Tim Bergmann

Tim Bergmann





Von der Lust an der Transformation

Tim Bergmann hat sich gleich zweimal gefreut, als das ZDF entschied, der deutsch-türkischen Romantikkomödie "Liebeskuss am Bosporus" (2011) eine Fortsetzung zu geben. Denn erstens entschied hier Qualität über Quote und zweitens hat er diesen Jakob gerne wieder rausgekramt: Der introvertierte Klassikliebhaber, dem die Welt schnell zu viel wird, ist ein besonderer Charakter, so der 42-Jährige im Interview. Selbiges trifft auch auf Bergmann zu. Denn sein Lebensweg ist schon sehr konstant. Warum das so ist, versteht man ein bisschen besser, wenn man mit Bergmann über seine Anfänge spricht und die Fragen, die sich jeder selbst stellen sollte. Das ZDF zeigt die Komödie "Schlaflos in Istanbul" am Donnerstag, 5. Juni, 20.15 Uhr.

teleschau: "Schlaflos in Istanbul" ist keine einschläfernde Fortsetzung, sondern optisch sehr ansprechend. Der Film ist richtig gut gemacht, oder?

Tim Bergmann: Absolut. Ich glaube, dass man das unmöglich übersehen kann, wie sich der Regisseur und sein Kameramann engagiert haben. Ich habe meine erste Zusammenarbeit mit Marcus Ulbricht und Ralf Noack auch sehr genossen.

telechau: Zumal der erste Teil "Liebeskuss am Bosporus" von Berno Kürten gedreht wurde, also einen anderen Regisseur hatte. Ist das nicht schwierig in der Umsetzung?

Bergmann: Oder auch eine Chance, eine neue Herangehensweise zu finden. Diesen Ansatz konnte ich nachvollziehen und von daher habe ich mich, auch wenn ich Berno sehr schätze und mit ihm zusammen die Figur erfunden habe, gerne auf das Neue eingelassen. Gerade bei einer Fortsetzung spricht man sehr intensiv darüber, was man erzählen, was anders machen will. Insofern war das konstruktiv, mit einem anderen Regisseur zu arbeiten.

teleschau: Haben Sie selbst den vergeistigten Jakob gerne wieder ausgegraben?

Bergmann: Unbedingt. Ich habe, ohne dass ich das genau begründen kann, von Anfang an, eine enge Verbindung zu ihm gespürt. Umso schöner, dass das ZDF einen zweiten Teil haben wollte, obwohl wir gemessen an der unvermeidlichen Quote, kein Riesenerfolg waren. Auf Seiten des Senders war es einigen ein großes Bedürfnis die Freude über die Qualität des Filmes noch vor der Ausstrahlung, also vor der Quotenauswertung, zum Ausdruck zu bringen. Das ist nicht selbstverständlich.

teleschau: Sie mögen Ihren Charakter, weil seine Wirkung auf die Umwelt so anders ist als Ihre. Können Sie das genauer ausführen?

Bergmann: Jakob ist aus der Welt gefallen, tritt nicht sonderlich selbstsicher auf, auch wenn er sich in der Beziehung mit seiner lebenslustigen türkischen Freundin Didem (gespielt von Jasmin Gerat, d. Red.) mittlerweile sicher verändert hat und ein bisschen aus sich rausgekommen ist. Wenn er allein einen Raum betritt, bemerken ihn seine Mitmenschen nicht unbedingt. Man könnte ihn als Nerd, als Einsiedler, bezeichnen, er sucht wenig Kontakt zu den Menschen, ganz anders als ich.

teleschau: Im Umkehrschluss heißt das, wenn Sie in einen Raum kommen, bemerken Sie die Leute.

Bergmann: Das hab ich gewusst, dass Sie das sagen. Aber so habe ich das nicht gemeint (lacht). Jakob sucht aus Verunsicherung die Einsamkeit. Wenn er nicht für Alltägliches unter Menschen müsste, könnte er tagelang in seiner Welt der Musik abtauchen. So bin ich wahrlich nicht.

teleschau: Bereitet es Ihnen Vergnügen, mal nicht so gut auszusehen?

Bergmann: Die Transformation, die Verkleidung macht natürlich Spaß. Ich glaube, wir Schauspieler wären zu noch viel mehr und Extremerem bereit, wenn man uns ließe. Wobei "gut aussehen" oder nicht für die Entwicklung einer Figur kein Kriterium ist. Das würde den Beruf sehr anstrengend machen. Außerdem: auf seine Art ist Jakob attraktiv. Für Didem allemal. Und so kommen zwei so unterschiedliche Menschen schließlich zusammen.

teleschau: Glauben Sie, das kann funktionieren, wenn man aus zwei Kulturkreisen kommt?

Bergmann: Das kommt wie immer ganz darauf an, wie sich zwei Menschen begegnen. Ein unterschiedlicher Kulturkreis macht die Sache sicher nicht einfacher. Wenn man aber davon ausgeht, dass alles im Leben selbstentschieden ist, kann es in der Wahl eines neuen Partners nur bedeuten, dass man gerade in dieser Herausforderung für sich eine Chance sieht, zu wachsen und glücklich zu werden.

teleschau: Um bei der Psychologie zu bleiben: Sie sagten, Sie wüssten gerne, wie Jakobs Beziehung zu seiner Mutter ist.

Bergmann: Also wenn es, rein hypothetisch, einen dritten Teil geben würde, wäre es höchste Zeit für Jakobs Eltern und besonders seine Mutter (lacht). Mich interessiert das natürlich schon sehr in der Vorbereitung, ein Umfeld für meine Figur zu schaffen.

teleschau: Sie haben in der Arbeit kein Interesse an guten Solos, Sie wollen ein gutes Team. Warum?

Bergmann: Weil man, so wurde es mir mal auf der Schauspielschule mit auf den Weg gegeben, nur so gut ist wie sein Partner. Daran glaube ich heute noch. Auch wenn es manche Kollegen anders halten und eher solistisch unterwegs sind, hat mir meine Erfahrung gezeigt, dass ein guter Film nur als Team entstehen kann.

teleschau: Sie wussten schon mit sieben Jahren, dass Sie Schauspieler werden wollen. Hat sich in 35 Jahren dieser Wunsch mal geändert?

Bergmann: Nein, an der Entscheidung habe ich nie gezweifelt. In der Oberstufe allerdings habe ich mich gefragt, was ich eigentlich mache, wenn mich keine Schauspielschule nimmt. Bei der Suche nach dem Plan B tat ich mich wirklich schwer. Ich erinnere mich gut an die irritierten Reaktionen, als ich schon als Kind sehr entschlossen gesagt habe, dass ich Schauspieler werden will. In meiner Umgebung war es eher üblich, dass man Astronaut oder Lokführer werden wollte. Meine entschiedene Art auf die Frage zu antworten, hat seltsame Gesichtsausdrücke hervorgerufen, die mich umso mehr bestätigt und motiviert haben. Aber der Beruf, das sei auch gesagt, ist nicht ohne, für Neueinsteiger noch mehr als schon für mich damals.

teleschau: Was braucht es, um ihn so beständig auszuüben wie Sie das tun?

Bergmann: Es braucht einen möglichst gesunden Ort, von dem aus man den Beruf ausübt. Künstlerische Berufe verführen dazu, dass man sich in ihnen verliert. Es gibt aber unbedingt ein Leben jenseits des Berufes. Das heißt nicht, dass man nicht mit Leib und Seele dafür brennt. Man muss schon einen starken Willen haben, bevor man diesen Beruf überhaupt erlernt hat. Denn man braucht die Kraft, zur nächsten Schauspielschule zu gehen, wenn man gerade abgelehnt wurde. Der ständige Wechsel zwischen Zu- und Absage begleitet dich als Schauspieler ein Leben lang. Entscheidungen werden aber immer subjektiv getroffen. Insofern sollte man sich nicht allzu lange mit einer Absage aufhalten. Das ist elementar für den Beruf.

teleschau: Schaffen Sie das?

Bergmann: Nun ja, ich habe es gelernt. Aber sicher ist es mir auch schon passiert, dass ich mich mit einer Absage zu lange beschäftige. Die Entscheidung ist aber gefallen und kann in der Regel nicht mehr geändert werden. Diskutieren bringt da nichts. Wenn ich weiß, der Regisseur glaubt eher an einen anderen, dann ist jede Diskussion überflüssig, auch wenn ich davon überzeugt bin, dass er viele Aspekte, die wichtig gewesen wären vielleicht gar nicht gesehen hat. Das bringt nichts. Entscheidungen muss man akzeptieren lernen, und auch in einer Absage die Chance für sich erkennen.

Quelle: teleschau - der mediendienst