The Unknown Known

The Unknown Known





Donald und wie er die Welt sah

"Schneeflocken" nennt sie Donald Rumsfeld: Die Memos, in denen er seinen Mitarbeitern seine Gedanken darlegte, seine Schachzüge erklärte. Zehntausende davon haben sich im Laufe seiner fast 50 Jahre dauernden politischen Karriere angesammelt, fein säuberlich archiviert in endlos langen Regalreihen. Sozusagen eine Papierlawine, durch die sich Filmemacher Errol Morris durcharbeitete, bevor er den mittlerweile fast 82-Jährigen zum Interview für seinen Film "The Unknown Known" traf. 33 Stunden verbrachte der hochdekorierte Dokumentarfilmer mit dem Mann, der ein halbes Jahrhundert lang US- und Weltpolitik entscheidend mitprägte. Und der als ehemaliger Verteidigungsminister vor allem sich selbst zu verteidigen weiß ...

Rumsfeld sitzt dem Publikum auf der Leinwand direkt gegenüber, so wie er wohl Errol Morris während des Interviews gegenübersaß. Er lächelt oft ein verschmitztes, überlegenes Lächeln, während er die Fragen des unsichtbaren Dokumentarfilmers beantwortet. Dabei sind die nicht immer bequem: Manche drehen sich um Folter, um das Gefangenenlager in Guantanamo, den 11. September und den Irakkrieg. Regelmäßig lässt Morris den Staatsmann a.D. aus seinen alten Memos vorlesen, die den Leitfaden für diesen kleinen Spaziergang durch eine große politische Karriere bilden. Er konfrontiert ihn mit seinen eigenen Worten - nicht auf feindselige, aber oft durchaus provokante Art.

Und Rumsfeld redet. Egal wie komplex die Frage oder wie schwerwiegend der implizierte Vorwurf, für alles scheint der fidele Senior eine plausibel klingende Erklärung im Ärmel zu haben. Oder zumindest ein rhetorisches Ablenkungsmanöver, mit dem er sich geschickt um eine konkrete Antwort drücken kann. So wie damals, im Februar 2002, als er über die titelgebenden unbekannten Bekannten zu referieren begann, als Journalisten eigentlich Beweise dafür haben wollten, dass der Irak Terroristengruppen mit Massenvernichtungswaffen ausrüste.

Morris hinterlegt Rumsfelds Ausführungen mit einem dramatischen Soundtrack von Filmmusik-Guru Danny Elfman, mit Filmmaterial und animierten Fotos aus zahlreichen Archiven. Er verwendet Zeitlupen, Zeitraffer, zoomt herein, zoomt heraus, blendet Definitionen ein, unterschneidet selbst Statistiken und Diagramme mit Explosionen und Raketen. Er nutzt jede erdenkliche Möglichkeit, sein Interview dynamisch und spektakulär zu bebildern. Auf diese Weise gerät "The Unknown Known" geradezu faszinierend kurzweilig. Allerdings lenkt all der Budenzauber leider auch ein wenig ab von den bemerkenswerten Äußerungen, die Morris dem ehemaligen Spitzenpolitiker geschickt entlockt - und den Widersprüchen, in die sich der alte Mann verstrickt. Freundlich lächelnd.

Quelle: teleschau - der mediendienst