Tom Hardy

Tom Hardy





Der rebellische Million-Dollar-Mann

Ganz sicher kann man sich nicht sein, was die größere Herausforderung für Tom Hardy war: Er spielte den Bösewicht in "The Dark Knight Rises", atmete sich hinter der Maske durch den Blockbuster von Christopher Nolan, nahm für die Rolle wieder mal rund 15 Kilo Muskeln zu. Jetzt spielt der 36 Jahre alte Brite die Hauptrolle in "No Turning Back" (Start: 19.06.). Nur muss man den Begriff Hauptrolle neu definieren, wenn es um dieses Kammerspiel in einem Auto geht. Wie macht man das alleine in einem Wagen, ohne Hilfsmittel am Telefon, mit einem Riesenschnupfen ...

Schon durch "The Dark Knight Rises" kannte Tom Hardy das Spiel mit limitierten Möglichkeiten: Nur seine Augen waren nicht von der irrwitzigen Maske verdeckt, die seine Figur, der monströse Terrorist Bane, nie abnahm, weil er sie zum Lindern seines Schmerzes brauchte. Diesmal hat Hardy immerhin sein ganzes Gesicht zur Verfügung und kann verzweifelt aufs Lenkrad schlagen. "No Turning Back" ist eine One-Man-Show. Eine Fahrt durch die Nacht, begleitet von Telefonaten, in denen der von Hardy gespielte Bauleiter seiner Frau einen Fehltritt gesteht, seinen Söhnen erklärt, dass er heute nicht nach Hause kommt. Er wird auch morgen früh nicht die Lieferung in Empfang nehmen, was ihn in berufliche Schwierigkeiten bringt. Er will eine Sache ausbaden. Er hat einen Fehler gemacht und wird dafür geradestehen, koste es, was es wolle. Und diese Nacht kostet viel.

Dass daraus ein Film wird, ist schwer vorstellbar? Stimmt, und ohne Tom Hardy konnte sich keiner der Beteiligten diese Geschichte vorstellen. Er ist ein Mann für Nuancen, er kann auf engstem Raum explodieren, nimmt den Zuschauer mit, schafft es, ein Drama wie einen Thriller wirken zu lassen. Auch wenn er dabei gegen eine Erkältung kämpft, die er sich zum Drehstart einfing.

Diese Ein-Mann-Show ist das größte Kompliment, das man einem Schauspieler machen kann. Warum passiert es Tom Hardy? Wegen der gut 40 Produktionen, an denen der Mann in den letzten 13 Jahren mitwirkte? Es ist nicht nur Ehrgeiz, der ihn stets besser werden lässt, es ist eine Sucht. Der Mann aus dem Londoner Stadtteil Hammersmith kennt nicht nur bei der Schauspielerei das Extreme. Abnehmen, hungern, Muskeln antrainieren, alles kein Problem. Was Hardy tut, tut er exzessiv. Schön früher. Zehn Jahre lang soff er wie ein Loch, schmiss sich die verschiendensten Drogen ein ("Ich war nicht wählerisch") und traut sich selbst auch heute, nach mehr als zehn Jahren, in denen er clean ist, noch nicht ganz über den Weg.

Seine Arbeit kompensiert, fängt seine Lust auf das Durchdrehen auf. Das erste Mal fiel er in Ridley Scotts "Black Hawk Down" auf, neben ihm Ewan McGregor, Sam Shepard und Eric Bana. Er tobte sich als Bösewicht aus, war der Shinzon in "Star Trek: Nemesis" (2002). Es folgten einige Miniserien, eine TV-Biografie "Stuart: A Life Backwards" (2007), für die er erstmals hungerte.

Dann wurde er als cooler Hund entdeckt, war Handsome Bob in Guy Ritchies "Rock N Rolla" (2008), wohl gemerkt zu einer Zeit, als auch Ritchie endlich wieder mehr war als Madonnas Ehemann. Wirklich wichtig wurde seine Zusammenarbeit mit Christopher Nolan, bei "Inception" (2010). Hardy schwärmte von Christopher Nolan, die beiden waren ein gutes Team und trafen sich zwei Jahre später wieder zur Zusammenarbeit bei "The Dark Knight Rises". In der Zwischenzeit hatte Hardy vier Filme gedreht. Er reift schnell. Er ist ein Mann, dem andere vertrauen, trotz seiner Vergangenheit. In Filmabspännen wird sein Name mittlerweile vor den von Gary Oldman gestellt, seinem Idol, mit dem er in der kommenden Romanverfilmung "Kind 44" zum dritten Mal zusammenarbeitete.

Diese Entwicklung war nicht abzusehen nach einer rebellischen Jugend in Privatschulen und mit seiner Drogenkarriere, die Tom Hardy früh einläutete. Er hatte Selbstmordgedanken, wurde wegen Autodiebstahl verhaftet und prügelte sich so oft, wie andere zum Fußballtraining gingen. Drei Wochen nach dem ersten Date heiratete er 1999 die Produktionsassistentin Sarah Ward. Auf seinem Bauch prangt auch zehn Jahre nach der Scheidung die Tätowierung "Bis ich sterbe - SW". Sein Körper ist sein Tagebuch, auch die Geburt seines Sohnes vor sechs Jahren, die ihn zum "stolzen Vater" macht, ist auf seienr Haut dokumentiert. Dass der Schriftzug bis zum Schlüsselbein geht und ihn vielleicht Rollen kostet, wird Hardy immer egal sein. Er ist mehr Künstler als Star, ein Problemkind, das sich in den Griff kriegen will, das möglichst vermeiden möchte, wegen ein paar Drinks einen Raum zu zerlegen oder wieder einmal an einem Ort aufzuwachen, an den ihn ein Filmriss gebracht hat.

Er hält sich fern von dem Teufelszeug, geht mit seiner Verlobten Charlotte Riley (Tattoo auf den Rippen) nach Hause, wenn die anderen das Feiern anfangen. So launig sich Hardy auch manchmal gibt, er weiß, dass der Spaß für ihn schnell aufhört. Wer weiß, ob seine nächste Rolle in dem dreckigen Drama "The Drop" für ihn eine Katharsis war. Er spielt einen Barkeeper, der allerdings von seiner Rolle im Pub in brutale Action gezogen wird. Danach verkörpert er den Titelhelden im Remake von "Mad Max" und Elton John in "Rocketman". Justin Timberlake wollte die Rolle auch. Bekommen hat sie Hardy, obwohl er nicht singen kann.

Der Rebell hat die Kurve gekriegt, setzt sein Suchtpotenzial jetzt neu ein. Hoffentlich reicht ihm die Anerkennung. Denn wie sagte er einst: "Du betrittst eine Bühne nicht, um zu essen. Du wirst gegessen."

Quelle: teleschau - der mediendienst