Anna Maria Sturm

Anna Maria Sturm





"Viele denken, ich könne kein Hochdeutsch"

Das bayerische Mädchen vom Land, auf diese Rolle war Anna Maria Sturm abonniert, nachdem sie als rebellische Kati in Marcus H. Rosenmüllers Coming-Of-Age-Filmen "Beste Zeit" und "Beste Gegend" (2007/2008) auf sich aufmerksam machte. Sicherlich nicht die schlechteste Rolle, vor allem, wenn man vom BR unter Vertrag genommen wird, um denselben Typus Frau dauerhaft im Münchner "Polizeiruf 110" zu spielen. Aber eben keine besonders herausfordernde, wenn man wie Anna Maria Sturm tatsächlich ein bayerisches Mädchen vom Land ist - aus Schwandorf in der Oberpfalz, genauer gesagt. Keine bayerischen Rollen mehr, schrieb sich die 31-Jährige deshalb für die nahe Zukunft auf die Fahnen, kündigte dem "Polizeiruf" und schließt mit dem letzten Teil der Rosenmüller-Trilogie, "Beste Chance" (Start: 26. Juni), auch im Kino vorerst mit dem Kapitel Bayern ab.

teleschau: Weiter von Bayern könnten Sie sich in "Beste Chance" kaum entfernen - Ihre Kati verbringt den Großteil des Films in Indien. Auch für Sie ein Kulturschock?

Anna Maria Sturm: Die Eindrücke vor Ort haben mich schon umgehauen, weil dort eben alles so anders ist als bei uns. Ich konnte kaum fassen, wie viele Menschen sich in Delhi drängen. Die Stadt kam mir wie ein Bienenstock vor, weil es dort nie ruhig ist. Immer waren Geräusche um mich herum: Gefühlt wurden dort jeden Tag Hunderte Hochzeiten gefeiert, und ständig gab es Umzüge mit Musik. Es war immer laut und so lebendig.

teleschau: Da kommt einem Berlin plötzlich ruhig vor, oder?

Sturm: Tatsächlich! Die Menschen in Delhi sind diesen Trubel ja gewöhnt, aber für mich war es schon recht anstrengend.

teleschau: Und das nach vollgepackten Drehtagen.

Sturm: Richtig, ich war schließlich nicht für einen Wellness-Urlaub dort. Alles musste schnell gehen, und wir haben oft die Drehorte gewechselt. Darum konnte ich mich zwar nicht auf entspannte Weise auf das Land einlassen, aber viel gesehen habe ich von Indien trotzdem. Auch furchtbare Dinge.

teleschau: Was berührte Sie am meisten?

Sturm: Die Armut. Ich sah in Delhi Menschen, die wirklich gar nichts besaßen, die auf der Straße lagen. Man kennt das natürlich aus den Medien, aber mit eigenen Augen hatte ich das bisher noch nicht gesehen. Ich war zuvor nur in recht europäisierte Länder gereist.

teleschau: In den letzten Monaten berichteten die Medien verstärkt über brutale Vergewaltigungen in Indien.

Sturm: Jeder Inder, mit dem ich sprach, bestätigte mir, dass das ein Riesenproblem ist. Ab 20 Uhr sieht man in Dehli tatsächlich kaum noch Frauen allein auf der Straße. Weil es wirklich gefährlich ist. Doch es gibt inzwischen viele Initiativen, die die Situation verbessern wollen.

teleschau: Hatten Sie ein mulmiges Gefühl, als Sie dorthin reisten?

Sturm: Überhaupt nicht. Die Inder sind ja keine Monster! Im Gegenteil, ich habe furchtbar nette Menschen kennengelernt. Außerdem bin ich ja nicht allein mit dem Rucksack durch Indien gereist, sondern war Teil einer Gruppe, da musste ich mir gar keine Sorgen machen. Und passieren kann ja überall was. Auch in München, das ja als sehr sichere Stadt gilt, gibt es Übergriffe auf Frauen. Das ist kein indisches Problem. Aber in Indien ist die Menschendichte höher und ich glaube, die Geschlechterverteilung unausgewogener. Dort leben viel mehr Männer als Frauen.

teleschau: Reisen Sie viel?

Sturm: Wann immer ich es einrichten kann. Kurz vor den Dreharbeiten in Indien verbrachte ich zwei Monate in den USA und Kanada. Längere Reisen sind schwieriger. Nicht nur wegen der Arbeit, ich besitze zwei Pferde. Die kann ich schlecht so lange allein lassen. Aber wenn ich ein tolles Filmangebot vorliegen hätte, das eine längere Abwesenheit erfordert, ließe sich irgendwie eine Lösung finden.

teleschau: Wo haben Sie Ihre Pferde denn untergebracht? In Ihrer Nähe in Berlin oder bei Ihrer Familie in Bayern?

Sturm: Die waren schon überall. Erst im Bayerischen Wald, dann in Berlin, jetzt sind sie in der Oberpfalz, und momentan versuche ich, sie wieder nach Berlin zu holen.

teleschau: Das klingt so, als pendelten Sie viel.

Sturm: So viel wie noch nie! Einmal bis zweimal im Monat spiele ich in den Münchner Kammerspielen, in Freiburg im Breisgau drehe ich gerade eine Kinderserie, ich halte Lesungen in Frankfurt, habe eine Platte mit meinem Jazzquintett in Polen aufgenommen und in Schwandorf einen kleinen Film dazu produziert.

teleschau: Dann scheint es Ihrer Karriere bisher nicht geschadet zu haben, dass Sie erst mal keine bayerischen Rollen mehr annehmen wollen.

Sturm: Dadurch habe ich jetzt Zeit für meine anderen Projekte gewonnen, und das tut mir gut. Ich wollte es mir eben nicht einfach machen, sondern zeigen, dass ich noch mehr kann.

teleschau: Hatten Sie bei Castings schon den Eindruck, dass Sie eine Rolle nicht bekamen, weil Sie in der "Bayerisch"-Schublade steckten?

Sturm: Ja. Viele denken offenbar, ich könne kein Hochdeutsch, oder wollten mich für eine Rolle nicht, weil ich ein gewisses Image hatte. Davon will ich mich befreien. Das soll nicht heißen, dass ich meine bayerischen Filme nicht mag. Ich mag sie so gern, wie ich auch den "Polizeiruf" mochte. Aber ich fühlte mich eingeengt.

teleschau: Hatten Sie keine Angst, dass das Freischwimmen nicht funktionieren könnte?

Sturm: Es war schon hart, beim "Polizeiruf" zu kündigen. Dadurch habe ich mich ja in eine Art Leerzone begeben. Aber ich versuche immer gegen solche Ängste anzugehen, denn es war nie meine Art, mein Leben durchzuplanen. Selbst wenn man der Meinung ist, dass man alles perfekt organisiert hat, kann noch immer alles schiefgehen. Was wäre denn gewesen, wenn ich beim "Polizeiruf" geblieben und er plötzlich aus irgendwelchen Gründen eingestellt worden wäre? Angst lähmt auch, und ich habe mich eine Weile von ihr lähmen lassen, von dem Druck, immer die richtigen Entscheidungen zu treffen. Aber irgendwann dachte ich mir: Das ist mein Leben, ich habe es nur einmal, und darum mache ich jetzt nur noch, was ich mag.

teleschau: Auch wenn es viel Pendelei mit sich bringt.

Sturm: Genau.

teleschau: Und wer kümmert sich derweil um die Pferde?

Sturm: Ich zahle für die Pflege.

teleschau: Das ist bestimmt nicht ganz billig.

Sturm: Tja, andere geben Ihr Geld für Autos aus, ich eben für Pferde. Dafür gehe ich dann nicht so oft shoppen.

teleschau: Und wohnen nicht in einer Eigentumswohnung, sondern in einer WG.

Sturm: Ja, zusammen mit einem Arzt, der aber nur selten da ist. Wir können uns also gar nicht auf den Wecker gehen und freuen uns immer, wenn wir uns sehen.

teleschau: War es für Ihren Mitbewohner komisch, dass jemand, den man aus Film und Fernsehen kennt, in seine WG einziehen wollte?

Sturm: Als ich mir 2009 die WG suchte, war ich zwar in Bayern schon relativ bekannt, aber in Berlin noch nicht so richtig. Mein Mitbewohner kannte mich nicht aus den Medien, er hat mich einfach als Mensch gesehen, mit dem er in der Wohnung klarkommt. Erst nach dem Einzug erfuhr er, was ich mache, und es war ihm egal. Es ist richtig schön. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich mir noch einmal eine WG suchen würde, wenn ich aus der Wohnung ausziehen müsste. Mit zehn Leuten würde ich mir das Bad nicht teilen wollen, ich brauche mein eigenes Reich.

teleschau: Werden Sie mittlerweile auch in Berlin erkannt?

Sturm: Hin und wieder schon, zum Beispiel, wenn einer meiner "Polizeirufe" lief. Aber am häufigsten erkennt man mich in Schwandorf, da kann ich nirgendwo mehr hingehen, ohne mit Namen begrüßt zu werden. Viele im Ort kennen mich ja schon von Kindesbeinen, und die anderen durch meine Filme und Auftritte im Künstlerhaus.

teleschau: Käme es für Sie infrage, Ihr Leben wieder komplett dorthin zu verlagern?

Sturm: Ich kann mir sehr gut vorstellen, zurück aufs Land zu ziehen. Ich bin einfach ein Landtyp, und mit den Pferden würde es sich ja anbieten. Aber ob es jetzt unbedingt Schwandorf sein muss ...

Quelle: teleschau - der mediendienst