Finding Vivian Maier

Finding Vivian Maier





Eine Art Spion

Manche Geschichten, die das Leben schreibt, sind schier unglaublich. Einer solchen Geschichte ist John Maloof in seinem Dokumentarfilm "Finding Vivian Maier", den er gemeinsam mit "Bowling for Columbine"-Produzent Charlie Siskel gedreht hat, auf der Spur. Sein Film über eine bislang unentdeckte Fotografin, die Zeit ihres Lebens als Nanny gearbeitet und keiner Menschenseele je ihre ausufernden, genialen Fotoarbeiten gezeigt hat, mutet streckenweise wie ein Mystery-Thriller an. Schon allein, dass ausgerechnet der nerdige Stadthistoriker Maloof auf einen Negativschatz trifft, nach dessen Entdeckung und Auswertung die Geschichte der Straßenfotografie neu geschrieben werden muss, hätte sich kein Autor besser ausdenken können.

2007 ersteigert der 29-jährige John Maloof auf der Suche nach ein paar Stadtansichten für ein historisches Buch über Chicago für schlappe 380 Dollar eine Kiste randvoll mit Negativen. Die Fotografien einer gewissen Vivian Maier erweisen sich für sein Buchprojekt als ungeeignet, dennoch beginnt Maloof 2009 damit, die Negative, die dem Foto-Laien sehr gut gefallen, einzuscannen und auf einer Fotoplattform hochzuladen. Eine Welle der Begeisterung bricht los, die Fotografien aus den 50er- und 60er-Jahren von den Slums Chicagos und den Nobelvierteln New Yorks schlagen ein wie ein Bombe. Maloof beschließt, auch den Rest von Maiers Kisten ausfindig zu machen. Schließlich sitzt er vor einem unüberschaubaren Haufen von 100.000 Negativen, 700 Rollen unentwickelter Farbfilme, 2.000 Rollen unentwickelter Schwarz-Weiß-Filme und zahlreichen Acht- und 16-Millimeter-Aufnahmen!

Zudem hat diese geheimnisvolle Frau, die viele ihrer Arbeitgeber beziehungsweise deren Kinder rückblickend als "Messie" bezeichnen, von Tageszeitungen über Glasperlen, Bustickets, abgelegte, riesige Hüte und schwere Mäntel bis hin zu ihren Kampfstiefeln alles aufbewahrt. Diese dunkle, zwanghafte Seite der hochgewachsenen Frau machte es Maloof erst möglich, eine große Künstlerin sichtbar zu machen.

Den zahlreichen eingeblendeten Fotografien Maiers, die sie mit ihrer zweiäugigen Rolleiflex aufnahm, attestiert der Streetfotograf Joel Meyerowitz einen unverfälschten Blick und ein tiefes Verständnis der menschlichen Natur. Diese misstrauisch-verschlossene Frau, die keinem ihrer Arbeitgeber je von ihrer wahren Herkunft erzählte und auch im alltäglichen Leben häufig einen falschen Namen angab, habe beim Fotografieren diesen "Moment herstellen können, in dem zwei Menschen in Schwingung geraten". Die renommierte Fotografin Mary Ellen Mark erinnern ihre atemberaubenden Arbeiten an die von Robert Capa, Lisette Model, Helen Levitt und Diane Arbus. Aber auch sie hat das Gefühl, das noch "ein Puzzleteil fehlt".

Deshalb lässt Maloof auch nicht locker. Darin erinnert sein Film sehr an den oscarprämierten "Searching for Sugar Man", der sich um den verschwundenen Musiker Rodriguez drehte. Im Gegensatz zu Rodriguez taucht Maier aber gegen Ende des Dokumentarfilms nicht wieder auf. Tatsächlich verstarb sie vereinsamt und mittellos mit 83 Jahren - gerade mal ein paar Tage bevor Maloof damit begann, ihre Negative einzuscannen. Ob sie gewollt hätte, dass jemand ihre Fotoarbeiten derart publik macht? Diese Frage stellten sich auch Maloof und sein Team - und können sie wahrscheinlich wahrheitsgemäß beantworten. Denn der junge Filmemacher scheint seiner Protagonistin derart seelenverwandt, dass er ebenso wie sie auf die Frage, was er denn beruflich mache, antworten könnte, er sei eben "eine Art Spion".

Quelle: teleschau - der mediendienst