Johannes B. Kerner

Johannes B. Kerner





"Früher war ich ein Getriebener"

Früher war Johannes B. Kerner das vielleicht präsenteste Gesicht im deutschen Fernsehen. Nach seinem missratenen Wechsel zu SAT.1 und der reumütigen Rückkehr zum ZDF ist der fast 50-Jährige nun "nur noch" ein Moderator von vielen. Trotzdem, so der vierfache Familienvater, gehe es ihm heute viel besser. Anfang Juli füllt "JBK" mal wieder zwei ZDF-Abende lang die Primetime. Mit der Neuauflage seiner alten Ranking-Show "Unsere Besten", die nunmehr "Deutschlands Beste" (Mittwoch, 02.07., und Donnerstag, 03.07., 20.15 Uhr, ZDF) heißt. Ein erstaunlich offenes Gespräch über Vorbilder, geheime große Fußballmomente und das seltsame Hochgefühl, ein Getriebener im Fernsehzirkus zu sein.

teleschau: Ihre Ranking-Show "Unsere Besten" von 2003 wird unter dem Namen "Deutschlands Beste" noch einmal produziert. Erwarten Sie andere Ergebnisse?

Johannes B. Kerner: Der große Unterschied ist, dass es in "Deutschlands Beste" nur um lebende Personen geht. Bei "Unsere Besten" hatten die Top-Ten eines gemeinsam: Sie waren tot. Helmut Kohl hatte es 2003 nicht unter die ersten zehn geschafft. Dafür aber Adenauer, Luther, Marx, Bismarck, Goethe oder Einstein. Die fallen ja nun als Kandidaten alle raus ...

teleschau: Ist das "lebendige" Konzept spannender?

Kerner: Ich finde schon, weil es ein aktuelles Stimmungsbild der Deutschen wiedergibt. Dazu machen wir die Show in zwei Teilen. Am 2. Juli geht es um Männer, am Folgetag um Frauen. Ich finde es immer interessant, was die Deutschen über sich selbst denken. Und natürlich will ich auch wissen, ob es in den letzten zehn Jahren Veränderungen gab. Ob zum Beispiel Sido wichtiger geworden ist als Helmut Schmidt.

teleschau: Wer wären denn Ihre Lieblingsdeutschen?

Kerner: Wenn ich die Familie mal außen vor lasse, glaube ich, dass Politiker oft schlechter wegkommen, als sie es teilweise verdient haben. Wenn ich an lebende Politiker denke, die mir imponieren, denke ich an jene, die ihre Sache unbeirrbar und mit Haltung machen. Solche Leute gibt es in allen Parteien. Ich finde, Steinmeier ist ein guter Außenminister. Er ist ausgleichend und setzt auf Diplomatie, anstatt auf markige Sprüche. Das imponiert mir. Mir imponiert auch die Haltung Helmut Schmidts. Und dann fällt mir noch die Kanzlerin ein. Ich nehme ihr ab, was sie sagt und halte sie für authentisch. Für Hildegard Hamm-Brücher kann ich mich ebenfalls begeistern, die ihrer eigenen Partie nach 70 Jahren Mitgliedschaft den Rücken kehrte. Auch das ist Haltung.

teleschau: Neben der Politik - haben Sie auch zum Beispiel sportliche Helden?

Kerner: Natürlich. Ich werde nie vergessen, wie Steffi Graf Tennis gespielt hat. Aber auch Boris Becker, wie der die Leute mit seinem Spiel mitreißen konnte. Da bin ich bei jedem Punktgewinn in den großen Matches vor dem Fernseher auf die Knie gegangen.

teleschau: Und beim Fußball - wer waren die für Sie einflussreichsten Spieler?

Kerner: Es ist interessant, dass Sie "einflussreich" sagen. Das bedeutet, dass Sie mich nicht nach den erfolgreichsten fragen....

teleschau: Also, welcher Spieler hat Sie persönlich in Ihrem Leben am meisten begeistert?

Kerner: Für die Idee des Spiels waren Leute wie Breitner, Netzer oder Overath wichtig. Erfolgreicher waren natürlich Beckenbauer und jene Teams, die 1974 oder 1990 Weltmeister wurden. Matthäus habe ich noch vergessen - ein großer Spieler, der den Fußball durch seine Art des Spiels verändert hat. Mein persönlicher Favorit war jedoch immer Heinz Flohe vom 1. FC Köln, der leider schon gestorben ist (am 15. Juni 2013, d. Red.).

teleschau: Ein Kölner Spieler als Idol, weil Sie aus Bonn stammen?

Kerner: Nein, das hat damit nichts zu tun, auch wenn mein erster Lieblingverein der 1. FC Köln war. Später bin ich dann auf Hertha umgeschwenkt. Ich lebte ja lange in Berlin und habe bei der Hertha sogar als Ordner gearbeitet, da war ich noch Schüler. Flohe war ein ungewöhnlich kreativer Mittelfeldspieler, leider herzkrank, weswegen er nicht besonders alt wurde. Als Flohe spielte, das war die Zeit der Spielmacher, die der klassischen Zehn. Bei Köln war das Overath. Flohe hat rund um Overath herumgespielt, er kreiselte und wechselte ständig die Position, als das noch nicht üblich war. Einerseits machte er die Drecksarbeit, war dabei aber unglaublich kreativ, fand ich. Deswegen war Heinz Flohe immer mein persönlicher Fußballheld.

teleschau: Sie reden immer noch sehr leidenschaftlich, wenn es um Fußball geht. Tut es als ehemaliger Anchorman des ZDF-Sports nicht weh, wenn man während der Weltmeisterschaft in Brasilien daheimbleiben muss?

Kerner: Ich habe null Phantomschmerz.

teleschau: Wirklich nicht?

Kerner: Nein, es ist so. Ich habe mich ja 2010 schon dran gewöhnen können, da war ich ebenfalls nicht dabei. Ich weiß noch, 2009, kurz nachdem ich meinen glorreichen Wechsel zu SAT.1 verkündet hatte, saß ich mit meinen Kindern im Moskau im Luschniki-Stadion, weil die deutsche Nationalmannschaft dort ihr letztes WM-Qualifikationsspiel bestritt. Das ZDF hatte mich gebeten, dorthin zu fahren, um das neue Team mit Katrin Müller-Hohenstein so ein bisschen einzuführen. Als ich da hoch zum gläsernen Studio blickte, war ich mir nicht mehr ganz sicher, ob ich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Nachher war ich dann sicher, dass es nicht die richtige Entscheidung war.

teleschau: Viele, die nah am großen Fußball dran waren, sprechen von einer Art Sucht, die jeden erfasst, der das Ganze von innen gesehen hat.

Kerner: Nein, diese Art Profilneurose ist mir fremd. Ich habe bei SAT.1 Champions League gemacht, dafür bin ich dankbar, denn die Champions League ist ein faszinierendes Format. Ich möchte auch nicht ausschließen, dass ich irgendwann mal wieder als Sportreporter arbeite. Derzeit fehlt mir das überhaupt nicht. Ich bin begeisterter Fußball-Zuschauer und werde mir nach Möglichkeit jedes Spiel der WM ansehen. Aber vor die Kamera muss ich da wirklich nicht. Aber - Sie haben recht: Fußball hat eine enorme emotionale Sogwirkung, das erlebe ich auch immer in meiner Familie. Mein Sohn zum Beispiel, der sagte neulich zu mir, als der HSV so haarscharf dem Abstieg entronnen ist, die Endphase des zweiten Relegationsspiels wären die schlimmsten Minuten seines Lebens gewesen. Ich meine, er ist zwölf Jahre alt!

teleschau: Schauen Sie viel Fußball zusammen?

Kerner: Ja - und das empfinde ich als wahnsinnig emotionales, verbindendes Erlebnis. Ich weiß noch, dass mir als Kind schlecht war beim WM-Endspiel 1974, als Holland gegen Deutschland in Führung ging. Ich wollte rausgehen, aber mein Vater hat mich gezwungen weiterzuschauen. Weil er meinte, diese Form von Hysterie duldet er nicht.

teleschau: Könnten Sie sich auch vorstellen, die Moderation gegen das Mikrofon des Kommentators zu tauschen? Das haben Sie ja früher auch schon mal gemacht.

Kerner: Ja - und ich habe freiwillig damit aufgehört. Ich weiß sogar noch, wann und warum. 2004 bei der EM in Portugal kommentierte ich das Viertelfinale Portugal gegen England. Es gab Verlängerung, Elfmeterschießen, Beckham verschoss, England war mal wieder im Elferschießen raus. Die Gastgeber kamen weiter. Das Spiel war hochdramatisch, und ich habe das, glaube ich, auch ganz gut kommentiert. Da rief ich am nächsten Tag meinen Chef an und sagte ihm: "Du, ich mach Schluss. Besser als das wird es nicht mehr." Ich hatte danach noch ein Halbfinale, Tschechische Republik gegen Griechenland. Danach habe ich nie wieder kommentiert.

teleschau: Sie gehören zu jener seltenen Gattung Mensch, die tatsächlich aufhören kann, wenn es am Schönsten ist?

Kerner: Das ist bestimmt nicht in allen Lebensbereichen der Fall. Aber damals war es so. Manchmal wird man ja auch aufgehört. Aber wenn ich mich an dieses Spiel erinnere, dann weiß ich auch, dass das Kommentieren großer Spiele ein wahnsinnig intensiver Job ist. Ich könnte Ihnen noch jedes Detail, jede Szene dieses Spieles nacherzählen. Verrückt, oder? Als die Partie zu Ende war und ich die Kopfhörer absetzte, war ich für lange Zeit wie in Trance. Dann hört man noch die Kollegen auf dem Ohr, die weiter moderieren, aber man bekommt nichts mehr mit. Als ich quasi wach geworden bin, war das Stadion fast leer. Damals war ich richtig angegriffen von diesem Spiel. Wenn man eine Ader für diesen Sport hat, kann einem das ziemlich zusetzen: Beckham rutsche beim Elfmeter aus, der BBC-Reporter neben mir weinte. Beckhams Frau Victoria saß zwei Reihen vor uns. Das war schon ein guter Moment, den ich immer in besonderer Erinnerung behalten werde. In anderen Bereichen hätte ich dagegen lieber mal früher aufhören sollen.

teleschau: Sie sagten, der Wechsel zu SAT.1 war ein Fehler. Zuvor waren Sie der vielleicht bekannteste Moderator im deutschen Fernsehen - ständig auf dem Bildschirm. Heute scheinen Sie viel weniger präsent.

Kerner: Ja - und wie geil ist das denn? Ich dachte damals, die Zuschauer folgen mir zum neuen Sender, aber sie waren eindeutig intelligenter als ich. Natürlich war der Wechsel zu SAT.1 karrieremäßig ein Fehler, aber was dabei am Ende herausgekommen ist, gefällt mir richtig gut. Ich arbeite weniger und kann mich deshalb weitaus intensiver mit den einzelnen Sendungen beschäftigen. Ich mache nun fürs ZDF einige Showprojekte und möchte sogar sagen, dass ich, was das inhaltliche Arbeiten betrifft, gerade die beste Zeit meines Berufslebens habe. Ich beschäftige mich mit Inhalten und bin nicht mehr der getriebene Moderator, immer auf schneller Durchreise zwischen zwei Sendungen.

teleschau: Aber Sie waren mal getrieben?

Kerner: Ja, klar. Ich wurde von der Maske ins Studio geschubst, danach von einem Fahrer zu Hause abgesetzt, um dann festzustellen: Ach ja, da sind ja auch noch Kinder! Ich war getrieben aufgrund der vielen Jobs. Erst wurde meine Talkshow, die einmal pro Woche lief, in eine Show umgewandelt, die viermal pro Woche lief. Wenn dir einer die Vervierfachung deiner Sendezeit anbietet, ist es schwer, dies abzulehnen. Es gibt den alten amerikanischen Spruch unter Fernsehmachern: "Never give up any air time". Dann fragte man mich, ob ich Sportmoderator werde, das "Aktuelle Sportstudio" mache, Länderspiele, Olympia. Alles so tolle Sachen. Ich konnte einfach nicht ablehnen, weil ich alles spannend fand. Aber es ging mir nie darum, mein Gesicht möglichst oft im Fernsehen zu sehen.

teleschau: Hat Ihre Familie irgendwann gestreikt?

Kerner: Na ja, toll fanden die das nicht immer. Damals waren es zwei Kinder, da ging es sogar noch. Heute sind es vier. Ich habe das alles damals gar nicht so als Belastung empfunden, denke aber rückblickend: Heute geht es mir besser. Vielleicht bin ich da ja ungerecht zu mir selbst, und ich habe mich zu jener Zeit auch total super gefühlt. Aber ich war auch wie in einem Rausch, Teil einer perfekt geölten Maschine. Heute bin ich eher Fernsehhandwerker und bilde mir ein, dass sich das erfüllender anfühlt.

teleschau: Sie werden Ende des Jahres 50 Jahre alt. Haben Sie Angst davor?

Kerner: Komischerweise gar nicht. Ich hatte auch bisher keine Midlife-Crisis im Leben. Immerhin werde ich seit Jahren auf ziemlich vielen 50. Geburtstagen eingeladen und kann mir anschauen, wie ich mich im Dezember selbst fühlen könnte. Hape Kerkeling hat ja am gleichen Tag Geburtstag wie ich, am 9. Dezember 1964. Wenn ich mir ihn und mich anschaue, denke ich: Ach, eigentlich stehen wir beide doch noch mitten im Leben.

teleschau: Eine letzte Frage muss noch zum Fußball gestellt werden. Wer wird Weltmeister und wie weit kommt die deutsche Mannschaft?

Kerner: Ich halte es für frech zu sagen, die Deutschen kommen doch eh immer ins Halbfinale. Ich empfände das Halbfinale als großen Erfolg, glaube aber, dass im Viertelfinale Schluss sein könnte. Und Weltmeister wird - ich sage mal etwas Verrücktes - Belgien. Wetten werde ich darauf aber besser keinen Cent!

Quelle: teleschau - der mediendienst