Hasan Salihamidzic

Hasan Salihamidzic





Fußball, eine Kopfsache

Auch mit 37 Jahren nennt man ihn immer noch "Brazzo", was - wie Fußballkenner wissen - im Bosnischen "Bürschchen" heißt. Mit seiner positiven Art, unbändigem Einsatzwillen und großem fußballerischen Talent legte Hasan Salihamidzic, der als 15-jähriger Kriegsflüchtling nach Deutschland kam, eine große Karriere hin. Zehn Jahre spielte er für den FC Bayern München, sammelte viele Titel und ging danach für vier Spielzeiten zu Juventus Turin. Seine Karriere beendete er 2012 beim VfL Wolfsburg. Seitdem hat sich der dreifache Familienvater Zeit genommen, um über die eigene Zukunft nachzudenken. Für das ZDF besucht "Brazzo" während des Weltmeisterschafts-Kicks in Brasilien Prominente des Fußballs, um mit ihnen über die gemeinsame Liebe zu sprechen.

teleschau: Herr Salihamidzic, wer wird 2014 Weltmeister?

Hasan Salihamidzic: Für mich kommen sechs Mannschaften in Frage: Brasilien ist Top-Favorit. Wegen des Heimvorteils und der Hitze, mit der man zurechtkommen muss. Dann muss man natürlich Argentinien auf der Rechnung haben. Dazu kommen die üblichen Verdächtigen aus Europa: Deutschland, Holland, Spanien und Italien. Ach, und dann habe ich noch Bosnien vergessen (lacht).

teleschau: Mal ganz ernsthaft: Was kann Ihr Land erreichen?

Salihamidzic: Die Mannschaft hat sich eindrucksvoll qualifiziert. Aber - es ist auch das erste Mal für uns, dass wir dabei sind. Allein die Qualifikation ist für uns Bosnier eine Riesenleistung. Nun hoffe ich auf einen guten Start. Wir spielen in einer Gruppe mit Iran, Argentinien und Nigeria. Da gilt es, neben Argentinien die Gruppenphase zu überstehen. Schwer genug wird es, aber ich hoffe natürlich drauf.

teleschau: Rund um das deutsche Team scheint sich nach den letzten Turnieren, wo man sehr hohe Erwartungen hatte, ein bisschen der Blues breitzumachen. Was trauen der Mannschaft wirklich zu?

Salihamidzic: Ich sehe das alles nicht so negativ. Gegenüber den Weltmeisterschaften vor acht oder vier Jahren hat zum Beispiel die Bundesliga einen Riesenschritt nach vorne gemacht. Man hat in Sachen Qualität gegenüber den anderen europäischen Top-Ligen enorm aufgeholt. Natürlich schwebt der FC Bayern über allem. Aber auch viele andere Clubs haben in der Qualität einen Schritt nach vorn gemacht. Das kommt auch den deutschen Nationalspielern zu Gute, die ja vorwiegend in Deutschland spielen.

teleschau: Kann man vor dem ersten Spiel der Deutschen in Brasilien überhaupt seriös eine Prognose abgeben?

Salihamidzic: Eigentlich nicht. Die WM-Form der Nationalmannschaft kann man anhand der letzten Testspiele oder gar der vorherigen Verfassung von Nationalspielern in ihren Clubs nicht prognostizieren. Vieles hängt davon ab, wie man in das Turnier startet. Klappt das gut, wird vieles zum Selbstläufer. Der Auftakt gegen Portugal ist natürlich alles andere als leicht. Ich mache mir trotzdem keine Sorgen um die deutsche Nationalmannschaft - sondern traue denen eine ganze Menge zu. Das Team hat mittlerweile viel Erfahrung. Außerdem ist Deutschland eine große Turniermannschaft.

teleschau: Man bezeichnet jedes deutsche Nationalteam im Vorfeld gerne als "große Turniermannschaft" - obwohl doch die Besetzung des Kaders immer wechselt. Haben Deutsche das Turnierwesen tatsächlich in den Genen?

Salihamidzic: Wenn es die letzten 50, 60 Jahre fast immer so war, muss etwas an der Theorie dran sein. Ist ja auch keine Hexerei. Es hat schon mit der Mentalität eines Landes zu tun. Deutschland spielte fast immer mit einer kämpferisch sehr starken Truppe. Der nötige Wille, den man braucht, um bei einer WM weit zu kommen, entsteht nicht durch Zufall. Da spiegelt sich schon auch ein bisschen die Mentalität wieder, wie Deutsche Fußball spielen.

teleschau: Wie viel hätte es der Nationalmannschaft gebracht, wenn der FC Bayern wieder Champions League-Sieger geworden wäre. Pusht das total - oder macht es im Gegenteil vielleicht sogar ein bisschen zu satt in Sachen Erfolgshunger?

Salihamidzic: Ersteres. Ich glaube, dass große Erfolge immer eine Top-Motivation sind. Wie in jedem anderen Sport auch ist beim Fußball mindestens zur Hälfte der Kopf für Erfolge zuständig. Wer gerade die Champions League gewonnen hat, fährt mit großem Selbstvertrauen nach Brasilien. Selbstvertrauen ist immer gut im Sport. Jeder, der gespielt hat, weiß das.

teleschau: Erwarten Sie in Brasilien eine neue Art von Fußball?

Salihamidzic: Bei starken Mannschaften wird man das sehen, was wir zuvor schon bei den Top-Clubs bestaunen konnten. Fußball ist unheimlich komplex geworden. Die Bewegungsmuster im Team sind durchgeplant - wohingegen zu meiner Zeit vergleichsweise noch viel mehr auf Zufall, individueller Klasse und Entscheidungen beruhte. Wenn ich mir heute ein Training des FC Bayern angucke, hat das nur noch wenig mit jener Art Fußball zu tun, die dort im Jahr 2000 gespielt wurde. Da werden mittlerweile Eröffnungen und Spielzüge einstudiert, das erinnert mich fast schon an American Football. Die Spieler sind heute taktisch so gut geschult, wie niemals zuvor.

teleschau: Sie selbst haben Ihre Karriere vor anderthalb Jahren beendet. Womit haben Sie sich seitdem beschäftigt?

Salihamidzic: Ich habe eine Familie mit drei Kindern, die in den letzten Jahren viel zu kurz kam. Deshalb lasse ich es nun ein wenig ruhiger angehen. Wir sind in den letzten Jahren öfter umgezogen. Nun sind wir endlich wieder in München. Da haben wir in diesem und letztem Jahr viel an unserem Haus gearbeitet. Es tut gut, wieder daheim zu sein und auch mal an einem Ort bleiben zu dürfen. Ich genieße das sehr. Und die Kinder haben nun endlich einen festen Platz, an dem sie aufwachsen können.

teleschau: Wie alt sind Ihre Kinder jetzt?

Salihamidzic: Acht, elf und 13 Jahre alt. Es war höchste Zeit, dass man sie sozusagen stabilisiert. Dieses ständige Umherziehen in der Welt ist nichts für Kinder. Vor allem, wenn sie größer werden. Es war also höchste Zeit, dass ich mit dem Kicken aufhöre (lacht). Körperlich hätte ich sicher noch ein, zwei Jahre spielen können. Aber vom Kopf her war es Zeit, nach Hause zu gehen.

teleschau: Zu Hause - das ist eindeutig München für Sie?

Salihamidzic: Auf jeden Fall. Ich habe etwa im Alter von 20 bis 30 für die Bayern gespielt. Das waren meine prägenden Jahre als Erwachsener. Ich habe die meisten meiner Freunde dort kennengelernt. Meine Frau fühlt sich im München sehr wohl, die Kinder ebenfalls. Das sind alles Faktoren, die Heimat ausmachen.

teleschau: Was werden Sie während der WM fürs Fernsehen machen?

Salihamidzic: Ich werde versuchen, für das ZDF interessante Leute zu treffen und gute Gespräche zu führen. Wir haben das zum Beispiel am Rande des Champions League Spieles des FC Bayern in London mal ausprobiert, da traf ich die beiden Deutschen bei Arsenal, Podolski und Mertesacker. Das hat ganz gut geklappt. Nun werde ich hier daheim, während in Brasilien der Ball rollt, Spieler, Ex-Spieler und andere Fußball-Verrückte treffen und mit ihnen über die WM und anderen Dinge reden. Da freue ich mich drauf. Man unterhält sich einfach anders, vielleicht lockerer, wenn das Gegenüber weiß: Der Typ, der da die Fragen stellt, hat selbst auf hohem Niveau Fußball gespielt. Ich will aber auch nicht nur über Fußball reden, sondern meine Gesprächspartner auch privat und als Menschen aus der Reserve locken.

teleschau: Und nach der WM - wie geht es dann weiter für Sie?

Salihamidzic: Ganz ehrlich? Ich weiß es noch nicht und habe damit kein Problem.

teleschau: Wenn Sie sich eine zweite Karriere basteln könnten - worauf hätten sie am meisten Lust? Reizt Sie der Trainerjob?

Salihamidzic: Das muss man sehen. Einen Trainerschein habe ich noch nicht angefangen. Ich habe ja gerade mal vor anderthalb Jahren aufgehört. Nach 20 Jahren Profifußball, immer in der Mühle drin. Ich weiß gar nicht, in wie vielen Hotels ich in meinem Leben schon abgestiegen bin - die kann man gar nicht mehr zählen. Ich musste erst mal einen oder besser gesagt mehrere Gänge runterschalten. Einfach mal ein Jahr lang zu Hause schlafen - bevor die Kinder ausziehen (lacht). Das ist mir wirklich sehr wichtig, zumal mein Junge ja auch Fußball spielt ...

teleschau: Beim FC Bayern?

Salihamidzic: Nein, er ist bei Unterhaching. Jeden Samstag schaue ich da begeistert zu. Mein Schwager ist Trainer dort, das passt.

teleschau: Wie alt ist Ihr Sohn?

Salihamidzic: Er ist jetzt elf.

teleschau: Welche Position spielt er?

Salihamidzic: Offensives Mittelfeld, eher rechts, manchmal aber auch im Zentrum.

teleschau: Also ungefähr wie der Vater...

Salihamidzic: Ja (lacht), das hat sich so ergeben. Ich freue mich natürlich darüber. Wir beide sind große Kumpels. Es ist toll, wenn ich meine Erfahrungen ganz spezifisch, sozusagen positionsgetreu weitergeben kann (lacht).

teleschau: Würden Sie sich freuen, wenn Ihr Sohn eines Tages bei den Bayern spielt?

Salihamidzic: Dass muss er entscheiden - sollte er die Gelegenheit bekommen. Jedes meiner Kinder soll das machen, was ihm oder ihr Spaß macht. Das ist mir auch bei meinen beiden Mädels wichtig. Sollte mein Sohn eines Tages einen Rat von mir wollen, kann ich ihm den FC Bayern wärmstens empfehlen. Es ist eine tolle Erfahrung und sehr spannend, in diesem Verein aktiv zu spielen.

teleschau: Wäre es denkbar für Sie, ein Leben ohne Fußball zu führen?

Salihamidzic: Ich weiß es noch nicht. Natürlich sind wir langjährigen Berufsfußballer dazu prädestiniert, in diesem Sport oder diesem Geschäft zu bleiben. Etwas anderes können wir ja auch nicht (lacht) - da muss man ganz ehrlich sein. Eine Arbeit, die etwas mit Fußball zu tun hat, kann ich mir natürlich sehr gut vorstellen. Ich denke, dass ich da an der richtigen Stelle wäre.

Quelle: teleschau - der mediendienst