Helge Schneider

Helge Schneider





Evolution, Baby

Dass ein Jazz-Album, zudem von einem deutschen Künstler, Nummer eins der Charts wird, ist so unwahrscheinlich wie eine gute Langzeitprognose für Eis in der Sauna. Es sei denn, der Künstler heißt Helge Schneider. "Sommer, Sonne, Kaktus!", das letzte Werk des 58 Jahre alten Ruhrpott-Phänomens, stand im August 2013 tatsächlich an der Spitze der deutschen Charts. Vielleicht auch deshalb, weil die Fans des skurrilen Humoristen und Musikers zuvor sieben lange Jahre auf ein Album warten mussten. Nun - jetzt ging es deutlich schneller. Der nächste Schneider-Streich, ein mehr als zwei Stunden langes Unterhaltungsprogramm namens "Live At The Gruga Halle", steht ab sofort zum Kauf bereit. Es ist eine Live-Werkschau, vielleicht ein Kompromiss des Schneider-Universums mit den Bedingungen des Mainstreams - und dennoch sehr hörenswert.

Interviews mit Helge Schneider haben ihre eigene Dynamik und gelten als unplanbar. Manchmal, wenn der drahtige Endfünfziger keine Lust hat auf Auskünfte, laufen Fragen schon mal ins Leere.

Keine gute Voraussetzung, wenn man ein Werk vor sich hat, das die Karriere Schneiders - zumindest ihren populären, seit 20 Jahren währenden Teil - auf zwei CDs Revue passieren lässt. Tatsächlich stammt "Katzeklo", jener unwahrscheinliche Hit, bereits aus dem Jahr 1994. Damals spielte Schneider ihn bei Gottschalks "Wetten, dass..?" - einfach mal so neben Popacts wie Take That. Dieser Auftritt sorgte für einen ästhetischen Erdrutsch des deutschen Massenhumors. Helge Schneider, dieser seltsame Kauz, Musiker und Underground-Künstler - auf einmal war er ein Phänomen für Millionen.

Das neue Schneider-Live-Album ist nun eine Art Resümee jener Jahre, das den Untertitel "20 Jahre Katzeklo - Evolution!" - man beachte das Ausrufezeichen - zu Recht trägt. Hier werden alte Stücke noch mal anders gespielt, so wie sie eigentlich immer, bei jedem Auftritt des Jazzers Helge Schneider anders gespielt werden. Sogar die alten Witze und Charaktere dreht Schneider hier noch einmal durch den Remix-Wolf. Hat sich Humor in Deutschland durch Helge Schneider also in den letzten 20 Jahren verändert, lautet die Frage, auf die ein entspannter und erstaunlich ernsthafter Helge Schneider beim Gespräch im Berliner Café Einstein geradezu reflektiert antwortet.

"Es gibt ja so Institute", lacht er, "die das rausfinden. Dass durch 'Katzeklo' beispielsweise eine bestimmte Laissez-faire-Haltung gegenüber Wörtern wie Katzeklo oder Klo entstanden ist. Es kann schon sein, dass meine Auftritte minimal etwas verändert haben. Jeder, der in unserer Gesellschaft ein Bild abgibt von sich, hat Anhänger und Gegner. Dadurch entstehen Bewegungen." Dass Helge Schneider das Verständnis der Deutschen für Komik verändert hat, kann man auch ohne Einschalten eines Meinungsforschungsinstitutes bejahen: "Katzeklo", "Meisenmann", Schneiders geniale frühe Hörspiele, Filme wie "Texas " oder "Jazzclub" - der auf einer Art Ruhrpott-Ranch hausende Multi-Künstler und Anti-Entertainer mit Pointen-Verweigerung hat diesem Land unter anderem beigebracht, dass Dinge, die ins scheinbar Leere laufen, trotzdem Sinn ergeben können.

Seine Idee von Kunst ist, dass man keine Regeln haben muss, dass alles ganz unwillkürlich geschieht. "Dass es eigentlich eine Improvisation ist, dieses Leben. Du weißt ja nie, was gleich passiert", sagt Helge Schneider und es klingt ein bisschen wie sein Glaubensbekenntnis, wenn er dazu seine Augen für einen Moment weit aufsperrt. "Und das finde ich auch gut am Leben", fährt er im alten Ledersessel des für den Publikumsverkehr am heutigen Nachtmittag gesperrten Barbereich des Cafés fort. "Viele Leute wollen gerne wissen, was gleich passiert. Also nicht nur viele, sondern fast alle. Und wenn dann einer hinkommt, auf die Bühne geht und den Leuten zeigt, dass es einem egal ist, was gleich passiert, sondern dass er damit irgendwas macht, dann sehen die das und nehmen es irgendwie auf. Dass heißt aber nicht, dass die das dann auch machen."

Fast zweieinviertel Stunden dauert die neue Doppel-Live-CD Helge Schneiders. Darauf befinden sich ein Dutzend Lieder aus zwei Jahrzehnten im ewig spontanen Schneider-Live-Remix. Vor allem aber die als "Ansagen" bezeichneten, ausgedehnten Stand-Up-Comedy-Teile, die das Song-Programm miteinander verbinden. Wer ein rein musikalisches Werk mit dem seltsam faszinierenden, dürren und doch schwingenden Rumpel-Jazz des Helge Schneiders haben will, wird vielleicht vom wortreichen neuen Live-Album enttäuscht sein. Doch was Helge Schneider dem deutschen Mainstream lehrt, ist ein Verständnis für die Schönheit der Kunst des Improvisierens.

Schneider, der in Interviews gerne von eigenen Konzerterlebnissen schwärmt, von Auftritten Toni Bennetts, Dexter Gordons und lange vergessenen Jazzern, ihn langweilt am heutigen Popbetrieb vor allem dessen Vorhersehbarkeit. "Manche Leute glauben, dass die Menschen Stabilität im Pop suchen und dass Musik deshalb mittlerweile so erwartbar ist. Ich erwarte nichts von Kunst, und so sollte es sein." Ob Helge Schneider seine eigene Spontaneität zu analysieren versuche, will man wissen und erwartet ein klares künstlerisches "Nein". Doch der deutsche Nummer-eins-Künstler bleibt der König des Unberechenbaren. "Sicher probiere ich, mein eigenes Improvisieren zu verstehen, es zu analysieren. Ich hab' da keine Angst vor. Aber es funktioniert nicht. Weil ich in dem Moment, in dem ich darüber nachdenke, ja schon wieder improvisiere."

Man kann diese Aussage verstehen, muss es aber nicht. Und doch glaubt man eine Ahnung davon zu haben, was dieser jazzverliebte, ewig junge Anarchist des deutschen Popbetriebs damit meint. Ein bisschen unorthodox formulierte Philosophie bekommt man von Helge Schneider nämlich stets mitgeliefert. Sein neues Album ist kein ganz großer Wurf, aber es erinnert uns daran, wie ungemein wichtig dieser Mann für Deutschland in den letzten 35 Jahren war. 20 dieser Jahre werden nun offiziell beleuchtet - aus heutiger Sicht, wie es sich für einen extrem gegenwärtig denkenden Künstler wie Helge Schneider gehört.

Quelle: teleschau - der mediendienst