David Eigenberg

David Eigenberg





"Ich bin ein Arbeiterklasse-Schauspieler"

Er arbeitete als Schreiner und auf dem Bau, er fährt einen Ford und bezeichnet sich selbst als "Arbeiterklasse-Schauspieler": David Eigenberg ist ein handfester Typ. So gesehen passt die Rolle des Feuerwehrmanns Christopher Herrmann in der mitreißenden US-Serie "Chicago Fire", die VOX ab 16. Juni immer montags, 20.15 Uhr, in Doppelfolgen zeigt, sehr viel besser zum 50-jährigen Amerikaner als das Format, mit dem er berühmt wurde. Dennoch blickt David Eigenberg auch auf seine Jahre bei "Sex and the City", wo er als Barkeeper Steve Brady für Furore sorgte, mit Stolz zurück - und mit viel Humor.

teleschau: Die meisten kleinen Jungs möchten später mal Feuerwehrmann werden. War das bei Ihnen auch so?

David Eigenberg: Als Kind bekam ich von Feuerwehrmännern nicht besonders viel mit, weil ich in einem eher ländlichen Vorort aufwuchs, wo es nicht alle Nase lang brannte. Das änderte sich, als ich mit 20 mitten nach New York zog und zehn Jahre im Problemviertel Spanish Harlem lebte. Da gab es zwei schlimme Brände, bei denen auch Menschen umkamen. Ich erinnere mich, wie ich um 3 Uhr morgens aufwachte, diese Feuerwehrleute sah und dachte: Wow, die haben es wirklich drauf! Jedes Kind - egal ob Junge oder Mädchen - möchte ein Held sein, jemanden retten. Das ist angeboren, das macht uns zu Menschen.

teleschau: Sie wurden mit einer Serie bekannt, in der Designer-Pumps eine nicht ganz unwesentliche Rolle spielten. In "Chicago Fire" explodiert ständig etwas, Sie sägen Autos auf oder treten Türen ein. Gefällt Ihnen der Kontrast?

Eigenberg: Ich mochte die Jahre bei "Sex and the City" sehr. Es gab immer viel zu lachen. Aber ich kann Ihnen sagen, die ganze Warterei damals, bis die Mädels richtig ausgeleuchtet waren, bis ihr Make-up fertig war, die Haare saßen und die letzte Falte aus der Bluse gebügelt war ... (lacht) Bei "Chicago Fire" tragen wir kaum Make-up. Wenn wir in einer Szene den Helm abnehmen, sieht die Frisur eben so aus, wie sie aussehen sollte. Mir gefällt, dass wir nicht aufgehübscht werden. Es geht darum, lebensnahe Charaktere in extremen Situationen zu zeigen.

teleschau: Sie konnten zur Vorbereitung auf den Dreh mit den echten Chicagoer Feuerwehrmännern mitfahren. Ein Erlebnis?

Eigenberg: Das ist nicht das richtige Wort. Es hat mich tief beeindruckt, von diesen Gentlemen etwas aus ihrem Arbeitsalltag zu erfahren. Die Geschichten, die sie zu erzählen haben, sind nicht immer von Erfolg und Heldentum geprägt.

teleschau: Aber so sieht Amerika seine Feuerwehrmänner doch gerne.

Eigenberg: Richtig, aber das ist nur eine Seite der Medaille. Ein Feuerwehrmann muss auch mit Verlust und Trauma umgehen. Ein Gentleman, den ich auf einer der Stationen in Chicago kennenlernte, zeigte mir ein Video, in dem er ein totes Kind aus einem brennenden Gebäude trägt und währenddessen mit ihm spricht, es beruhigt. Ich konnte das nicht mal zu Ende schauen. Wenn ein Erwachsener stirbt, ist das tragisch, aber wenn ein Kind es nicht schafft, lässt das einen Kummer zurück, den die Seele nur schwer verkraftet. Das Verblüffende ist: Die allermeisten Feuerwehrmänner kehren ihrem Job nach solchen Erlebnissen nicht den Rücken, sondern sind wenig später wieder im Einsatz.

teleschau: Braucht eine Fernsehserie Authentizität, um gute Unterhaltung zu bieten?

Eigenberg: Die erfolgreichsten Serien in den USA setzen auf Authentizität. Ein Beispiel: "The West Wing - Im Zentrum der Macht" über den Alltag im Weißen Haus war eine sorgfältig recherchierte Serie, die den Anspruch hatte, zu zeigen, was hinter den geschlossen Türen der Hauptstadt unseres Landes passiert. Ein bestimmtes Maß an Wirklichkeitsnähe kann eine TV-Serie nie überschreiten, denn sie bleibt Unterhaltung. Aber die Geschichte profitiert davon, wenn die Handlung so lebensnah wie möglich bleibt.

teleschau: Einen gewissen Machismo kann man "Chicago Fire" dennoch nicht absprechen.

Eigenberg: Das ist sicher richtig. Das Tolle ist, dass die Serie keine eindimensionalen Männerfiguren zeichnet. Ein Beispiel ist Taylor Kinney: Ihm gelingt es, seiner Rolle mehr abzuringen als das offensichtlich gute Aussehen. Sein Charakter macht in der ersten Staffel einiges durch und zeigt auch Verletzlichkeit - auf eine sehr männliche Art und Weise. Auf dieses Element der Serie bin ich sehr stolz.

teleschau: Einige Ihrer Kollegen sind um die 25, so lange sind Sie in etwa schon Schauspieler.

Eigenberg: Ich bin gerne der alte Sack! (lacht) Nein, um ehrlich zu sein, musste ich das erst mal verdauen. Ich spielte bisher immer jungenhafte Typen, weil mein Naturell auch eher dem entspricht. Jetzt wendet sich das Blatt eben langsam. Aber meine jungen Kollegen machen es mir sehr leicht, sie sind alle sehr großzügig mit ihrem Respekt mir gegenüber und fragen mich auch hin und wieder um Rat.

teleschau: In Bezug auf was?

Eigenberg: Erfolg zum Beispiel. Auch wenn ich bei "Sex and the City" nur eine Nebenrolle hatte, konnte ich doch aus nächster Nähe beobachten, was es mit den Mädels machte, dass diese Serie so erfolgreich war. Deshalb rate ich dem Nachwuchs: Ja, es fühlt sich gut an, wenn die Leute dir auf die Schulter klopfen und dich in den Himmel loben. Aber wenn dieser Ruhm eines Tages vergeht - und das wird er, früher oder später - hat er absolut keinen Wert mehr. Miss dem nicht zu viel Bedeutung bei, und gründe deinen Selbstwert nicht nur auf den Erfolg. Sonst ergibt sich aus dem Ruhm vergangener Tage eine Leere, die du nicht füllen kannst.

teleschau: Sie sprechen aus Erfahrung?

Eigenberg: Als es um mich als Schauspieler ruhiger wurde, war ich froh, meine Frau und meine Familie zu haben. Ich identifiziere mich über meine Familie, nicht über meinen Beruf.

teleschau: Standen Ihnen nach "Sex and the City" denn nicht alle Türen offen?

Eigenberg: Viele Leute denken, dass uns Schauspielern die Jobs zufliegen, aber das ist nicht so. Nach "Sex and the City" hatte ich ein paar Jahre lang Schwierigkeiten, über die Runden zu kommen. Ich liebäugelte sogar damit, wieder auf dem Bau zu arbeiten. Ich bin zwar schon eine Weile im Geschäft und habe ganz gut verdient, aber ich habe eine Familie mit zwei Kindern zu ernähren.

teleschau: Inwiefern hat sich das Fernsehen für Schauspieler in den letzten zehn Jahren verändert?

Eigenberg: Ich bezeichne mich selbst als Arbeiterklasse-Schauspieler, und für uns ist es definitiv schwieriger geworden. Es herrscht ein großes Ungleichgewicht bei der Verteilung des Vermögens in der Branche. Okay, wir haben unseren gewerkschaftlichen Mindestlohn, und die Bezahlung ist schon in Ordnung, aber das gilt eben nur, wenn du arbeitest. Mein Konkurrenzdenken ist nicht besonders ausgeprägt, aber es gibt wirklich viele von uns. Hinzukommt, dass du kaum Rücklagen bilden kannst, weil deine Ausgaben relativ hoch sind.

teleschau: Auf der anderen Seite spricht man derzeit vom Goldenen Zeitalter des Kabelfernsehens.

Eigenberg: Das stimmt auch. Es gibt so viele tolle Serien im Moment, die unglaublich gut geschrieben und produziert sind. Ich denke auch, dass das Zukunft hat, denn die Leute mögen Geschichten. Eine gute Geschichte bereichert den menschlichen Geist, selbst wenn sie von einem schlechten Menschen handelt.

teleschau: Etwas Ähnliches hat Ihr Kollege Kevin Spacey vergangenes Jahr beim Filmfestival in Edinburgh gesagt. Er kritisierte die Fernsehsender dafür, den Wünschen der Zuschauer nicht genug Rechnung zu tragen. Stimmen Sie ihm zu?

Eigenberg: Eine sehr interessante Rede von ihm. Die Menschen wollen Geschichten, das sehe ich auch so, auch wenn nicht alles ganz so zutrifft, wie es Kevin Spacey darstellte. Mit "House of Cards" und anderen Formaten hat Netflix einiges riskiert, aber auch sehr viel Umsatz gemacht. Es ist toll zu sehen, dass ein Format auch mal Zeit bekommt, sich zu entwickeln. Viel zu vielen Serien wurde trotz guter Kritiken der Saft abgedreht, weil sie nicht schnell genug Aufmerksamkeit erzeugten. Die Leute schwärmen immer von "Seinfeld", dabei lief das zunächst auch nicht - bevor es eine der erfolgreichsten Sitcoms überhaupt wurde. Etwas mehr Freiraum und scheitern dürfen - das wäre wünschenswert.

Quelle: teleschau - der mediendienst