Peter Jordan

Peter Jordan





"Berlin ist eine ungemütliche Stadt"

Er war mal Stammgast am Sonntagabend im Ersten. Zwischen 2008 und 2012 spielte Peter Jordan den Kommissar Uwe Kohnau im Hamburger "Tatort". Er war der Vorgesetzte des von Mehmet Kurtulus verkörperten Ermittlers Cenk Batu - derjenige, der den Undercovermann immer in seine neuen Missionen einweihte. Viel gelobte, aber vom breiten Publikum verschmähte Krimis entstanden dabei. Damals, sagt Peter Jordan, sei er zum ersten Mal mit dem seltsamen Phänomen der TV-Quote konfrontiert worden. Sechseinhalb bis sieben Millionen Zuschauer reichen halt nicht beim erfolgsverwöhnten ARD-Sonntagskrimi, zu dem der 47-Jährige nun zurückkehrt. Im neuen Magdeburger "Polizeiruf 110: Abwärts" (So., 06.07., 20.15 Uhr) spielt er an der Seite der Kommissare Brasch (Claudia Michelsen) und Drexler (Sylvester Groth) eine Episodenhauptrolle, die es in sich hat. Als Sozialarbeiter mit traumatischer Bundeswehrvergangenheit wütet der Schauspieler, der in Dortmund-Gartenstadt aufwuchs, lange Jahre in Hamburg engagiert war und nun mit Freundin und kleinem Sohn in Berlin lebt, absolut preisverdächtig durch eine klirrend kalte Szenerie.

teleschau: Herr Jordan, in Ihrer Jugend waren Sie Marathonläufer. War so eine körperlich herausfordernde Rolle wie nun im "Polizeiruf"-Krimi ganz nach Ihrem Geschmack?

Peter Jordan: Ja, durchaus. Über Felder laufen, hinter Bussen herrennen - so etwas macht mir Spaß. Ich versuche auch immer, einigermaßen in Form zu bleiben. Aber in meinem Alter nennt man das nicht mehr Training, sondern Reha. Ein bisschen Laufen, Krafttraining für die Bandscheiben. Ich mache alles, damit mir nichts wehtut.

teleschau: Würden Sie sich zutrauen, bei einer Schlägerei in der Straßenbahn dazwischenzugehen, wie es Ihre Figur im Film macht?

Jordan: Als Jugendlicher machte ich Karate. Ich habe auch mal ein Jahr geboxt - nicht sehr erfolgreich, ich fing zu spät an. Aber das ist alles lange her. Ich weiß nicht, ob ich noch fit genug wäre dazwischenzuhauen. Ich weiß auch nicht, ob ich den Mut dazu hätte. Man sollte ohnehin besser geschickt einschreiten und selbst nicht handgreiflich werden. Also den Fahrer rufen oder das Telefon zücken und die Schläger darauf aufmerksam machen, dass sie beim Prügeln wenigstens lächeln sollen, weil sie gerade gefilmt werden.

teleschau: Sind Sie selbst schon Zeuge solcher Vorfälle geworden?

Jordan: Ich habe es oft erlebt, dass mehrere Jugendliche auf einen einprügelten oder sein Handy haben wollten. Bevor ich eingreifen konnte, ist mir bislang immer jemand zuvorgekommen. Einmal, in der U-Bahn in Berlin, ging ein älterer Herr mit Stock dazwischen und schrie: "Hört damit auf, oder ich zieh' euch das Ding über den Schädel!" Hat mich ziemlich beeindruckt. Ich kann mir übrigens gut vorstellen, dass man selbst mal austickt und zuschlägt, weil ein anderer einen zur Weißglut bringt.

teleschau: Ach ja?

Jordan: Ich glaube, dass es bei Menschen eine Grundaggressivität gibt. Das ist evolutionär bedingt. In einer Großstadt leben viele Menschen auf engem Raum. Das führt natürlich zu Stresssituationen, und die werden mitunter auf gewalttätige Art abgebaut. Das war schon immer so.

teleschau: Aber heute scheint die Gewalt doch stellenweise exzessiv zu sein. Da wird Wehrlosen gegen den Kopf getreten ...

Jordan: Das stimmt, das ist merkwürdig. Man erkennt es am Ehrbegriff, der nachgelassen hat. Früher hat man Damen in den Mantel geholfen oder die Tür aufgehalten. Gewisse Dinge gehörten sich, andere nicht. Heute gibt es keine Schranken mehr. Es ist ein allgemeiner Sittenverfall.

teleschau: Der welche Gründe hat?

Jordan: Sozialneid ist ein wichtiger Faktor. Den Leuten wird in den Medien suggeriert, was sie im Leben erreichen wollen. Wenn sie das nicht schaffen, sind sie frustriert, und jemand, der teurer angezogen ist, kriegt dann eben was aufs Maul.

teleschau: Sie sind ein Kind des Ruhrgebiets. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Jugend?

Jordan: Ich wuchs in einem Dortmunder Vorort auf. Samstagabends fuhren meine Freunde und ich mit dem Auto in die Stadt, das war schon aufregend. Ich weiß noch, dass wir eines Abends vor der Diskothek warteten. Einer von uns lehnte an der Motorhaube eines Wagens, als jemand kam, meinem Freund ohne Vorwarnung ins Gesicht schlug und sagte: "Mach das nicht noch mal, sonst kriegst du noch eine!" - Es war der Besitzer des Autos. Auch mir hat mal jemand im Bus ohne Vorwarnung in den Magen geboxt - er war so alt wie ich, 16, und alkoholisiert. Ich weiß bis heute nicht, warum er das gemacht hat.

teleschau: Inwiefern hat Sie Ihre Herkunft geprägt?

Jordan: Nun ja, der Ruhrpott ist eben meine Heimat. Die Mentalität der Leute hat eine gewisse Ähnlichkeit mit Berlin, wo ich seit vier Jahren lebe. Hier sind die Menschen auch eher ruppig, sie sprechen nur das Nötigste. Eine Grundhöflichkeit kann man nicht erwarten.

teleschau: Fühlen Sie sich denn wohl in der Hauptstadt?

Jordan: Ich lebte bisher immer da, wo die Arbeit ist, also das Theater, an dem ich engagiert war. Seit ich Freiberufler bin, lebe ich erstmals dort, wo die Arbeit nicht ist. Meine Freundin (die Schauspielerin Maren Eggert, d. Red.) ist in Berlin fest angestellt, aber ich nicht. Ich kann mehr drehen als früher, führe Regie, mache Moderationen. Der Beruf ist vielseitiger geworden, und da passt Berlin gut dazu.

teleschau: Wie meinen Sie das?

Jordan: Berlin ist auf eine Art ungemütlich. Man ist hier ständig im Aufbruch, alle müssen irgendwelche Projekte machen, ein Drehbuch schreiben, was Neues konzipieren. Diese Atmosphäre ist sehr anregend für Kreativität, weil man das Gefühl hat, man kann sich nicht ausruhen. Alles dreht sich, alles bewegt sich, wie meine Agentin immer sagt.

teleschau: Gibt es gute Country-Klubs in Berlin?

Jordan: Ich habe keine Ahnung - noch nicht zumindest. Wir spielen mit unserer Country-Band im Foyer des Deutschen Theaters Berlin. Mittlerweile haben wir Angebote, in Klubs aufzutreten. Ob die gut sind, kann ich erst sagen, wenn wir es getan haben.

teleschau: Die Band haben Sie mit Ihrer Freundin gegründet, richtig?

Jordan: Ja, mit meiner Freundin und paar Freunden. Wir heißen Home Is Where The Heart Is. Ich spiele ein bisschen Ukulele, ein bisschen Cachon und singe hauptsächlich. Wir covern Songs, etwa von Johnny Cash, Dixie Chicks und Townes van Zandt ... Townes van Zandt hat überhaupt erst meine Liebe zur Country-Musik erweckt.

teleschau: Wann war das?

Jordan: Das war im Jahr 1997 während einer "Macbeth"-Aufführung in Bochum, da wurde "I'll Be Here In The Morning" eingespielt. Allerdings in einer Version, in der Townes van Zandt schon nicht mehr singen konnte, weil er so fertig war. Eine Frau sang für ihn, er sagte den Text nur auf. Ich begann zu recherchieren, wer der Mann ist, da wurde mir einiges klar. Ich kapierte, was ein Singer/Songwriter-Leben bedeuten kann, was man dafür aufgibt, welche Lebenserfahrung und Erlebnisse in einen Zweieinhalbminutensong einfließen. Wie Johnny Cash schon richtig sagte, es ist eine einfache Musik, die aber unsere fundamentalen Bedürfnisse anspricht: "Emotionen, Liebe, Trennungen, Hass, Tod, Mama, Apfelkuchen und all das".

teleschau: Und dafür gibt es im Berlin des 21. Jahrhunderts tatsächlich ein Publikum?

Jordan: Es gibt hierzulande mehr Fans von Country Music als es Menschen gibt, die das zugeben würden. Unsere Konzerte sind fast immer ausverkauft, die Leute sitzen da und weinen. Es hat schon seinen Sinn.

Quelle: teleschau - der mediendienst