Marietta Slomka

Marietta Slomka





Raus aus dem Studio, rein ins Leben

Marietta Slomka liebt es, in der Welt unterwegs zu sein. Sie ist eine passionierte Taucherin und würde dem pauschal gebuchten Luxushotel jederzeit eine fordernde Trekking-Tour vorziehen. Da die 45-Jährige jedoch beim "heute-journal" gebraucht wird, bleibt für ausgedehnte Weltenbummelei wenig Zeit. Außer wenn große Sportereignisse wie Fußball-WM oder Olympische Spiele anstehen. Dann erlaubt das ZDF seiner großen Blonden - fast schon traditionell - einen aufwendigen Reisefilm. Für ihre beiden Reportagen "Zwischen Anden und Amazonien" (Dienstag, 24.06., 20.15 Uhr, und Donnerstag, 26.06., 20.30 Uhr) erkundete Marietta Slomka Kolumbien, Ecuador, Peru, Bolivien, Chile und Argentinien.

teleschau: Sie bereisen sechs südamerikanische Länder für zwei 45-Minuten-Sendungen. Kann dabei mehr als ein Bilderbogen herauskommen?

Marietta Slomka: Die Idee hinter dieser Reportagereise war nicht, einzelne Länderporträts zu drehen. Das wäre bei 15 Minuten Sendezeit pro Land auch nicht möglich. Wir stellen, ähnlich wie vor vier Jahren bei dem Zweiteiler "Afrikas Schätze", beispielhaft Personen und Geschichten vor, die für die zentralen politischen, ökonomischen und kulturellen Themen stehen, die diesen Kontinent bewegen.

teleschau: Haben Sie in den Ländern so etwas wie ein Südamerika-Gefühl entdeckt?

Slomka: Der Kontinent ist vielfältig, die Länder sind unterschiedlich, aber es gibt Gemeinsamkeiten. Man spürt, dass dieser Kontinent im Umbruch ist: Ein neues Selbstbewusstsein bei den indigenen Bevölkerungsgruppen. Das Heranwachsen neuer Mittelschichten einerseits; die enormen Gegensätze zwischen Arm und Reich andererseits. Viele Länder haben hohe Wachstumsraten, die aber nicht unbedingt nachhaltig sind, weil sie häufig auf der Ausbeutung von Bodenschätzen beruhen. Sie haben in all diesen Ländern eine belastete Vergangenheit - von der Kolonialgeschichte über Diktaturen bis hin zu ideologischen Grabenkämpfen und Gewalterfahrungen, wie in Kolumbien, wo meine Reportage beginnt. Ja, ich würde sagen: Es gibt eine ganze Reihe übergreifender Themen in Südamerika.

teleschau: Verbreitet Südamerika ein positives Lebensgefühl?

Slomka: Die Menschen haben viele Hoffnungen, das würde ich unterschreiben. Es gibt aber auch viele Ängste und Traumata. In Medellín in Kolumbien, wo unsere Reise beginnt, gibt es zwar eine beeindruckende Entwicklung zum Besseren. Trotzdem haben fast alle Menschen drastische Gewalt- und Verlusterfahrungen während der Drogenkriege gemacht. Wenn man manche Artikel in der internationalen Presse liest, könnte man meinen, das wäre heute eine reine Party-Metropole. Ganz so ist es nicht. Ich bin von dort mit sehr gemischten Gefühlen weggefahren. Argentinien wiederum wird wieder einmal von einer schweren Wirtschaftskrise gebeutelt. Und in Chile, das gern als Vorzeigestaat Südamerikas benannt wird, gibt es ähnliche Proteste und gesellschaftliche Spannungen wie in Brasilien. Trotzdem bleibt als positiver Eindruck, dass ich vielen Südamerikanern begegnet bin, die hart im Nehmen sind und optimistischer an die Dinge herangehen als wir Europäer.

teleschau: Ist das Interesse der Deutschen an Regionen, in denen große Sportereignisse anstehen, deutlich größer als normalerweise?

Slomka: Ja, da bin ich mir sicher. Das Interesse ist da, das hatte ich auch nach meiner Afrika- oder nach der Chinareise gemerkt. Außerdem empfinde ich es als unsere Aufgabe, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender eine solche Chance nutzt, sich mit den gesellschaftlichen Zuständen in dieser Region zu befassen. Wir können ja nicht nur beim Sport bleiben, das wäre unserem Programmauftrag nicht angemessen. Und dann dürfen wir auch nicht nur Menschen, Tiere, Abenteuer zeigen - also einen Bilderbogen, wie Sie sagen -, sondern da muss es auch um grundsätzliche, politische Themen gehen. Faszinierende Landschaften und "Abenteuer" gibt es aber auch. Diese Reise bietet eine Mischung.

teleschau: Wie lange waren Sie in Südamerika unterwegs?

Slomka: Wie waren zweimal rund vier Wochen unterwegs. Jeder der beiden Filme ist also an einem Stück entstanden.

teleschau: Was hat Sie persönlich am meisten fasziniert auf dieser Reise?

Slomka: Da gab es viele Momente! Die Begegnungen in Bolivien zum Beispiel: Mit der jungen Vize-Senatspräsidentin, die von Boliviens Ureinwohnern abstammt und uns zu sich nach Hause eingeladen hat. Oder mit einer Kindergewerkschaft, die bessere Bedingungen bei der Kinderarbeit heraushandeln will. Das war sehr speziell, weil man mit dem eigenen europäischen Denken dort nicht unbedingt weiterkommt. Man kann und sollte als Reporter auch nicht immer alles eindeutig beurteilen. Manches beschreibt man und lässt es auf den Zuschauer wirken, dem es dann vielleicht ähnlich geht wie mir: eine klare Haltung einzunehmen, ist nicht immer möglich.

teleschau: Welche Landschaft hat Ihnen am besten gefallen?

Slomka: Meine Reise auf die Galapagos-Inseln war so etwas wie ein Urerlebnis. Die Artenwelt dort ist sowohl über als auch unter Wasser eine einmalige Erfahrung. Ein Weltnaturerbe, das schwer zu schützen ist. Ich fand es aber auch aufregend, so hoch in den Anden zu sein. In Bolivien fuhren wir auf über 5.000 Meter. Das kannte ich trotz so manchem bestiegenen Berg auch noch nicht. Ich konnte mich nur noch langsam bewegen. Sich zum Beispiel zu bücken, um sich die Wanderschuhe zuzuschnüren, ist schon ein Kraftakt, der einen außer Atem bringt. Auch die Atacamawüste in Chile ist ungeheuer faszinierend. Ich bin schon viel gereist, aber eine solche Landschaft habe ich zuvor noch nie gesehen. Geradezu außerirdisch - ungefähr so stelle ich mir den Mars vor.

teleschau: Auf den Galapagos-Inseln sind Sie mit Haien getaucht. Waren Sie schon taucherfahren?

Slomka: Ja, ich bin Taucherin seit vielen, vielen Jahren. Als Anfänger hätte man den Tauchplatz, an dem wir waren, auch nicht aufgesucht. Nicht so sehr wegen der Haie, die tun nämlich niemanden etwas, sondern wegen der starken Strömungen und der Kälte des Wassers.

teleschau: Vor Haien hatten Sie nie Angst?

Slomka: Ich tauche seit Jahren mit Haien und anderen Großtieren. Vor Haien braucht man wirklich keine Angst zu haben, wenn man sich vernünftig verhält. Klar, es sind Raubtiere, und Respekt gehört zu der Begegnung mit ihnen dazu. Aber abgesehen von Weißen Haien, bei denen auch mir mulmig würde, ist das Tauchen mit Haien in der Regel nicht gefährlich. Auch darauf wollte ich mit diesem kleinen Schlenker unserer Reise ein bisschen hinweisen. Wenn Sie in Berlin durch den Park gehen und es kommt ein nicht angeleinter Kampfhund auf Sie zugerannt, sind Sie auf jeden Fall in größerer Gefahr als unter Wasser mit diesen scheuen Tieren, die zu Unrecht so einen schlechten Ruf haben.

teleschau: Wie wichtig ist für Sie der regelmäßige Ausbruch aus dem Nachrichten-Studio, um solche Filme zu machen?

Slomka: Ich brauche das schon ab und zu. Ich komme ja vom Filmemachen und war Korrespondentin, bevor ich vor die Kamera getreten bin. Diese Reisen sind beruflich in doppelter Hinsicht erfüllend. Zum einen weil ich das Reporterhandwerk nicht verlerne. Zum anderen ist es auch eine sehr sinnliche Erfahrung, Filme zu machen: Du gehst raus, drehst Bilder, triffst Menschen und am Ende hältst du etwas Greifbares in der Hand, einen Film. Ich sitze auch sehr gerne im Schnitt. Das ist ein sehr kreatives Arbeiten, das mir Spaß macht. Und ich bin gerne mit einem Team unterwegs, draußen im prallen Leben. Das ist ganz anders als jene Arbeit, die ich als Moderatorin mache. Dort sitze ich doch oft auch allein im Büro mit einem Blatt Papier oder vorm Computer, das ist ein anderes Arbeiten.

teleschau: Andererseits - wenn Sie abends im Nachrichtenstudio stehen, scheint die ganze Welt bei Ihnen zusammenzulaufen. Das muss doch auch einen Kick geben.

Slomka: Ja, aber ich finde es auch wichtig, sich diese Welt real anzusehen, über die man regelmäßig berichtet. Ich bin in meinem Leben sowohl beruflich als auch privat sehr viel gereist. Deshalb habe ich bei vielen Gegenden der Welt, über die wir berichten, eigene Bilder im Kopf. Ich habe eigene Vorstellungen, wie es dort tatsächlich aussieht. Oder ich erinnere mich an Menschen, denen ich dort begegnet bin. Das macht einen zumindest nicht dümmer.

teleschau: Gibt es für Sie ein Traumland?

Slomka: Vielleicht ist es Afrika. Es sind Landschaften, die man nicht vergisst. Alles ist anders in Afrika. Die Gerüche, die man dort in der Nase hat. Der unendliche Himmel, den man immer wieder anschauen muss. Aber mit Südamerika geht es mir nach den beiden Reisen ähnlich. Ich möchte unbedingt noch mal nach Chile zurück oder auch nach Patagonien, wo wir am Ende des zweiten Films sind. So eine richtig lange Trekkingtour dort, das würde mir schon sehr viel Spaß machen...

Quelle: teleschau - der mediendienst