Pierre Besson

Pierre Besson





Der Ossi mit Potenzial

Künstler hatte er immer um sich: Als Bub einen Vater, der Regisseur, und eine Mutter, die Schauspielerin war, heute geht es sogar noch zahlreicher: über seine Halbschwester Katharina Thalbach ist er mit dem Thalbach-Clan verbandelt, zusammen stehen sie in Berlin auf der Bühne am Kurfürstendamm, Regisseur ist Philippe Besson, sein Halbbruder. Pierre Besson ist ein Urberliner. Aber als er zum Gespräch erscheint, kommt er gerade nach Hause vom "SOKO Köln"-Dreh. Unter der Woche ist er im Rheinland, hat dort seit dreieinhalb Jahren einen soliden Job mit Fünf-Tage-Woche - und das soll so bleiben. Nicht weil die Beschäftigung als Seriendarsteller eine Lebensversicherung ist, sondern weil das Team "eine Art Familie" wurde. Der 47-Jährige schätzt es, regelmäßig zu arbeiten, sich in einem Ensemble "anders entwickeln zu dürfen als wenn du jeden Monat 50 neue Leute um dich hast". Der Mann mit dem wandelbaren Gesicht sagt: "Ich schätze die Kontinuität und habe nach ihr gesucht." Gesucht und gefunden haben sich auch Pierre Besson und Eddie Klever, ein schnoddriger Detektiv, der mit eigenwilligen Ideen nicht vorhandene Fälle löst. "Frösche petzen nicht" (Mittwoch, 16.7., 20.15 Uhr, ARD) ist ein launiger Krimi mit hoher Halbwertszeit und einer skurrilen Vergangenheit.

teleschau: Sie spielen bei der "SOKO Köln" Kommissar Matti Wagner. Ein Kriminaler im weiteren Sinn ist die Hauptrolle in "Frösche petzen nicht" auch. Sie stehen als Detektiv im Fokus, mit sichtbarem Vergnügen an der Rolle.

Pierre Besson: Weil der Eddie Potenzial hat! Aus ihm sollte eine eigene Reihe entstehen, nachdem der erste, übrigens auch sehr amüsante Teil "Tote leben länger" erfolgreich lief. Wir hatten eine Topquote.

teleschau: Das war 2005. Was passierte dann?

Besson: Zwei weitere Episoden waren schon beschlossen. doch dann flog Fernsehspielchefin Doris Heinze mit den falschen Drehbüchern auf. Und mit ihrem Weggang blieben auch viele gute Projekte auf der Strecke, darunter leider auch der Eddie.

teleschau: "Frösche petzen nicht" wurde, ebenfalls unter der Regie von Manfred Stelzer, bereits 2008 gedreht. Mussten Sie den Film noch mal anschauen, damit Sie sich überhaupt erinnern?

Besson: Nein, das nicht. Dadurch, dass ich die Figur mitentwickelt habe, weiß ich das schon noch. Ich finde es nur schade, dass der Film jetzt erst gesendet wird, das Thema passte gut in die Stimmung nach Fukushima. Da war die Umweltproblematik etwas brisanter.

teleschau: Wie haben Sie den Eddie denn geformt?

Besson: Ursprünglich war die Figur eine völlig andere, eher ein Philip-Marlowe-mäßiger Tausendsassa, ein bisschen schlampig, aber doch elegant, an jedem Finger fünf Frauen. Wir haben ihn komplett neu entworfen, einen Detektiv daraus gemacht aus einer anderen Zeit.

teleschau: Er war in der DDR Polizist, ist in der Gegenwart Detektiv.

Besson: Eine ambivalente Figur, die für eine vergangene Zeit steht, die er versucht zu finden. Er ist auf der Suche nach seinem Land, das es nicht mehr gibt. Also kritisiert er alles, was nicht DDR ist. Er hat eine große Attitüde, will etwas bewegen, aber ist nicht besonders geschickt. Sein Verhalten ist alles andere als erfolgversprechend. Meistens steht er dadurch auf der Verliererseite.

teleschau: Löst es als Ostberliner besondere Emotionen bei Ihnen aus, einen nennen wir es mal expliziten Ossi zu spielen?

Besson: Eine emotionale Verbundenheit löst das nicht aus. Das liegt daran, dass ich gar kein typischer Ossi bin. Durch meinen Vater hatte ich immer auch einen Schweizer Pass, weswegen ich die DDR verlassen durfte und schon früh eine ganz andere Sichtweise hatte. Auch wenn ich natürlich ein Ossi bin, dort zur Schule ging, dort ausgebildet wurde.

teleschau: Sie haben eine Tischlerausbildung gemacht, obwohl um sie herum eine Künstlerfamilie war - wieso?

Besson: Das lag wohl an meinem Großvater, einem Karosseriebauer. Dem habe ich schon als kleiner Junge die schönsten Latten zersägt. Der ist dann über seinem Holz zusammengebrochen, und ich habe ihn gefragt, warum er weint. In der DDR musste man, um zu studieren, eine Berufsausbildung machen - oder Abitur, aber das kam für mich nicht in Frage, war mir zu langweilig. Deshalb Tischler. Nach der Lehre habe ich sogar dreieinhalb Jahre lang mit dem schönen Material gearbeitet - und gut Geld verdient in der Schweiz, bevor ich dann das studieren anfing.

teleschau: Sie spielen - Ende des Jahres wieder - am Theater "Roter Hahn im Biberpelz" mit vielen Familienmitgliedern. Andere rennen weg bei so viel Familie.

Besson: Ich sehe meine Familie ja sonst nicht. Uns ist es erspart geblieben, die Sippe ständig um sich herum zu haben (lacht). Deshalb ist es schon so, dass wir zwei Monate am Theater eine schöne Zeit zusammen haben und uns dann aufs nächste Mal freuen. Bis zur Wiederaufführung haben wir ja bis Dezember Luft.

teleschau: Das Theater an sich ist Ihnen alles andere als fremd. Insbesondere die Berliner Volksbühne kennen Sie gut.

Besson: Daran habe ich Tausende Erinnerungen. Ich habe dort meine halbe Kindheit zugebracht, meine Schulkameraden heimlich herumgeführt. Die Unterbühne war mir der liebste Ort: Niemand sieht einen, und plötzlich taucht man aus der Versenkung auf, wuchs aus dem Boden und stand auf der Bühne - das fand ich großartig. Ich habe mich gerne da unten aufgehalten.

teleschau: Eingangs erwähnten Sie, dass Sie Kontinuität gesucht hätten. Vor Ihrem "SOKO"-Engagement waren Sie, auch durch die Arbeit am Theater, ein Städtewanderer.

Besson: Aber mir ging die ständige Hüpferei von Ort zu Ort auf den Keks. In Köln zu arbeiten und in Berlin zu wohnen, finde ich sehr angenehm. Köln ist eine Stadt, in der man sehr gut sein kann - und wenn man kurz zu Hause ist, ist es manchmal besser als wenn man länger da ist (lacht). Das ist ja mit der Heimat so, dass man sie in der Ferne mehr zu schätzen lernt.

Quelle: teleschau - der mediendienst