Wara No Tate - Die Gejagten

Wara No Tate - Die Gejagten





Höllenfahrt nach Tokio

Auf der Autobahn walzt ein Truck mit Sprengstoff Polizeifahrzeuge und Beamte nieder. Fast hat er den gepanzerten Wagen mit dem Kinderschänder und Mörder Kyomaru (Tatsuya Fujiwara) erreicht. Doch vom Dach eines Streifenwagens kann Cop Masaki (Kento Nagayama) den Fahrer mit gezielten Schüssen töten und den Lastwagen in Brand setzen. Der Truck überschlägt sich und explodiert. Die Kamera ruht danach auf Masaki, der zu seiner Einheit zurückgeht. Man sieht, wie allmählich Anspannung und Erregung aus seinem Körper weichen, wie der junge Mann seine Ruhe einigermaßen wiedergewinnt. Noch in einer der spektakulärsten Szenen seines Polizei-Thrillers "Wara No Tate - Die Gejagten" zeigt Regisseur Takashi Miike, was in seinen Figuren vorgeht. Das interessiert ihn definitiv mehr als das Ausmalen von Blutbädern.

Wie der Lastwagenfahrer ist so gut wie ganz Japan wie verhext. Eine Milliarde Yen, rund sieben Millionen Euro, verspricht der alte Medienmogul Ninagawa (Tsutomu Yamazaki) demjenigen, der Kyomaru tötet, den mutmaßlichen Mörder und Vergewaltiger seiner kleinen Enkelin.

Rachegelüste und Geldgier ergreifen von der Bevölkerung Besitz. Die Polizei steht vor der nahezu unlösbaren und selbstmörderischen Aufgabe, Kyomaru sicher aus dem Süden Japans in die Hauptstadt Tokio zu bringen. Beauftragt wird damit der als integer geltende Mekari (Takao Osawa). Außer Masaki gehören zu seinem Team seine loyale Kollegin Atsuko (Nanako Matsushima), der gewiefte Takeshi (Goro Kishitani) und der besonnene, schon etwas ältere Kenji (Masato Ibu).

Die 1.200 Kilometer nach Tokio werden eine wahre Höllenfahrt. Die Autobahn zu nehmen, nachdem das für den Transport gecharterte Flugzeug sich als manipuliert erweist, ist auch keine gute Idee. Nicht einmal hunderte von schwer bewaffneten Polizisten können Kyomaru schützen - zumal sich unter ihnen offenbar Maulwürfe befinden. Und wie verlässlich sind Mekari und seine Leute? Er selbst ist durch den Tod seiner Frau traumatisiert. Die allein erziehende Atsuko, ohne Aufstiegschancen in der Polizei, überlegt schon mal laut, wie es wäre, die Belohnung untereinander zu teilen. Masaki will an Kyomaru am liebsten sein Mütchen kühlen. Und die anderen fragen sich, ob man töten sollte, nur damit einer wie Kyomaru am Leben bleibt. Dieser weiß nur zu gut um die innere Zerrissenheit der Polizisten und lässt keine Gelegenheit aus, um sie zu verhöhnen und zu provozieren.

Bedrohlich oft richten sich die automatischen Pistolen der entnervten Beamten auf Kyumaru. Im Schnellzug, den der Trupp schließlich nimmt, kommt es zu einer regelrechten Schlacht mit Yakuzis, Blut spritzt aus Stirnen und Business-Anzügen. Überdies ist jedem zu misstrauen, auf den die Polizisten stoßen. Alle können sich in Attentäter verwandeln. Es gibt viel Brutalität, doch nie wird dabei lange verweilt. Meist wird der Akt des Tötens ausgespart. Aber seine Bedeutung gräbt sich umso tiefer ein. Denn die verheerende Wirkung des Tötens auf die Urheber wie auf die durch sie Geretteten wird unbarmherzig studiert. Die pralle Action in "Wara No Tate - Die Gejagten" erfüllt die bestmögliche aller ästhetischen Aufgaben, nämlich moralische Konfliktlinien dynamisch ins Bild zu setzen.

Lohnt es sich, für das Recht zu kämpfen, wenn dieses doch niemand will? Kyomarus Lust am Töten, als sei alles erlaubt, ist eine Antwort darauf, freilich aus Sinnlosigkeit und Verzweiflung geboren. Der brillante Schlusspunkt des Films hält eine andere und durchaus hoffnungsvolle Entgegnung bereit.

Quelle: teleschau - der mediendienst