Reden ist Gold

Reden ist Gold





Die meisten Gewinnerfilme der diesjährigen Filmfestspiele setzen auf die Macht der Sprache

Und die Goldene Palme der Filmfestspiele von Cannes ging an "Winter Sleep": Eine Überraschung, obwohl eigentlich doch alle Zeichen auf Nuri Bilge Ceylans Film standen. Mit über drei Stunden Lauflänge und Untertiteln forderte die dramatische Entlarvung eines schöngeistigen Intellektuellen die anhaltende Aufmerksamkeit der Zuschauer. Nicht umsonst wurde "Winter Sleep" schon am zweiten Tag der Filmfestspiele gezeigt - gegen Ende des Festivals wäre so manchem sicher die Geduld ausgegangen. So aber überraschte Ceylan selbst Kritiker positiv, die seine früheren Filme in keiner guten Erinnerung hatten - und widerlegt die alte Weisheit, das Reden Silber und Schweigen Gold sei. Erschwieg sich Ceylan 2011 mit "Once Upon A Time In Anatolia" den Großen Preis der Jury, erzielte er in diesem Jahr mit ausgefeiltem Dialog vor großen Kinobildern eine noch größere Wirkung. Und auch die anderen prämierten Werke fielen durch eine außergewöhnliche Sprache auf.

Beim Québécois, dem altertümlichen Französisch, das in der kanadischen Provinz Québec gesprochen wird, waren auch frankophone Muttersprachler für die Untertitel dankbar. Xavier Dolans skurrile quasselige "Mommy" und ihr ständig auf Québécois laut fluchender ADHS-Sohn strapazieren die Nerven der Zuschauer aufs Äußerste. Stilistisch wagemutig mit einem sich je nach Gemütszustand des Jungen sich ändernden Filmformat beweist Dolan, wie man trotz sperriger Charaktere das Publikum bis ans Ende fesseln kann. Der Cannes-Publikumsliebling Dolan teilt sich den "Preis der Jury" mit Jean-Luc Godard. Eine Auszeichnung für den jüngsten und den ältesten Regisseur im Wettbewerb für Werke, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Godards "Adieu au langage" nämlich entpuppte sich als ein 3D-Experiment, das sich - wie der Titel nahelegt - von der Sprache verabschiedet. Godard reiht Bilder aneinander und spielt dazu Aphorismen aus dem Off ab. Die Jury um Jane Campion zeigte sich davon beeindruckter als mancher Kritiker. Die Lokalzeitung "Nice-Matin" vernichtete den Film schon in der Überschrift "Adieu à Godard".

Hysterischer und fieser Hollywoodtalk zeichnet David Cronenbergs bitterböse Satire "Maps To The Stars" (Kinostart: 11.09.) aus. Der Jury war Julianne Moores Darstellung einer verglühenden Schauspieldiva, die von den Geistern der Vergangenheit heimgesucht wird, den Preis für die beste Hauptdarstellerin wert. Mit Grunzen und Gebrabbel hingegen spielte sich der Brite Timothy Spall als Sonderling William Turner an die Spitze des diesjährigen Festivals - er gewann den Darstellerpreis für Mike Leighs "Mr. Turner". Und die Leistung, einen Comedian wie Steve Carell verbal an die Kandare zu legen und als egomanen Millionär brillieren zu lassen, hat Bennett Miller in seinem hochgelobten Film "Foxcatcher" vollbracht - einen wohlverdienten Regiepreis gab es für ihn.

Wim Wenders hingegen zeigte mit "The Salt Of The Earth", dass Bilder für sich allein sprechen können. Für seine Doku über den brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado erhielt er den Spezialpreis der Sektion "Un Certain Regard", nachdem er das Publikum tief berührt und zur minutenlangen Standing Ovation von den Sitzen gerissen hatte.

Die Siegerfilme der diesjährigen Filmfestspiele von Cannes werden wohl noch lange im Gespräch bleiben - zumal das Festival in Branchenkreisen mittlerweile als erste Runde im Oscar-Rennen gilt. Die meisten Beiträge im Wettbewerb erwiesen sich als vielseitige, künstlerisch anspruchsvolle aber auch zugängliche Werke, die auch in deutschen Kinos ihre Chance bekommen werden.

Quelle: teleschau - der mediendienst