Favoriten in Sicht

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Halbzeit beim Filmfestival in Cannes mit einer starken Filmauswahl

Nur nicht den einen Film verpassen, der die Kinomagie auf die Leinwand bringt, für die Menschen aus aller Welt nach Cannes gereist sind: In der zweiten Woche des Filmfestivals ist es hektisch geworden, denn Vielversprechendes findet sich dabei nicht nur im auf Hochtouren laufenden Wettbewerb. Der größte Massenauflauf tat sich bisher vor dem Theater Debussy bei der Vorführung von Ryan Goslings Regiedebüt "Lost River" in der Nebenreihe "Un Certain Regard" auf. Nach langem Warten wurde geschubst und gedrängelt bis endlich zumindest die wichtigeren Pressevertreter ihren Platz gefunden hatten. Am besten ganz am Rand, um im Zweifelsfall schnell wieder flüchten zu können ...

Wenn Schauspieler hinter die Kamera treten, gehen sie es meist bescheiden an. Nicht so Gosling, der mit "Lost River" ein verwirrendes Fantasy-Gothic-Porn-Drama abliefert, das atmosphärisch von David Lynch, David Cronenberg und Leos Carax beeinflusst scheint. Die sadistischen Ideen könnte er sich auch bei Olivier Assayas' "Demonlover" abgeschaut haben, der vor ein paar Jahren im Wettbewerb lief. In diesem Jahr ist Assayas übrigens mit dem wesentlich massentauglicheren Drama "Clouds of Sils Maria" wieder im Wettbewerb vertreten.

Wie der Cannes-Liebling von 2012, "Beasts of the Southern Wild", führt Goslings Erstling "Lost River" in eine Vorstadt, in der fast alle Menschen schon ihre zerfallenden Häuser verlassen haben. Die wenigen Übriggebliebenen, etwa eine Mutter (Christina Hendricks) mit ihren beiden Söhnen, leben in einer retro-stylish inzenierten Armut. Über die Ruinenwelt, die auch von der Natur zurückerobert wird, wacht ein bizarrer selbst ernannter Herrscher (Matt Smith), der den letzten Bewohnern das Leben schwer macht. Und wieder ist es ein junger Mensch, der sich mit Mut allen Monstern - Arbeitstitel des Films war "How To Catch A Monster" - stellt. Durchgehalten haben bei der Filmverführung dann doch fast alle, auch wenn sich am Ende leidenschaftliche Buhs mit frenetischem Applaus abwechselten.

Die eigenen Ängste zu bekämpfen und daran zu wachsen, darum geht es auch in dem neuen Film der Brüder Dardenne. Die Belgier begeisterten wie gewohnt mit einem soliden, anrührenden Sozialdrama im Wettbewerb, das großen Applaus erhielt. Die Bitternis ihrer früheren Filme scheinen sie komplett abgelegt zu haben. "Zwei Tage, eine Nacht" stellt die Frage nach Solidarität in der Arbeitswelt und findet mit einer überzeugenden Marion Cotillard als depressive Hauptfigur, die über sich hinaus wächst, interessante Antworten.

Der Film von Jean-Pierre und Luc Dardenne stehen also mal wieder weit oben auf der Liste der Palmenanwärter - ebenso aber "Foxhunter" von Bennett Miller ("Capote"). Das Drama um den olympischen Ringer Mark Schultz (Channing Tatum), dessen Bruder David (Mark Ruffalo) 1996 von Teamsponsor John DuPont erschossen wurde, begeisterte Publikum wie Kritik. Denn in Millers Drama geht es um mehr als die Spinnereien und verletzten Eitelkeiten des superreichen Exzentrikers DuPont, die tödlich enden sollten. Anhand dieses Mannes, den Miller gegen den Strich mit dem kaum wiederzuerkennenden Komiker Steve Carell besetzte, werden auch Themen wie US-Patriotismus und Homophobie zur Sprache gebracht. Ein Darstellerpreis für den Cast gilt als wahrscheinlich. Nicht zu vergessen ist im Rennen Nuri Bilge Ceylans "Winter Sleep", der trotz einer Laufzeit von über drei Stunden auf Preiskurs geht - auch dank seiner intellektuellen, gut geschriebenen Dialoge.

Selten wurden in der Vergangenheit so viele Beiträge unter den Festivalgängern als sehenswert gehandelt, selten hörte man während den Vorführungen so wenig Sitze flüchtender Zuschauer hochklappen wie in diesem Jahr. Was die Jury zu all dem meint, wird man am Samstag, 24. Mai, erfahren. Aufgrund der Europawahlen werden die Festivalpreis in diesem Jahr nämlich ausnahmsweise einen Tag früher vergeben.

Quelle: teleschau - der mediendienst