geriet in Turbulenzen, es zog ihn aus Berlin in seine frühere Heimat Köln zurück. Dort fühlt sich Biolek nun wieder sichtlich wohl. Den 80. Geburtstag will er am 10. Juli noch einmal mit vielen Gästen feiern, wie er im Interview verrät.

teleschau: Wie geht es Ihnen, Herr Biolek? Und vor allem: Wie werden Sie Ihren Geburtstag feiern?

Alfred Biolek: Es geht mir wieder sehr gut, und zu meinem Geburtstag gibt es in Köln ein großes Fest, das allerdings privat sein wird. Der Geburtstag, das ist ja keine öffentliche Sache, die etwas mit meiner Fernsehtätigkeit zu tun hat. Ich werde privat 80 und werde daher auch ganz privat feiern.

teleschau: Darf man wissen, wie viele Gäste in etwa kommen werden?

Biolek: Ich weiß es noch nicht so genau. Aber es werden etwa 100 bis 150 sein. Viele haben bereits zugesagt, manche noch nicht.

teleschau: Im Sommer 2010 hatten Sie im Wortsinn einen zweiten Geburtstag. Sie waren schwer gestürzt und lagen tagelang im Koma, wie die Öffentlichkeit erst später erfuhr.

Biolek: Ja, das war ein schwerer Unfall, nach dem ich im Koma lag und danach tagelang kaum sprechen konnte. Mein Freund Scott Richie, den ich später adoptiert habe, half mir in dieser Situation sehr. Ohne ihn wäre ich heute nicht so munter, wie ich es glücklicherweise bin.

teleschau: 2010 war für Sie so etwas wie ein Katastrophenjahr. Es gab den Unfall, Ihre Produktionsfirma geriet in Turbulenzen, Sie zogen von Ihrem großen Wohnsitz am Prenzlauer Berg wieder in Ihre Heimat Köln.

Biolek: Von einem Katastrophenjahr kann man nicht sprechen. Ja, es war schlimm durch den Sturz. Aber, dass ich zurück bin nach Köln, das war keine Katastrophe, sondern eine richtige Entscheidung. Hier habe ich alte Freunde, nicht nur gute Bekannte, wie in Berlin. Bei Einladungen sind es zwei oder vier Leute, nicht mehr so viele wie in Berlin.

teleschau: Sie haben die Hemmschwelle zwischen Prominenten und gewöhnlichen Sterblichen aufzuheben versucht. Gilt das auch für Sie selbst, ist das Ihr Geheimnis?

Biolek: Ich habe mich immer bemüht, zwischen Beruf und Privatem zu trennen, da gab es einen klaren Unterschied. Ich wollte kein Star sein, mochte aber auch kein Schulterklopfen.

teleschau: Sie gelten als Spätstarter. Ihre berühmte Unterhaltungsshow "Bio's Bahnhof", in der sie Sketche, Musik und Talk durcheinander würfelten, haben Sie mit 44 gemacht. Die Kochshow "alfredissimo!" erfanden Sie mit 60. Sie begannen als Jurist beim ZDF, wurden Unterhaltungsredakteur, Produzent und Moderator. Was gefiel Ihnen am besten?

Biolek: Immer das, was ich gerade gemacht habe. Egal, ob Talk-, Musik- oder Kochshow. Sicher hatte ich als Produzent bei der Bavaria eine gute Zeit. Die Zusammenarbeit mit den Monty Pythons, die ich nach Deutschland gebracht habe und mit denen ich selber auftrat, ist inzwischen legendär.

teleschau: Ihre eigene Show "Bio`s Bahnhof" kündigten Sie live in der Carrell-Show "Am laufenden Band" an, die Sie produzierten. Ganz schön selbstbewusst!

Biolek: Es war ein neues Kapitel in meinem Leben. Ich war bis dahin nur hinter den Kulissen tätig und ging nun auf die Bühne. Seit den Tagen des Schüler- und Studentenkabaretts wollte ich ja immer Menschen live unterhalten. Der Drang zur Bühne war immer da.

teleschau: Sie kommen aus einem gutbürgerlichen, katholischen Elternhaus. Welche Rolle hat der Katholizismus für Ihren Werdegang gespielt?

Biolek: Wenn man den Drang hat, sich zu präsentieren und theatralisch zu leben, dann ist die Kirche genau das Richtige. Ich war Vorbeter und Ministrant, man zelebriert vor vielen Menschen, umgeben von Weihrauch und Musik. Die katholische Kirche ist sicher das älteste und erfolgreichste Showbusiness, das es gibt.

teleschau: Wie sind Sie in diesem Umfeld mit der eigenen Homosexualität umgegangen?

Biolek: Egal, ob in der katholischen oder einer anderen Kirche: Schwulsein hat man damals versteckt. Man hat darüber weder mit der eigenen Mutter noch mit Freunden gesprochen. Man vergisst heute leicht, dass das damals überhaupt nicht möglich war - das ist ja immer noch so in Ländern, die Schwule verfolgen.

teleschau: Im Geburtstagsfilm von Sandra Maischberger fahren Sie mit Ihrem älteren Adoptivsohn Keith in Ihre alte Heimat Freystadt in Tschechien, das heute Karviná heißt, um noch einmal ihr Elternhaus zu sehen. Wäre es nicht besser einfach in Ihrer Erinnerung geblieben?

Biolek: Ich bin vor allem wegen des Films hingefahren, und ich kann hinterher sagen: Es war gut, wenn auch noch immer nicht einfach. Bei einem früheren Besuch habe ich mich noch unwohl gefühlt. Das Haus ist jetzt ein Kindergarten. Das zu erleben war schön. Eine Polizeistation darin zu sehen oder eine andere Familie, wäre nicht mein Fall gewesen.

teleschau: Keine Umarmungsorgien mit fremden Leuten?

Biolek: Nein. Es wäre ja schließlich nicht meine Familie gewesen, sondern eine fremde. Wir haben damals als Deutsche, Polen, Tschechen zusammengelebt. "Ich bin Deutscher" oder "Tscheche", das richtete sich einfach nur nach der Sprache, die zu Hause gesprochen wurde.

teleschau: Man weiß, Sie sehen selten oder gar nicht fern. Sie nach dem Vergleich zu früher zu fragen, ist also eher müßig.

Biolek: Ich sehe immer mal wieder ARTE und ganz gelegentlich auch anderes. Einmal habe ich sogar Helmut Berger im "Dschungelcamp" gesehen. Es war komisch, um nicht zu sagen: schrecklich, ihn zu sehen. Das heutige Fernsehen ist anders. Ich will nicht sagen: schlechter. Aber es ist eben anders.

teleschau: Sie meinen sicher den Verdrängungswettbewerb, das Viele vom Gleichen.

Biolek: Wenn ich jung wäre, ich würde heute nicht mehr zum Fernsehen gehen. Es ist nicht mehr meine Welt. Keine schlechtere, aber eine andere. Meine Talkshow war beispielsweise die einzige in einer Woche, heutzutage gibt es täglich drei oder vier. Wir haben es mit einer anderen Mentalität zu tun.

teleschau: Rosa von Praunheim forderte Sie 1991 schroff dazu auf, sich zu Ihrer Homosexualität zu bekennen. War das damals ein Schock?

Biolek: Nein, es ging. Die Leute haben nicht irgendwie heftig reagiert. Und es gab vor allem Briefe von jungen Menschen, in denen stand, wie sehr ihnen mein Outing geholfen hat. Sie konnten Ihren Eltern sagen: "Ihr seid doch Bio-Fans, und der ist auch schwul, so wie ich. Also könnt ihr doch nichts dagegen haben."

teleschau: Sie haben inzwischen über einen längeren Zeitraum hinweg zwei Söhne adoptiert. Dachten Sie nie ans Heiraten, wie es inzwischen üblich wird?

Biolek: Heiraten? Nein, mit 80 heiratet man nicht mehr. Wäre ich 30 - ich weiß es nicht.

teleschau: Nach Ihrem Abschied vom Fernsehen haben Sie noch viele Lesungen und andere Auftritte, etwa im Monty-Python-Musical "Spamalot" gehabt. Jetzt ziehen Sie sich auch davon zurück?

Biolek: Auf jeden Fall. Ich will jetzt einfach Ruhe haben und mich entspannen. 80 zu werden, ist dafür ein guter Augenblick. Der Wein schmeckt immer noch, aber ich koche nicht mehr so viel.

teeleschau: Darf man fragen, welchen Wein Sie bevorzugen - immer noch den deutschen?

Biolek: Ja, den deutschen. Weißwein ist mir inzwischen lieber, Riesling, der in vielen Anbaugebieten sehr gut geworden ist. Aber auch gegen ausländischen habe ich nichts. Selbst auf meiner griechischen Insel, wo ich lange ein Haus hatte, hat mir der aus dem Bottich neben den Kühen abgeschöpfte Retsina sehr gut geschmeckt. Es kommt eben auf die Gelegenheit an.

(Die "lange Bio-Nacht" im WDR startet am Donnerstag, 10. Juli, um 22.00 Uhr, mit dem noch einmal ausgestrahlten Maischberger-Porträt "Mensch, Bio!". Um 23.30 Uhr folgt die Hommage "Ein Bahnhof für Bio", ab 01.10 Uhr gibt es viele Ausgaben von "Boulevard Bio", und um 04.15 Uhr heißt es dann "alfredissimo - Kochen mit Bio und Helmut Berger".)

Quelle: teleschau - der mediendienst