Ludger Pistor

Ludger Pistor





Wer rettet den "kleinen Mann"?

Eigentlich spielen in der ARD-Komödie "Wir tun es für Geld" (Frreitag, 27.06., 20.15 Uhr) Diana Amft und Florian Lukas die Hauptrollen. Star des Films ist dennoch irgendwie Ludger Pistor. Aus dem Part eines spießig-freundlichen Finanzbeamten, der zum Schrecken eines aus steuerlichen Gründen in Scheinehe lebenden Paares in die Nachbarwohnung einzieht, macht der 55-Jährige wieder einmal einen großen Auftritt. Seit seiner Rolle als Bankier im James Bond-Film "Casino Royale" hat Ludger Pistor regelmäßig auch im Ausland zu tun, wo er mit schnittigem Akzent diverse Deutsche verkörpert. Hierzulande liegen dem am Wiener Max-Reinhardt-Seminar ausgebildeten Schauspieler vor allem Charaktere am Herzen, die man als "Underdog mit Stil" bezeichnen könnte. Weil dieser Typus offenbar vom Aussterben bedroht ist, wirkt Ludger Pistor in seinen Rollen manchmal auf skurrile, ja faszinierende Art altmodisch.

teleschau: Herr Pistor, wir erwischen Sie in London. Arbeiten Sie dort?

Ludger Pistor: Ja, ich spiele einen Österreicher im Film "Woman in Gold", der sich mit den Bildern des Malers Klimt beschäftigt. Einige dieser sündhaft teuren Bilder mussten 2006 nach einem Rechtsstreit vom österreichischen Staat an die Nachfahren der ehemaligen Besitzer zurückgegeben werden. Das war eine ziemlich große Geschichte in der Presse. Nun wird das Ganze als englisch-amerikanische Koproduktion verfilmt und Helen Mirren spielt eine Hauptrolle.

teleschau: Seit ihrem Auftritt im Bond-Film "Casino Royale" hat man Sie im englischsprachigen Raum entdeckt ...

Pistor: Ja, ich denke, das hat damit zu tun. Und es kommt immer wieder mal was. Gerade für die BBC habe ich in den letzten Jahren öfter gedreht. Letztes Jahr war ich zum Beispiel der deutsche Reichskanzler Bethmann Hollweg in einer Serie, die sich mit den letzten 13 Tagen vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs beschäftigt. Das lief aber nicht in Deutschland.

teleschau: In Deutschland besetzt man Sie gerne - mit Verlaub - in der Rolle des Spießers. Woher kommt das?

Pistor: Durch die Fernsehserie "Balko", wo ich zehn Jahre lang Kommissar Krapp gespielt habe - das waren über 120 Filme. Kommissar Krapp war das, was man früher als den kleinen Mann bezeichnet hat. Ihn gibt es ja heute nicht mehr. Zumindest suggeriert man dem kleinen Mann, es gäbe ihn nicht mehr. Ich bilde mir ein, dass ich dem kleinen Mann mit meiner Rolle in "Balko" vielleicht noch ein letztes Denkmal gesetzt habe.

teleschau: Wohin ist der kleine Mann verschwunden?

Pistor: Früher gab es den Typ des aufrechten, ehrlichen Mannes aus kleinen Verhältnissen und mit bescheidenem Einkommen. Der große Heinz Rühmann hat ganz oft solche Rollen gespielt. Heute gibt es statt des kleinen Mannes nur noch Kunden, die sich für das günstigere Produkt entscheiden. Dass sie nicht genug Geld haben, um sich etwas Teures leisten zu können, darüber wird öffentlich nicht mehr geredet. Folglich ist der kleine Mann aus unserer Wahrnehmung verschwunden. Es gibt nur noch Kunden, die sich anders entschieden haben. Weil ich den kleinen Mann aber mag, reaktiviere ich ihn gern. Natürlich nur dann, wenn mir das eine Rolle anbietet. Die "Schnitzel"-Komödien mit Armin Rohde über zwei arbeitslose Kumpels im Ruhrpott wären auch so ein Beispiel ...

teleschau: Ist der kleine Mann identisch mit dem Spießer?

Pistor: Vielleicht ein bisschen, aber eigentlich ja auch nicht. Das Kleine im Leben wird in unserer modernen Gesellschaft gern verunglimpft. Dass es den kleinen Mann nicht mehr geben soll, hat auf jeden Fall politische Hintergründe. Jeder soll heute das Gefühl bekommen, er sei gleichwertig, alle hätten die gleichen Chancen. Das trifft natürlich nicht zu.

teleschau: Statistiken sagen, dass unsere Gesellschaft immer weiter auseinander driftet, sich in Arm und Reich aufteilt.

Pistor: So sehe ich es auch. Weil es so ist, macht es Sinn für jene, die davon profitieren, so zu tun, als wären alle Menschen gleich. Die Suggestion funktioniert sehr gut. Denn es will ja auch kaum jemand der kleine Mann sein. Ein Mensch, der kaum Einfluss und Möglichkeiten hat.

teleschau: Woher kommt Ihre eigene Affinität zu solchen Rollen?

Pistor: Das hat mit meiner Herkunft zu tun. Ich stamme aus kleinen Verhältnissen in Recklinghausen. Als ich aufgewachsen bin, war ich von solchen "kleinen Leuten" umgeben. Sie faszinieren mich bis heute, deshalb verkörpere ich auch gern solche Rollen.

teleschau: Welche Kultur verschwindet, wenn es den kleinen Mann nicht mehr gibt?

Pistor: Es gibt den kleinen Mann ja nach wie vor! Nur, dass man ihn heute als armen Mann bezeichnen könnte. Man redet im deutschen Film allerdings nicht gern über solche Themen und Milieus. In welchem Film, abseits der "Schnitzel"-Reihe, wird zum Beispiel das Thema Hartz IV bei ganz normalen Leuten verhandelt? Und das sogar in Form einer Komödie...

teleschau: Das Genre der Sozialkomödie gibt es in Deutschland wirklich nicht. Ist Ihre neue Komödie "Wir tun es für Geld" folgerichtig ein filmischer Beitrag zur Diskussion um Uli Hoeneß, Alice Schwarzer und Co.?

Pistor: Nein, in unserem Film geht es weder um Prominente noch um Geldsummen, die zum Beispiel im Fall Hoeneß aufgerufen werden. Dass der Film jetzt quasi im Hoeneß-Zeitalter entstanden ist, ich einen Steuerbeamten spiele und meine Nachbarn, mit denen ich mich aufrichtig anfreunde, fragwürdige Steuertricks anwenden - das alles ist mehr oder minder Zufall. Eigentlich ist "Wir tun es für Geld" eine typische Komödie, in der eine Seite unbedingt etwas vor der anderen Seite verbergen will und dabei eben lustige Situationen entstehen.

teleschau: Ihr Finanzbeamter entpuppt sich im Film als netter Kerl, der eigentlich nur das Gute im Menschen sucht. Ist der kleine Mann immer auch eine ehrliche Haut?

Pistor: So wie ich den Begriff verstehe, kann man das bejahen. Ich bin überzeugt davon, dass die meisten unserer Mitbürger ehrliche Menschen sind. Wenn Sie in Deutschland von A nach B gehen, versucht man eigentlich selten, sie zu betrügen. Es ist in der Regel nicht nötig, das Wechselgeld nachzuzählen oder Ähnliches. Die normalen Leute sind eigentlich Menschen, auf die man sich verlassen kann. Ich denke, wir sind unten herum gesellschaftlich ganz gut aufgestellt.

teleschau: Und in der oberen Etage?

Pistor: Je höher man kommt, desto mehr ändert sich das. Das ist ja das Traurige. Der kleine Mann ist vielleicht ein bisschen naiv, aber geradeheraus. Für mich ist er ein guter Mensch. Klar, vielleicht ist da auch ein bisschen Sozialromantik mit dabei. Weil ich aus einer solchen Umgebung komme und ich dieses Schichtenbewusstsein mitbringe, argumentiere ich in vielen Rollen für den kleinen Mann. In der Hoffnung, dass es ihn noch ein bisschen weiter gibt und man sein Lebensmodell auch zu würdigen weiß.

Quelle: teleschau - der mediendienst