Samuel Koch

Samuel Koch





"Die Fantasie ist ein großes Geschenk"

Vor viereinhalb Jahren war er schon einmal hier, auf dem Gelände der Bavaria Film- und Fernsehproduktion im Münchner Vorort Grünwald-Geiselgasteig. Damals machte Samuel Koch ein Praktikum als Regieassistent genau dort, wo er nun als Schauspieler einsteigt: bei der ARD-Telenovela "Sturm der Liebe" (montags bis freitags, 15.10 Uhr). Seit seiner Zeit als Praktikant ist viel passiert im Leben des heute 26-Jährigen. Über seinen verhängnisvollen Unfall am 4. Dezember 2010 als Kandidat bei "Wetten, dass ..?" in Düsseldorf mag er heute nicht mehr sprechen, nicht mehr in der Vergangenheit wühlen, wie er sagt. Lieber schaut er auf das, was vor ihm liegt. Insbesondere auf die zwei Monate, die er zum "Sturm der Liebe"-Cast gehören wird. Samuel Koch spielt einen Ex-Rennfahrer, der seit einem Unfall im Rollstuhl sitzt. In Folge 2.043, die voraussichtlich am 8. August ausgestrahlt wird, wird er erstmals zu sehen sein.

teleschau: Herr Koch, mit welchen Gefühlen haben Sie Ihren ersten Drehtag am Set von "Sturm der Liebe" erlebt?

Samuel Koch: Die Gefühlsfrage! Die stellen meist nur weibliche Journalisten ...

teleschau: Männer interessiert so etwas auch!

Koch: Ich war recht nervös. Wie man sich leicht vorstellen kann, stoße ich rein logistisch auf Widerstände und Barrieren. Mein Ehrgeiz ist, dass ich die Abläufe am Set nicht sehr viel stärker behindere als die Kollegen, die nicht im Rollstuhl sitzen. Für den ersten Tag hat es schon ganz gut geklappt. Es war natürlich ein Vorteil für mich, die Abläufe und Teile des Teams schon zu kennen.

teleschau: Zum Jahreswechsel 2009 / 2010 machten Sie bei "Sturm der Liebe" ein Regiepraktikum.

Koch: Die Grundlagen für einige meiner Lebensentwürfe liegen hier auf Bavariagelände. Ich wurde nämlich seinerzeit von "Sturm der Liebe"-Schauspielern ermuntert, doch mal zum Vorsprechen zu gehen. Ich spiele jetzt mit Kollegen Szenen, denen ich damals zu Übungszwecken meine Vorsprechmonologe vorspielte.

teleschau: Da schließt sich also ein Kreis.

Koch: Finde ich schon. Ich erinnere mich noch: Mit zwölf Jahren war ich an der Stunt- und Schauspielschule in Düsseldorf. Dort gab es auch Schauspielunterricht, den fand ich furchtbar. Ich wollte mich lieber anzünden lassen, Treppen runterfallen und in Luftkissen springen. Meine Leidenschaft für die Schauspielerei wurde hier am Set von "Sturm der Liebe" und vor allem danach beim Vorsprechen an verschiedenen Schauspielschulen geweckt.

telschau: Hatten Sie seither Kontakt zum Serien-Cast?

Koch: Der Kontakt ist nie wirklich abgerissen. Nach meinem Unfall schickte mir das "Sturm der Liebe"-Team ein Gruppenfoto und Genesungswünsche in die Schweizer Rehabilitationsklinik, in der ich lag. Ich telefonierte auch mit einigen der Schauspieler während der letzten vier Jahre. Christian Feist, der aktuell die Hauptrolle spielt, ist wie ich Absolvent an der Hochschule Hannover, und ich kenne ihn von dort über mehrere Ecken. Es gibt also einige Verbindungen.

teleschau: Wie kam es nun zu Ihrem Engagement?

Koch: Es wurde aus dramaturgischen Gründen jemand in meinem Zustand gebraucht. Da hat man sich an mich erinnert und mich angerufen. Jetzt sitze ich hier ...

teleschau: Sie spielen einen ehemaligen Rennfahrer namens Tim Adler, der infolge eines Unfalls im Rollstuhl sitzt.

Koch: Richtig. Tim ist ein optimistischer Mensch, der das Leben trotz allem bejaht.

teleschau: War es Ihnen wichtig, dass die Rolle etwas Lebensbejahendes ausstrahlt?

Koch: Nicht unbedingt. Mir war vor allem wichtig, dass ich nicht Samuel Koch spiele, sondern in eine fiktive Figur schlüpfe, die sich auch gerne unterscheiden kann von meinem Charakter.

teleschau: Tut sie das?

Koch: Also, Tim hat so eine Macho-Vergangenheit. Das ist natürlich ein eklatanter Unterschied zu mir ... (lacht) Genau kann ich es noch nicht sagen. Ich bin gerade dabei, die Figur in Zusammenarbeit mit den Schauspielcoaches und den Regisseuren zu entwickeln. Im Optimalfall ist ein Schauspieler ja nicht nur Dienstleister, sondern ein Künstler, der aktiv an den kreativen Prozessen teilnimmt.

teleschau: Sie sind seit Neustem diplomierter Schauspieler, wie man lesen konnte.

Koch: Noch nicht ganz. Mein Diplom-Projekt und das Diplom-Vorspiel habe ich schon hinter mir. Jetzt muss noch die Diplom-Arbeit geschrieben werden. Anfang Juli ist dann die offizielle Diplom-Vergabe.

teleschau: Als Sie das Diplom-Vorspiel erfolgreich hinter sich brachten: War das ein besonderer Moment?

Koch: Ja, mit Sicherheit. Nachdem ich dann auch noch von Theatern, Regisseuren und Dramaturgen zum Vorsprechen eingeladen wurde, schrieb mir ein Dozent per SMS: "Jetzt müssen alle Zweifler still sein."

teleschau: Welche Zweifler meinte er?

Koch: Die Situation gab es zuvor noch nie, dass ein Rollstuhlfahrer ein staatliches Schauspielstudium angetreten beziehungsweise wieder aufgenommen hat. Das war für alle neu, und der größte Skeptiker war ich teilweise selbst.

teleschau: Was ließ Sie zweifeln?

Koch: Mit ein ausschlaggebender Grund, mich bei einer Schauspielschule zu bewerben, war die Möglichkeit, mit dem Körper zu arbeiten. Auf dem Lehrplan standen Fechten, Reiten, Steppen, Tanzen, Akrobatik. Da dachte ich: Mensch, das muss ich machen! Nach dem Unfall fiel das weg. Ich merkte aber zunehmend, dass die Essenz des Schauspielberufs geblieben ist. Eine Essenz, um die es auch hier bei "Sturm der Liebe" geht: nämlich, Emotionen zu transportieren. Menschen zum Lachen, zum Weinen, im besten Fall zum Nachdenken zu bringen. Die Fantasie ist ein großes Geschenk, das mir geblieben ist. Sie funktioniert auch ohne den Körper. Auch wenn es mir schwerfällt zu sagen, dass es Wichtigeres gibt, als sich bewegen zu können.

teleschau: Wann war für Sie klar, dass Sie die Ausbildung durchziehen wollen?

Koch: Noch im Januar dachte ich, dass ich mein Studium beende, um damit abzuschließen. Danach wollte ich eigentlich etwas Vernünftiges studieren, Philosophie zum Beispiel (lacht). Dann hängte ich mich noch einmal mit voller Kraft in mein Abschluss-Vorspiel rein. Das zog überraschenderweise attraktive und reichhaltige Angebote nach sich, die ich nicht ausschlagen konnte und wollte. Deshalb nehme ich diese Türe, die gerade offen ist.

teleschau: Einen bodenständigen, zukunftssicheren Beruf haben Sie da aber nicht ergriffen ...

Koch: Es ist tatsächlich so, dass der Schauspielerberuf in kapitalistischer Hinsicht einige Risiken mit sich bringt und oft auch auf Äußerlichkeiten geachtet wird. Ich weiß noch, wie sich bei einem Vorsprechen eine Bewerberin anhören musste: "Wenn du bis zur nächsten Runde 20 Kilo abgenommen hast, nehmen wir dich, sonst nicht." Bei mir hieß es mal: "Deutschland hat große Bühnen mit großen Frauen - Sie sind zu klein." Das zeigt, wie unwägbar die Perspektiven im Schauspielerberuf sein können. Ich habe aus meiner Erfahrung heraus aufgehört, mir zu langfristige Ziele zu setzen, weil sich ohnehin plötzlich alles ändern kann. Dennoch muss ich zugeben, dass mich die Frage nach der finanziellen Absicherung beschäftigt.

teleschau: Inwiefern?

Koch: Ich kenne einige Rollstuhlfahrer, die keinen Job haben. Als Querschnittgelähmter liegt es nahe, dass alleine die Lebensinstandhaltungskosten Angehörige und Familie dazu bringen können, dass sie ans Existenzminimum getrieben werden. Deshalb erachte ich es als riesiges Privileg, beschäftigt zu sein.

teleschau: Stimmt es, dass es Anfragen von Staatstheatern gibt?

Koch: Das kann ich bestätigen. Ich fange im September diesen Jahres als festes Ensemblemitglied bei einem deutschen Staatstheater an. Eine Riesen-Ehre! Um welches Haus es sich handelt, wird aber erst bei einer Pressekonferenz verraten.

teleschau: Neben Ihren schauspielerischen Engagements sind Sie auch mit einer Konzert-Lese-Reise unterwegs. Welche Erfahrungen machen Sie dort im direkten Kontakt mit dem Publikum?

Koch: Sehr positive. Wenn andere Versehrte aus meinen Berichten Rückschlüsse für ihre Situation ziehen können, freut mich das. Meine Erfahrung ist: Oft hat man es nicht mit physischen Barrieren zu tun, sondern die Barrieren sind in den Köpfen anderer Menschen. Ich kann empfehlen: Es lohnt sich, seinen Wohnfühlbereich und seine barrierefreien vier Wände zu verlassen! Auch wenn es Überwindung kostet und demütigend sein kann. Das kann man sicher auf mehrere Lebensbereiche und Berufsfelder übertragen.

teleschau: Gab es einen oder mehrere Momente, in denen Sie merkten: Jetzt bin ich so sehr mit mir und meiner Situation im Reinen, dass ich bereit bin, anderen etwas zu geben?

Koch: Ja, solche Momente gab es. Ich schrieb das Buch "Zwei Leben" über meine Erfahrungen. Ich sah das als Akt der guten Erziehung und als Antwort auf die vielen Rückmeldungen während meiner Reha-Zeit. Ich dachte, das Buch beantwortet alle Fragen, und danach will ich nichts mehr mit Medien und Öffentlichkeit zu tun haben. Doch ich merkte, dass ich das Interesse an meiner Person auch dazu nutzen kann, um auf die Situation anderer behinderten Menschen aufmerksam zu machen. Das hat mich motiviert.

teleschau: Wie steht es um Ihren gesundheitlichen Zustand? Machen Sie nach wie vor Fortschritte?

Koch: Es ist ein schleichender bis kaum spürbarer Prozess. Neurologisch-motorisch ändert sich nicht viel. Es kommen keine neuen Innovationen dazu, das Genick bewegt sich nicht viel mehr als zuvor. Allerdings wird durch tägliches Training das kräftiger, was vorhanden ist. An Sensibilität gewinne ich stetig dazu, was aber leider nicht heißt, dass ich mehr bewegen kann.

teleschau: Haben Sie sich gesundheitliche Ziele gesetzt, die Sie unbedingt erreichen wollen?

Koch: Ich habe eine sogenannte inkomplette Lähmung. Da kann man nicht sagen, wie sich das entwickelt. Es gibt Beispiele, wo die Menschen nach sieben Jahren wieder laufen konnten, bei anderen hat es 30 Jahre gedauert, und bei anderen hat es nie geklappt. Sich konkrete Ziele zu stecken, wäre daher vermessen.

Quelle: teleschau - der mediendienst