Reinhold Beckmann

Reinhold Beckmann





"Das Melancholische verbindet uns"

"Begegnung mit Brasilien" heißt die Reportage, die ARD-Moderator Reinhold Beckmann (58) von einer zweiwöchigen Reise durchs WM-Gastgeberland mitgebracht hat. Der 75-minütige Film, den Beckmann teilweise gemeinsam mit Ex-Bayern-Star Giovane Elber realisierte, soll zur besten "Sportschau"-Zeit, am Samstag, 7. Juni, 18.30 Uhr, Appetit auf die am 12. Juni beginnende Weltmeisterschaft machen. "Brasilien hat bei mir Spuren hinterlassen - gute," sagt Beckmann wenige Tage vor seinem mittlerweile fünften WM-Einsatz als Fernsehreporter. Im Interview spart der Moderator aber keinesfalls mit deutlichen Worten: Er übt Kritik an der FIFA, und er macht keinen Hehl daraus, dass er auch während der WM mit heftigen Protesten rechnet.

teleschau: Herr Beckmann, Sie sind als Talkshow-Moderator, als Fußball-Reporter, als TV-Produzent und auch als Musiker bekannt. Was verfolgen Sie momentan am leidenschaftlichsten?

Reinhold Beckmann: Meine ganze Leidenschaft gehört nach wie vor dem Journalismus - das steht über allem.

teleschau: Sie sind seit über 25 Jahren Sportjournalist, stehen vor Ihrer fünften WM als TV-Reporter und brennen mit 58 Jahren immer noch genauso wie am Anfang der Karriere?

Beckmann: Oh ja. Aber der Beruf verändert sich, wir Sportjournalisten werden immer mehr zu Ereignisberichterstattern. Wirklich investigativ und vor allem kritisch wird nur noch selten gearbeitet. Das gibt mir schon zu denken.

teleschau: Woran liegt das?

Beckmann: Vor allem an der Eventkultur. Fußball wird häufig nur noch als Ereignis wahrgenommen, und wir Berichterstatter laufen Gefahr, uns instrumentalisieren zu lassen. Fußball hat in den vergangenen zehn Jahren alle anderen Sportarten an den Rand gedrängt, die hierzulande zur Sportkultur gehören: Handball, Volleyball, Eishockey, selbst Tennis ... Schade - auch wenn uns die Konzentration auf den Fußball, siehe FC Bayern München oder Borussia Dortmund, natürlich große Erfolge beschert.

teleschau: Haben wir es etwa mit Spätfolgen der WM 2006 zu tun, die als "Sommermärchen" in die Annalen einging und jedermann zum Fan machte?

Beckmann: Vielleicht hat das auch eine kleine Rolle gespielt. Der Fußball wird immer mehr von Investoren bestimmt. Schauen sie sich die englische Premier League an. Fast alle Clubs dort sind abhängig von internationalen Kapitalgebern. Fußball - ein Spiel der Superreichen.

teleschau: Nur noch wenige Tage bis zur WM in Brasilien - ist Ihre Fieberkurve bereits am Anschlag?

Beckmann: Noch nicht ganz, aber ich habe erhöhte Temperatur, seit ich von meiner zweiwöchigen Reise durch das Gastgeberland zurück bin. Brasilien hat bei mir Spuren hinterlassen - gute! Brasilien ist ein wunderbares Land, die Leute sind sanftmütig und sehr humorvoll. Es gibt nicht umsonst den Satz: "Das Beste an Brasilien sind die Brasilianer."

teleschau: Also "tudo bem - alles gut", wie die Brasilianer sagen?

Beckmann: Nein. Ich bin sicher, dass es während der WM zu Protesten kommen wird.

teleschau: Wogegen richtet sich der Zorn genau?

Beckmann: Mein Eindruck ist: Es geht nicht gegen den Fußball und erst recht nicht gegen die internationalen Gäste, sondern gegen die Regierung und die FIFA. 80 Prozent der Investitionskosten von etwa acht bis zehn Milliarden Euro werden aus der öffentlichen Hand finanziert, gleichzeitig kann sich aber kaum jemand eine Stadionkarte leisten. Man sieht an allen Ecken und Enden, dass Geld fehlt, Gesundheitssystem und Bildung hätten dringend Mittel nötig. Dagegen gehen nicht nur die Armen auf die Straße, auch die Mittelschicht protestiert. Seit Jahren redet man den Brasilianern den Aufschwung ein, sagt ihnen, sie seien die siebtgrößte Wirtschaftsmacht der Welt - aber davon ist bei den Menschen nichts angekommen. Die Brasilianer werden die WM nutzen, um auf die Missstände hinzuweisen. Vergessen wir nicht: Es ist Wahljahr. Im Oktober will Dilma Rousseff wieder zur Präsidentin gewählt werden.

teleschau: Andererseits gelten die Brasilianer als fußballverrückt.

Beckmann: Ja, sie sind echte Fans - aber zunächst von ihren Vereinen: Fluminense, Corinthians, Flamengo und Co. Auf die WM waren die Leute irgendwie noch nicht eingestellt - auch weil sie sagen: Ich kann mir das nicht leisten. Fußball ist und bleibt die Leidenschaft der Brasilianer. Aber wir trafen auch viele Menschen, die der WM sehr kritisch gegenüberstehen.

teleschau: Die Proteste sind gewaltig, das internationale Medienecho ist laut, und im Grunde wurde all das auch vor der WM 2010 in Südafrika moniert. Allein, die FIFA scheint es nicht zu hören.

Beckmann: Die will so einiges nicht hören, die FIFA hat andere Interessen. Das Allerschlimmste aber war, die übernächste WM nach Katar zu vergeben. Ich habe aber Hoffnung, dass das doch noch irgendwie verhindert werden kann. Einige in der FIFA scheinen zu merken, welchen fatalen Fehler man gemacht hat. Es gibt einen Weg zurück, was die WM in Katar betrifft - davon bin ich überzeugt.

teleschau: Wird es in Brasilien am Ende so sein, dass mit Anpfiff und entsprechenden Erfolgen der Gastgeber doch rasch Ruhe einkehrt?

Beckmann: Das glaube ich diesmal eben nicht. Aber ich bin sicher, dass wir trotzdem eine gute Weltmeisterschaft erleben werden, und ein Turnier, das eher von diesen unglaublichen Distanzen zwischen den Spielorten geprägt sein wird. Brasilien ist 24-mal so groß wie Deutschland. Es braucht viereinhalb Flugstunden, um von Rio nach Manaus zu kommen. Die Engländer freuen sich bestimmt jetzt schon auf ihr erstes Spiel gegen Italien im tropischen Regenwald ...

teleschau: Sie waren für Ihre Reportage auch dort oben im Dschungel.

Beckmann: Ja, wir sahen uns das regionale Spitzenspiel an - die spielen in der vierten Liga vor nicht mal 1.000 Zuschauern. Das heißt: Im neugebauten WM-Stadion von Manaus mit einem Fassungsvermögen von über 40.000 Zuschauern wird die Heimmannschaft nie spielen. Jeder dort fragt sich, warum man so ein Fußballstadion in den Regenwald gebaut hat. Die haben da oben ihre berühmte Oper, die man aus dem Werner-Herzog-Film "Fitzcarraldo" kennt, darauf sind sie stolz. Über das Stadion schütteln sie den Kopf.

teleschau: Aber an den Titel fürs eigene Team werden sie schon unisono glauben?

Beckmann: Sie müssen wissen, dass die Brasilianer nicht nur sanftmütig sind, sondern auch ein wenig melancholisch, was auch in der Musik immer wieder zum Ausdruck kommt. Sie sind ein bisschen zweifelnd, was die eigene Mannschaft angeht. Anderseits hoffen schon alle, dass unter dem strengen Luiz Felipe Scolari dieser Unfall von 1950, als das eigene Team bei der letzten WM in Brasilien das Finale gegen Uruguay mit 1:2 verlor, endlich wettgemacht wird. Man merkt, dass dieses Thema immer noch wie eine Schicksalsfrage über allem schwebt.

teleschau: Die skeptische Stimmung erinnert an das, was sich vor jedem großen Turnier auch in Deutschland abspielt ...

Beckmann: Ja, das Melancholische verbindet uns (lacht). Momentan gehen manche ja fast davon aus, dass wir kein Spiel gewinnen und in der Vorrunde rausfliegen. Ach, die schwere deutsche Seele ... Damit haben sich schon Generationen von Philosophen befasst.

teleschau: Dann sorgen Sie bitte mal für ein bisschen Euphorie! Wie weit kommt die deutsche Mannschaft?

Beckmann: Oh je (seufzt). Also gut: Halbfinale ist Pflicht bei den spielerischen Möglichkeiten, die wir haben. Wie oft haben wir uns über den deutschen Rumpelfußball geärgert, und jetzt haben wir so viele Spieler wie nie von höchster technischer Fertigkeit: Marco Reus, Mario Götze, Mesut Özil, dazu die fußballerische Bauernschläue des Thomas Müller ... Wir hatten nie mehr Fantasie auf dem Platz. Deutschland spielt manchmal sogar Tiki-Taka.

teleschau: Aber Kritiker halten dagegen, dass es an Mentalität fehlt. Wo sind die deutschen Tugenden, die es für den Titel braucht?

Beckmann: Ach, die Tugenden. Wissen Sie, was passieren würde, wenn die Weltmeistermannschaft von 1974 in ihrer höchsten Blüte gegen die Jungs von Joachim Löw antreten müsste: Beckenbauer, Vogts und Co. würden ein Desaster erleben und haushoch untergehen. Sie hätten keine Chance gegen die Geschwindigkeit, gegen die technische und taktische Finesse der Spieler von heute. Tut mir leid, Günter Netzer, aber so schaut's aus. Natürlich kann das schöne Spiel der Deutschen auch entzaubert werden - so wie Real Madrid den dominanten Fußballcode der Bayern geknackt hat. Alles denkbar.

teleschau: Interessiert die Brasilianer der deutsche Fußball?

Beckmann: Ja, in vielen jungen Fußballern brennt die Sehnsucht, in einer europäischen Liga zu spielen, was sie leider zu leichten Opfern windiger Spielerhändler macht. Jedenfalls wird der europäische Fußball ernst genommen, auch der deutsche Fußball ist hoch anerkannt. Einige Spieler aus Europa kennt man überall - selbst bei den Indianerstämmen im Amazonasgebiet raunten sie uns Namen aus dem deutschen Team zu. Wir sahen uns dort übrigens auch ein Fußballspiel an, es war das mit Abstand leiseste Spiel, das ich je erlebt habe. Denn die Indios debattieren nicht, sie nehmen jede auch noch so strittige Schiedsrichterentscheidung einfach an und spielen weiter. Ich war baff.

teleschau: Worauf sollten sich die deutschen Fans in Brasilien nun also gefasst machen?

Beckmann: Allen, die eine Reise zur WM geplant haben, kann man nur zurufen: Bringt viel Geduld mit! Man muss viel improvisieren und seiner Intuition folgen, denn kein Tag verläuft so, wie man ihn morgens geplant hat. Was die Organisation angeht, müssen wir uns schon auf besondere Verhältnisse einstellen. Ich bin mir sicher, auch wir Fernsehleute, vor allem die Live-Kommentatoren, werden in Brasilien ganz neue Erfahrungen sammeln. Die gewaltigen Anfahrtswege über größtenteils verstopfte Straßen, die mitunter wackelige Telekommunikation - das hat schon etwas Abenteuerliches. Ich bin in diesem Fall sehr froh, dass ich während der WM als Moderator meinen festen Arbeitsplatz auf der Dachterrasse von ARD und ZDF an der Copacabana habe.

teleschau: Wobei diese Dachterrasse eine Sache für sich ist: Fast die komplette Technik wird aus dem 30 Kilometer entfernten Host Broadcast Center ferngesteuert.

Beckmann: Richtig. So etwas haben wir noch nie gemacht. Und ich gebe zu, ich war perplex, als ich erfuhr, dass ich bei den Sendungen meine eigenen Redakteure nicht sehen werde und dass sogar die Kameras aus der Regiezentrale ferngesteuert werden. Drücken Sie uns die Daumen! (lacht)

teleschau: Sie beenden in diesem Jahr Ihre ARD-Talkshow. Freuen Sie sich auf die Zeit danach?

Beckmann: So viel wird sich nicht ändern. Ich werde ab Herbst eine kleine Auszeit nehmen und schon im nächsten Jahr mit einer neuen Sendung ins Erste kommen - über die ich aber jetzt noch nichts verraten will.

Quelle: teleschau - der mediendienst