Patricia Arquette

Patricia Arquette





Warten auf etwas Bedeutsames

Patricia Arquette wurde im April 1968 in eine Schauspielfamilie hineingeboren. Bereits ihr Großvater Cliff war Komödiant, ihr Vater Lewis trat als Schauspieler in seine Fußstapfen, genau wie Patricia und ihre Geschwister Rosanna, Alexis und David. Ihren Durchbruch feierte Patricia Arquette an der Seite von Christian Slater im romantischen Krimi "True Romance" (1993), zu dem Quentin Tarantino das Drehbuch zusteuerte. Es folgten bemerkenswerte Kino-Werke wie "Ed Wood" (1994) und "Lost Highway" (1997), bis die heute 46-jährige ihrer Karriere mit der Hauptrolle in der Serie "Medium" eine neue Richtung gab. Mit Richard Linklaters Langzeitprojekt "Boyhood" (Start: 5. Juni) kehrt Arquette nun triumphal auf die Leinwand zurück: Als alleinerziehende Mutter zweier Kinder, bei der Linklater im Laufe eines Jahrzehnts immer mal wieder Mäuschen spielt.

teleschau: Frau Arquette, wie fühlt es sich an, über zwölf Jahre einen Film zu drehen?

Patricia Arquette: Es war immer unglaublich und aufregend, ein Teil davon zu sein. Die Zusammenarbeit war sehr herzlich, es hat sich nach Familie angefühlt. Das war auch sehr intim. Das Schwierigste war aber der Moment, in dem der Film herauskam. Ich war nervös und wollte nicht, dass das jemand sehen darf. Ich meckerte herum: "Mir ist egal, was die darüber denken. Ich will nicht, dass die unseren Film sehen" (lacht). Ich machte mir Sorgen, dass die Leute den Film nicht verstehen könnten.

teleschau: Sie sorgten sich um die Reaktionen der Presse und des Publikums?

Arquette: Davor hatte ich keine Angst, eher vor mir. Dass ich jemanden schlagen wollte, der den Film nicht mag, weil ich es als persönlichen Angriff auf mich empfinden könnte. Ich liebe den Film eben so sehr! Ich sah "Boyhood" beim Sundance Filmfestival zum ersten Mal komplett, da waren 1.200 Menschen um mich herum. Ich war wie paralysiert und total emotional aufgeladen. Aber: Die Leute lachten an den Stellen, an denen ich lachte. Sie waren traurig, wenn ich mich traurig fühlte. Wir waren gemeinsam auf dem gleichen Trip. Die Menschen brachten ein unglaubliches Verständnis für diesen Film auf.

teleschau: Wie sind Sie zu diesem nicht ganz alltäglichen Projekt gekommen?

Arquette: Ich erinnere mich, wie ich Richard Linklater bei einer Party traf und er mich fragte, was ich in den nächsten zwölf Jahren so vorhabe. Ich antwortete, dass ich als Schauspielerin wohl häufig drehen und dazwischen nach Rollen suchen würde. Er meinte, er will einen Film über zwölf Jahre hinweg drehen, bei dem wir uns einmal im Jahr für eine Woche treffen. Ich sagte sofort: Ja, ich will. Er fragte, ob ich nichts über meine Rolle wissen will und ich antwortete: Nein, ich würde alles machen, um dabei zu sein. Ich war so begeistert von der Idee und davon mit ihm zu arbeiten.

teleschau: Was hat Linklater, was andere nicht haben?

Arquette: Man sehe sich an, was der Mann gemacht hat! Die "Before"-Reihe oder der menschgewordene Cartoon "Waking Life" - es gibt keinen amerikanischen Regisseur, der auch nur ansatzweise etwas wie diesen Film hätte machen können. Er war so ruhig die ganze Zeit. So entspannt, dass man beinahe vergaß, dass man einen Film drehte. Er war der Anführer und perfekte Vater des Projekts. Normalerweise machst du einen Film, dann kommt der Verleih und dann ist irgendwann Zahltag.

teleschau: War die Entwicklung, die die Protagonisten im Film nehmen, über die vollen zwölf Jahre vorgezeichnet?

Arquette: Ein Handlungs-Skelett stand. Etwa, dass ich verheiratet und wiederverheiratet sein werde, dass es einen Lehrer mit Alkoholproblem und zwei Kindern geben würde, von dem ich mich scheiden lasse und dann meinerseits Lehrerin werde. Bevor wir uns zum jeweiligen Dreh trafen, unterhielten wir uns einige Wochen vorher darüber, was wir dieses Jahr umsetzen. Richard schaute, wie es den Kindern geht und was gerade in deren Leben passiert. Hörte zu, was deren Eltern sagten, ich erzählte von meinem Sohn. Wir brachten alles auf den Tisch. Meine Rolle Olivia erinnerte mich hin und wieder an meine Mutter. Manchmal entschieden wir uns, mit den Figuren anders weiter zu gehen, als ich es persönlich getan hätte.

teleschau: "Boyhood" lässt auch viel Interpretationsraum und überspringt Ereignisse ...

Arquette: Was ich an dem Film besonders liebe, sind diese blinden Flecken. So viel, von dem was meiner Olivia passiert, hat damit zu tun, dass sie selbst die Mutter von jemandem, aber gleichzeitig auch die Tochter von jemandem ist. Das beeinflusst, was sie tut. Ich glaube, ich habe eine Menge über mich gelernt, als ich den Film schaute. Olivia packt den Vater ihrer Kinder, der im Film von Ethan Hawke gespielt wird, in eine Schublade. Er ist der Unvernünftige, der keine Kinder wollte, keine Alimente zahlt und nicht für die Familie da ist, während sie permanent kämpfen muss. Sie sieht aber nicht, was für ein toller Vater er ist und wie viel er den Kindern gibt. Sie sieht seine Stärken nicht, genau, wie sie ihre eigenen nicht erkennt. Sie stecken einander in Schubladen und das tun wir ständig miteinander.

teleschau: Nahmen Sie während dieser Zeit Veränderungen in der Gesellschaft wahr? Zum Beispiel im Bezug auf den Umgang mit Patchwork-Familien?

Arquette: Darüber habe ich nicht bewusst nachgedacht, da ich ja selbst Teil einer solchen Patchwork-Familie bin. Heute haben wir vielleicht eher dieses Superwoman-Ding, bei dem Frauen alles alleine leisten. Wobei das schon immer ein harter Kampf war. Ich habe vielmehr realisiert, wie sehr sich das Filmbusiness verändert hat.

teleschau: Wo liegen die Unterschiede?

Arquette: Das Kabelfernsehen mit seinen 300 Sendern hat das Geschäft verändert. Eine Horde von Bankern wurde sehr wichtig fürs Filmemachen. Papierkram und Algorithmen spielen plötzlich eine Rolle. Castings sind unwichtig geworden, genau wie Persönlichkeit. Die wollen wirklich günstigen Content für ihre Kabel-Networks oder eben 200-Millionen-Dollar-Produktionen - in der Mitte gibt es nichts. Interessant ist, dass alle Dinge, die Geschäftsmänner in Filmproduktionen immer drin haben wollen, bei "Boyhood" nie zum Tragen kamen und der Film trotzdem spannend bleibt. Niemand wird in einen Unfall verwickelt, kein Kind wurde verhaftet oder Ähnliches. Es passiert gar nicht so viel, ehe man am Ende des Films merkt, dass Hauptdarsteller Ellar Coltrane plötzlich 19 Jahre alt ist.

teleschau: Einer Ihrer letzten Sätze als Filmmutter lautet: "Ich dachte, da wäre mehr." Da schwingt eine gewisse Symbolik mit, in einer Zeit, in der Stundenpläne und Termine den Alltag bestimmen, ohne dass etwas wirklich Bedeutsames passiert.

Arquette: Das ist eine Frage, die man sich öfter stellt. Ich habe mich das schon oft selbst gefragt. Das Leben verändert sich und überrascht dich. Wir wünschen uns mehr, wenn Phasen zu Ende gehen. Gerade die Technologie beschleunigt Dinge enorm, damit verändern sich auch unsere Erfahrungen exponenziell schneller ... wir erleben einfach mehr.

teleschau: In diese zwölf Jahre, in denen Sie den Film drehten, fällt auch die Zeit mit der Serie "Medium", die Sie sehr bekannt machte. Wie gehört beides zusammen?

Arquette: Beides waren sehr langfristige Zusammenarbeiten. Mit den "Medium"-Leuten verbrachte ich immerhin sieben Jahre. Es entstanden so zwei Gruppen, die ich wirklich liebte. Es ergänzte sich auch, da ich mir so von der jeweiligen Figur eine Auszeit nehmen konnte und mit den anderen arbeitete.

teleschau: Zwölf Jahre sind eine solch unglaublich lange Zeit. Stellen Sie auch persönliche Bezüge her, während Sie den Film sehen?

Arquette: Ja, klar. Ich sehe "Boyhood", sehe mich und denke: Das war zu der Zeit, in der ich geschieden wurde. Sicher spielt das Ego da eine Rolle, aber irgendwie wünsche ich mir auch, dass die Zuschauer das sehen. Nicht im Speziellen die Scheidung, aber letztendlich ist es das, was wir wollten: Wir wollten mit dem Film altern. Selbst wenn sich ein Teil von mir manchmal sträubte, wollte es der andere. Ich wollte einfach tapfer genug sein, um das zu tun. Eine Blume blüht, verblüht und stirbt. Es geht immer weiter ...

Quelle: teleschau - der mediendienst