Idil Üner

Idil Üner





"Es läuft ja"

1994 spielte Idil Üner ihre erste TV-Rolle, drehte kurz darauf mit Fatih Akin, schnupperte am internationalen Ruhm, blieb dann aber doch daheim. Sie bekam zwei Kinder, überdachte ihre Ansichten. Es war eine Menge los, und jetzt, da die Kleinen aus dem Gröbsten raus sind, möchte die Berlinerin wieder durchstarten, Hauptrollen spielen. Die erste wäre die der Hatice in der Komödie "Einmal Hans mit scharfer Soße" (Start: 12.06.). Idil Üner spielt eine moderne Türkin auf der Suche nach dem Traummann, der sich irgendwo zwischen nettem Hans und einer Portion Leidenschaft bewegen soll. Beim Interview in Berlin stellt sich Idil Üner auch den komplizierten Fragen. Und doch ist man geneigt, mit ihr einfach über Kosmetiktipps zu sprechen: Schönheit mag ja im Auge des Betrachters liegen. Aber wie man mit 42 Jahren eine solch schöne Haut haben kann ...

teleschau: Wenn man Ihnen Döner oder Currywurst anbietet, was wählen Sie?

Idil Üner: Weder noch.

teleschau: Pommes oder vegetarischer Döner?

Üner: Mit Bio-Kartoffeln und gutem Fett die Pommes. Wobei die Wahl am Weizen liegt. Der ist im Brot und daher fällt der Döner weg. Auch bei Milch sage ich Nein, so gern ich bis vor Kurzem noch Cappuccino getrunken und ein Croissant gegessen habe. Ich steige gerade auf vegan um, um meinen Körper zu entlasten.

teleschau: Sie tragen heute einen Rock - in "Einmal Hans mit scharfer Soße" wird unter anderem darüber diskutiert, welche Röcke anständig sind und welche nicht. Was ist denn Ihre Wohlfühllänge?

Üner: Meine Wohlfühlrocklänge ist knielang, wie man sieht. Die ganz langen stören die Beinfreiheit, früher ging kürzer. Die jetzige Wohlfühllänge ist dem Alter geschuldet. Aber ich ziehe an sich sehr selten Röcke an, mag es lieber schlabbrig.

teleschau: Haben Sie sich früher auch mal heimlich umgezogen, so wie Ihre Figur Hatice, die auf dem Weg zu den Eltern noch schnell in einen "anständigen" Rock schlüpft?

Üner: Ehrlich gesagt ja. Ich habe als junge Frau gerne aufgedreht, vor allem in der Türkei, als Provokation. Nein, Provokation trifft es nicht: um Blicke auf mich zu ziehen. Ich erinnere mich an eine Situation: Dieses Kleid konnte ich nicht anziehen, als ich aus dem Haus ging, es war so unglaublich scharf, hatte einen Ausschnitt bis zum Po.

teleschau: Sie vermeiden das Wort Provokation?

Üner: Ja, weil ich kein Sendungsbewusstsein hatte, ich war eine junge Frau, die auffallen wollen.

teleschau: Gab es Dinge, die Sie nicht mochten, um aufzufallen?

Üner: Ich habe tatsächlich früher etwas gegen große Dekolletés gehabt. Damals habe ich mich oft gefragt, muss das sein? Ich wollte auffallen, aber nicht so. Heute stört mich das nicht mehr.

teleschau: Passen Sie sich leicht an, oder empfinden Sie auch Verkleiden schnell als Verbiegen?

Üner: An einem Tag wie heute, an dem ich den Film präsentiere, kann ich nicht im Schlabberlook kommen, da muss ich auch mal unbequeme Schuhe tragen (lacht). Da ich mich privat nie schminke, bestehe ich wenn ich geschminkt werde allerdings darauf, dass es natürlich bleibt. Wenn ein Eindruck von mir entsteht, der weit weg ist von mir, komme ich an meine Grenzen. Das schaffe ich nicht: Ich muss ich bleiben.

teleschau: Geht Ihnen da auch das Temperament durch?

Üner: Nein, ich bin eher ein besonnener Mensch, bin relativ ruhig und mit der Zeit entspannter geworden.

teleschau: Sie stehen jetzt seit 20 Jahren vor der Kamera. Wie haben Sie sich verändert, was war wichtig - Können wir einen Blick auf Ihre Anfänge werfen?

Üner: Ich habe gerade mal im dritten Semester studiert, als ich 1994 mein erstes Angebot bekam. Eine "Tatort"-Hauptrolle unter Matti Geschonneck, für die ich nicht gecastet, sondern gleich engagiert wurde - ein toller Anfang. Ich spielte ein libanesisches Flüchtlingsmädchen, danach kamen weitere Angebote mit Migrationshintergrund. Eigentlich fiel da schon sehr schnell die Entscheidung: Ich kann nicht eine Fatma und Aishe nach der anderen spielen. Was nicht heißt, dass ich keine Türkin spielen will.

teleschau: Sondern?

Üner: Das Problem waren die Drehbücher - und ich habe in den ersten fünf Jahren schon sehr genau hingeschaut und vieles abgelehnt. Ich wollte lieber zum Theater, Richtung Hochkultur, also war meine Antwort ganz oft: "Nein, danke. Ich studiere ja noch."

teleschau: Dann ging es aber 1998 mit Ihrer Rolle in Fatih Akins "Kurz und schmerzlos" weiter.

Üner: Da wurde es dann international, wir waren auf Festivals, für mich ging das aber nicht in der großen, weiten Welt weiter, sondern mit Fernsehfilmen zu Hause. Bei anderen klappte das besser. Aber immerhin roch es kurz nach Glamour.

teleschau: Ein bisschen schade?

Üner: Ja, das wünscht man sich schon. Wenn ich nach Locarno fahre und vor 7.000 Zuschauern auf der Bühne stehe, möchte ich das gerne öfter tun (lacht). Aber es ist okay, ich bin seit 20 Jahren dabei. Wenn ich auch sehr frankophil war, da gerne gearbeitet hätte ...

teleschau: Würden Sie sagen, dass Fatih Akin eine wichtige Person in Ihrem Leben ist?

Üner: Wir haben eine sehr enge Freundschaft, und es hat mir gewisses Ansehen gebracht, dass ich mit ihm gearbeitet habe. Wir haben uns sehr inspiriert, er mochte Feedback. Anfangs war mir die Frauenrolle in "Kurz und schmerzlos" zu passiv, Fatih und ich haben uns gegenseitig bereichert, sind ein bisschen zusammen groß geworden. Und er war derjenige, der immer wollte, dass ich singe.

teleschau: Vor ein paar Jahren bekamen Sie und Ihr Mann Laurens Walter dann die Kinder.

Üner: Zwei hintereinander und trotzdem weiter gearbeitet, das war toll. Ich musste nicht aufhören, das ergab sich alles so von alleine, und mein Plan war es, wenn die Kinder aus dem Gröbsten raus sind, meinen zweiten Frühling zu erleben. Ich habe groß angefangen, Hauptrollen gespielt und will jetzt auch wieder Großes machen. Und es sieht so aus, als würde sich mein Wunsch erfüllen.

teleschau: Außerdem haben Sie mit Theaterregie angefangen.

Üner: Durch die Möglichkeit, eigene Visionen zu entwickeln, bin ich selbstständiger, selbstbewusster und entspannter geworden. Mein zweites Stück am Ballhaus Naunynstraße, "Süpermänner", hatte im April Premiere. Das hat viel Zeit und auch Nerven gekostet, man ist für alles verantwortlich. Die grauen Haare hier kommen daher. Ich spiele dieses Jahr zum ersten Mal eine Serienhauptrolle fürs ZDF (das Vorabendformat "Sibel & Max", d. Red.) , rocke also 2014 ganz schön durch. Aber nach der Theaterarbeit klingen Dreharbeiten geradezu entspannt.

teleschau: Haben Sie je Ihren Namen bereut, in dem Sinne, dass er Ihnen im Weg stand?

Üner: Muss ich leider mit Ja beantworten. Es ist schon passiert, dass ich aufgrund meines Namens eine Rolle nicht spielen konnte, weil man meinte, dass der Zuschauer "das nicht miteinander verbinden kann", schließlich war der Rollenname nicht türkisch. Es wurde mir allerdings nicht direkt gesagt. Ich habe zwar einen Job nicht bekommen, aber habe nie daran gedacht, meinen Namen deswegen zu ändern. Das kann auch als Antwort für die Frage gelten mit dem Verbiegen, das wäre ein Verleugnen.

teleschau: Schon lästig und verrückt, was man sich als Berliner Gör alles anhören muss.

Üner: Ich bin sogar hier gezeugt worden, hier geboren und wohne im gleichen Berliner Bezirk, in dem ich aufgewachsen bin. Meine Kinder spielen im gleichen Park wie ich früher. Aber gleich am Anfang nach dem "Tatort" riet mir eine Agentur dringend, mir einen anderen Namen zuzulegen und Bilder zu machen, bei denen die Haare ein bisschen heller aussehen.

teleschau: Ihre Reaktion?

Üner: Never! Einige haben es gemacht. Man kann natürlich nicht sagen, was das bewirkt hat. Ich habe mich selbst vor ein, zwei Jahren auch mal gefragt, was wäre wenn ... Ich bin mir fast sicher, dass es anders gelaufen wäre, vielleicht auch Richtung Frankreich. Aber, es ist egal - es läuft ja. (lacht)

Quelle: teleschau - der mediendienst