Proschat Madani

Proschat Madani





Bitte keine Machos

Proschat Madani (46) ist so etwas wie die Vorzeige-Ausländerin des deutschen Films. Zu 90 Prozent spielt sie Ausländerinnen mit unterschiedlichen Akzenten - vorzugsweise Araberinnen und Italienerinnen. Ironischerweise attestierte man der attraktiven Iranerin, die in Wien aufgewachsen ist, zu Beginn ihrer Karriere, dass ihr Typ leider nicht gefragt wäre. Madani, zu deren Markenzeichen sprudelndes Temperament und braune Lockenmähne gehören, hat sich mit der ewigen Typisierung als Ausländerin abgefunden. Sie füllt jede Rolle mit der gewohnten Leidenschaft und Authentizität - egal ob im "Tatort", in "Mordkommission Istanbul", "Der letzte Bulle" oder nun im überkandidelten Kino-Klamauk "Die Mamba" (Start: 03.07.). Im neuesten Film ihres Landsmannes Ali Samadi Ahadi gibt die sympathische, lebensfrohe Wahlberlinerin mit großer Lust die schlagkräftige Furie und Ehefrau eines persischen Mitbürgers, der vom Totalversager zum Top-Agenten avanciert.

teleschau: Man könnte meinen, Sie müssen froh sein, wenn Sie mal nicht eine klischeebeladene Ausländerin spielen müssen. In "Die Mamba" tun Sie es jedoch ein weiteres Mal ...

Proschat Madani: Ich mag die Figur in der "Mamba" sehr, sehr gerne. Es ist eine durch und durch komische Rolle, und dafür werde ich normalerweise nicht besetzt. Umso schöner ist es, dass Ali Samadi Ahadi diese Seite an mir sah und mir die Möglichkeit gibt, eine ganz andere Facette von mir zu zeigen. Das ist ja das eigentlich Reizvolle an der Schauspielerei. Sie gibt einem die Möglichkeit, in die unterschiedlichsten Rollen hineinzuschlüpfen, die sich von mir grundsätzlich unterscheiden. Was in der Praxis aber selten der Fall ist ...

teleschau: Worauf spielen Sie an?

Madani: Beim Fernsehen wird immer nach Typ und sehr vorsichtig besetzt, weil die Verantwortlichen Angst haben, dass etwas nicht glaubwürdig sein könnte. Ich aber glaube, dass das eben die Kunst der Schauspielerei ist: dass du, obwohl du überhaupt nicht der Typ bist, etwas so gut spielst, dass man es dir glaubt.

teleschau: Sie sind in "Die Mamba" eine echte Furie, die ihren Mann schlagkräftig im Griff hat. Sind Sie auch derart eifersüchtig und sagen den Männern, wo es lang geht?

Madani: Das sind Seiten, die ich in meinem Privatleben nicht auslebe. Ich bin kein besonders eifersüchtiger Mensch. Ich bin auch niemand, der anderen Leuten sagt, was sie tun sollen, schon gar nicht dem Partner. Aber ich habe wohl diese Züge irgendwo in mir. Beim Dreh durfte ich sie eine Zeit lang leben und sie dann auch wieder ablegen. Und das ist gut so, weil es wirklich kein guter Lebensentwurf wäre, so zu leben wie diese Frau.

teleschau: Regisseur Ali Samadi Ahadi liebt es, mit Klischees zu spielen. Er hat viel Sinn für Humor. Worüber können Sie lachen?

Madani: Ich kann über Klamauk wirklich gut lachen, das ist mir auch nicht zu oberflächlich. Ich mag gut gemachten Slapstick, wie bei "Johnny English" oder "Die nackte Kanone". Auch dieser ganz böse, britische Humor gefällt mir sehr, etwa von Sacha Baron Cohen, der ja absolut hemmungslos ist. Was der macht, ist für mich hohe Kunst: Er ist rasend komisch und gleichzeitig schockierend.

teleschau: In "Der letzte Bulle" spielten Sie mit der Psychologin Tanja Haffner eine starke Frau, die so leicht nichts aus dem Konzept bringt - was bringt Sie privat aus der Fassung?

Madani: Zum Beispiel ein überbordender Schreibtisch. Büroarbeit kann mich wirklich aus der Fassung bringen. Irgendwelche Fristen, die man einhalten und Formulare, die man ausfüllen muss. Oder Steuererklärungen. Ich bin wirklich kein jähzorniger Mensch, aber das sind Momente, in denen ich Tobsuchtsanfälle kriegen kann.

teleschau: Woher kam bei Ihnen der Wunsch, Schauspielerin zu werden?

Madani: Ich habe mich als Kind ziemlich identititäts - und heimatlos gefühlt, da schien mir die Schauspielerei eine gute Lösung: Wenn ich nicht weiß, wer ich bin, ist es wunderbar, in verschiedene Rollen zu schlüpfen und einfach diese Figuren zu sein. Das ist natürlich ein Irrtum, denn das gelingt dir nicht, wenn du nicht ganz bei dir selbst bist. Das ist etwas, was ich mit der Zeit erst lernen musste.

teleschau: Im vergangenen Jahr haben Sie über diese Thematik ein Buch geschrieben mit dem Titel "Suche Heimat, biete Verwirrung". Darin beschreiben Sie, dass Sie als Iranerin mit österreichischer Staatsbürgerschaft nicht wussten, wo Ihre Heimat war. Wie steht es inzwischen um Ihre Identitätskrise?

teleschau: Ich habe immer ein Problem damit zu sagen, dass etwas abgeschlossen ist. Für mich ist alles ein laufender Vorgang. Aber in diesem Punkt hat sich mein Leben drastisch zum Positiven verändert. Trotzdem denke ich, dass mich das Thema noch lange beschäftigen wird. Vielleicht sogar für den Rest meines Lebens.

teleschau: Sie fühlen sich also noch immer heimatlos und werden es vermutlich auch bleiben?

Madani: Ja, nur die Art und Weise, wie ich damit umgehe, verändert sich. Die Konnotation mit Heimatlosigkeit ist jetzt eine andere. Früher war es sehr schmerzhaft. Heute ist es etwas, was mein Leben reicher macht, was mich spannender werden lässt.

teleschau: Sie haben sich an anderer Stelle mal als "Gewürzmischung" bezeichnet - was sind Ihre besten persischen, österreichischen und deutschen Eigenschaften?

Madani: Meine beste persische Eigenschaft ist, dass ich immer sehr drauf bedacht bin, freundlich und höflich zu bleiben und andere nicht zu verletzen. Die beste österreichische ist, dass ich den Wiener Schmäh verstehe und sogar vielleicht ein wenig beherrsche. Ich habe Humor, würde ich mal behaupten. Was das Deutsche betrifft: Ich denke, ich bin ein sehr verlässlicher Mensch. Wenn ich etwas zusage, kann man sich drauf verlassen. Ich bin nur nicht sehr pünktlich, das hat sich leider verändert.

teleschau: Sie hatten früher als Ausländerkind in Wien mit vielen Vorurteilen zu kämpfen. Welche Vorurteile entdecken Sie bei sich selbst?

Madani: Ganz viele, dauernd. Man kommt zum Beispiel irgendwo hin und beurteilt jemanden nach seiner Kleidung. Da hat man doch schon eine Vorstellung, wie der sein muss. Auch bei Kollegen, die man nicht kennt. Dann denkt man sich womöglich: Das ist doch sicherlich ein Schnösel. Ich habe täglich sicherlich Millionen Vorurteile, aber das stört mich nicht, weil das das Natürlichste der Welt ist. Wir brauchen diese Vorurteile. Sie sind hilfreich, weil sie uns schnell eine Situation beurteilen lassen. Wir müssen uns nur bewusst sein, dass wir diese Vorurteile haben und sie nicht zu ernst nehmen. Deshalb versuche ich dennoch, offen zu sein und lasse mich gern vom Gegenteil überzeugen. Damit komme ich sehr gut durchs Leben.

teleschau: Sind Sie, wenn Sie zurückblicken, glücklich mit dem Weg, den Sie eingeschlagen haben? Oder gibt es eine heimliche Sehnsucht?

Madani: Ich sage immer, "Wenn ich naturreich wäre, dann ..." Das bin ich leider nicht, aber vielleicht wird jemand, wenn er das Interview liest, ja Geld spenden (lacht). Wenn ich also naturreich wäre, würde ich zum Beispiel weniger arbeiten, dafür in Ruhe all die Bücher lesen, die sich bei mir stapeln, viel mehr und weiter verreisen. Ich würde vermutlich mehr schreiben - wahnsinnig gern auch mal ein Drehbuch.

teleschau: In welchem Film, der noch nicht gedreht ist, würden Sie gerne mitspielen?

Madani: Mich interessiert das Thema Sterben sehr, weil Sterben sehr viel mit dem Leben zu tun hat. Ich würde gern ein Drehbuch zu diesem Thema schreiben und selbst mitspielen. Mich interessiert, was das mit uns macht, wenn wir plötzlich unsere Endlichkeit zu spüren bekommen. Wir denken ja immer, wir sterben nicht. Das klingt alles ganz schrecklich traurig, aber ich empfinde es überhaupt nicht so. Es ist ja ein Thema, an dem keiner vorbeikommt.

teleschau: Hat es einen bestimmten Grund, dass Sie sich mit dem Tod so intensiv auseinandersetzen?

Madani: Das war schon immer so, schon als Kind. Als ich nach Berlin zog, ließ ich mich in einem Hospiz am Wannsee ein Jahr lang zur ehrenamtlichen Sterbebegleiterin ausbilden, weil mich das immer angezogen hat. Ich hatte das Gefühl, dass ich sehr viel lernen konnte im Umgang mit Menschen, die an einer bestimmten Schwelle sind.

teleschau: Ist das Altern auch ein Thema für Sie?

Madani: Ich komme damit sehr gut zurecht, weil ich das Gefühl habe, dass mein Leben sukzessive immer nur besser geworden ist. Ich würde nicht jünger sein wollen. Aber ich muss sagen, ich beschäftige mich sehr bewusst mit der Vergänglichkeit, auch mit der äußeren Vergänglichkeit. Weil das etwas ist, wovon man bewusst Abschied nehmen muss. Gerade als Frau, denn wir Frauen werden so stark über unser Äußeres definiert. Um so wichtiger ist es, dass wir versuchen, eine Distanz dazu zu schaffen. Ich versuche, mein Leben mit anderen Dingen auszufüllen, die nichts mit Attraktivität und Jugend zu tun haben. Natürlich ist es toll, wenn man attraktiv ist, das erleichtert einem vieles im Leben. Aber wir müssen auch wissen, dass Schönheit vergänglich ist. Und wir können auch nichts daran ändern, dass wir Frauen alt werden und die Männer reifen.

teleschau: Ihre Mutter soll Sie immer vor Männern gewarnt haben, vor allem vor Persern. Sie haben eine erwachsene Tochter, aber nie geheiratet. Wie sähe Ihr Traummann heute aus?

Madani: Mein Traummann hat kein spezifisches Aussehen. Das klingt wahnsinnig moralisch, aber bei mir zählen in der Regel wirklich die inneren Werte. Natürlich gibt es Typen, mit denen könnte ich nichts anfangen, weil sie grottenhässlich sind. Aber mein Traumtyp muss jetzt nicht zum Beispiel blonde Haare und einen kleinen Hintern haben. Äußerlich habe ich da keine Kriterien, innerlich schon: Ich mag Männer mit viel Humor, und ich mag keine Machos. Es gibt ja Männer, die Frauen gegenüber eine abfällige Einstellung haben, damit kann ich nichts anfangen. Ich mag Männer, die fein sind, die menschlich sind, die intelligent sind und kein so großes Ego haben.

teleschau: Wenn Sie noch immer heimatlos sind und viel über den Tod nachdenken - wissen Sie schon, wo Sie eines Tages begraben werden wollen?

Madani: Das ist eine gute Frage. Ich möchte auf jeden Fall verbrannt werden. Dann glaube ich, möchte ich unbedingt verstreut werden. Ich weiß nur noch nicht, wohin.

Quelle: teleschau - der mediendienst