Viggo Mortensen

Viggo Mortensen





"Wenn ich mein Wort gebe, bin ich dabei."

Spätestens mit seiner Rolle als Aragorn in Peter Jacksons "Herr der Ringe"-Trilogie stieg Schauspieler Viggo Mortensen 2001 zum Star auf. Der 55-Jährige gilt als Schöngeist, beherrscht mehrere Sprachen und arbeitet auch als Fotograf, Dichter, Maler und Musiker. Im Krimi "Die zwei Gesichter des Januars", dem Regiedebüt des überaus erfolgreichen Drehbuchautors Hossein Amini ("Drive"), steht der dänisch-stämmige Amerikaner als eleganter Aufschneider Chester MacFarland im Zentrum einer mörderischen Dreiecks-Geschichte.

teleschau: Ihr Regisseur Hossein Amini sagt: "Das ist ein Film über Eifersucht, Alkoholismus und Rivalität." Was davon hat Sie am meisten angezogen?

Viggo Mortensen: Die Chance, betrunken zu sein. Nein, ich scherze: die Rivalität. Diese Figuren kämpfen sehr mit sich selbst. Das ist für mich das Besondere. Sie setzen sich Prüfungen aus und scheitern. Die bröckelnde Fassade interessiert mich.

teleschau: Ist das kriselnde Griechenland ein perfekter Ort, um bröckelnde Fassaden zu sehen?

Mortensen: Es war sehr schön dort. Die Mentalität der Griechen ist großartig. Die griechischen Götter finde ich aus denselben Gründen spannend wie die nordischen: Sie sind nicht perfekt. Sie machen Fehler, sind eifersüchtig und kleinkariert. Sie sind gemein und ändern ihre Meinung. Sie sind sehr menschlich. Das passt an solchen Orten zusammen.

teleschau: Sie leben in Madrid. Dort ist das Leben seit Beginn der Wirtschaftskrise auch nicht ganz einfach, oder?

Mortensen: Schon seit einer ganzen Weile läuft es dort nicht nach Plan, aber die Menschen sind tough.

teleschau: Ihr Chester MacFarland in "Die zwei Gesichter des Januars" ist auch ein tougher Typ ...

Mortensen: Er ist eine ziemlich interessante Figur. Wer Chester sieht, ist von seinen Kleidern und seiner Erscheinung erst einmal beeindruckt. Er scheint ein tolles Leben zu führen, Humor zu haben und alles scheint ihm leicht von der Hand zu gehen. Er hat eine schöne Frau, Geld und reist. Er wirkt überaus positiv und sorglos. Bald blicken wir aber hinter seine Fassade. Das ist typisch für einen Film noir: Die Figuren fallen auseinander, wenn man genauer hinsieht. Am Ende haben alle große Probleme und scheitern. Das ist übrigens meine Definition von Film noir: Alle Figuren lügen und alle verlieren. Das Tolle an dem Film ist es, sie dabei zu beobachten.

teleschau: Der Film ist der erste Spielfilm, bei dem Hossein Amini nicht nur das Drehbuch schrieb, wie zuvor zu "Drive" oder "47 Ronin", sondern auch die Regie übernahm.

Mortensen: Ich mag ihn, er ist ein kreativer, interessanter Typ, aber: Für mich war die Story entscheidend. Die Rolle ist anders als Rollen, die ich vorher gespielt habe, und war doch eine, die ich spielen konnte. Deshalb war ich froh, dass er mich als Chester aussuchte. Es war kein Film, der vor grünem Hintergrund entstand und für Investoren eine sichere Nummer ist. Das ist für ein Regie-Debüt nicht gerade typisch. Die Geschichte ist herausfordernd. Es dauerte eine ganze Weile, bis er sie umsetzen konnte, er hat mir 2010 zum ersten Mal davon erzählt. Vier Jahre später ist der Film fertig und kommt auf die Leinwand. Dafür musst du geduldig und stur sein. Viele in diesem Geschäft sind nicht so. Ein anderer Job kommt um die Ecke und sie nehmen den, anstatt weiter auf die Finanzierung zu hoffen.

teleschau: Das klingt, als würden Sie sich sehr früh für oder gegen Projekte entscheiden.

Mortensen: Wenn ich mein Wort gebe, bin ich dabei.

teleschau: Sie betonen, wie großen Wert Sie auf gute Geschichten legen. Was macht für Sie eine gute Story aus?

Mortensen: Zuerst muss es ein Film sein, den ich selbst gerne sehen würde. Ich will zufrieden mit mir selbst sein und mich nicht in zehn, zwanzig Jahren dafür schämen müssen. Das Leben ist kurz und wird kürzer, umso älter man wird. Ich will aus meiner Komfortzone raus und sehen, was passiert. Die Erfahrung ist es wert.

teleschau: Was unterscheidet Chester MacFarland von anderen Rollen, die Sie vorher gespielt haben?

Mortensen: Dieser ganze Style, der typisch ist für Männer dieser Generation, die im Zweiten Weltkrieg gedient und die große US-Wirtschaftskrise überstanden haben. Jeder aus dieser Generation in den 1960-ern, egal ob in Europa, Japan oder den USA, hatte ein Jackett - egal, ob er erbärmlich arm oder das Jackett total zerknittert war. Chester passt da genau rein: Selbst wenn er verkatert und schmutzig ist, gibt er sich größte Mühe, die Fassade aufrecht zu erhalten. Eine Würde, die wie aus einer anderen Welt scheint, die aber zu dieser Epoche gehört. Es gab zu dieser Zeit nur wenige Amerikaner, die durch Europa reisten. Das waren Leute wie im Film die MacFarlands. Die waren sehr angesehen, obwohl sie etwas plump waren und vielleicht schlechten Geschmack hatten. Kurz nach Vietnam oder später, nach der Reagan-Ära, hörte das auf. Da waren sie nicht mehr "die Guten".

teleschau: Haben Sie Kindheitserinnerungen an diese Zeit?

Mortensen: Ich erinnere mich ein wenig und kenne Bilder von meinem Vater, auf denen er so angezogen war. Mein amerikanischer Stiefvater und seine Freunde trugen solche Anzüge. Die hatten alle diesen einen guten Anzug im Schrank.

teleschau: Sie sind häufig in transnationalen Produktionen wie dieser zu sehen. Welches Land nehmen Sie als Ihre Heimat wahr?

Mortensen: Ich lebe in Spanien, weiß aber, wo ich herkomme. Ich spreche Englisch, Dänisch und Spanisch mehr oder weniger gleich gut, weil das meine Familie tat, aber ich fühle mich schon immer auch auf Reisen wohl. In Argentinien, wo ich aufgewachsen bin, fühle ich mich daheim, wenn ich dort bin. Genau wie in New York City, wo ich geboren wurde. Vielleicht ist Argentinien mehr Heimat für mich, aber auch Dänemark ist ein Zuhause, da wohnt einer großer Teil meiner Familie, viele Cousins und so. Das ist schwierig zu sagen. Es gibt auch Orte wie Neuseeland, die ich durch meinen Beruf kennenlernte, und an denen ich mich ebenfalls heimisch fühle, weil ich die Landschaft sehr gut kenne. Nicht nur vom Filmen, sondern wegen der Zeit, die ich dort verbracht habe, in der ich dort gecampt und geangelt habe.

teleschau: Wie hat Ihre Rolle als Aragorn in "Herr der Ringe" Ihre Karriere verändert?

Mortensen: Dank des Erfolgs von Peter Jacksons Trilogie konnte ich mit Leuten wie Regisseur David Cronenberg arbeiten. In der Summe sind die meisten Nebenwirkungen der Rolle gut. Es erlaubt mir Sachen zu machen, die ich machen will.

teleschau: Werden Sie wieder mit Cronenberg arbeiten?

Mortensen: Die Filme, die er angeht, sind sehr unterschiedlich. Deshalb dauert es immer eine Weile, bis bei ihm die Finanzierung geklärt ist. Er hat einen sehr jungen, neugierigen Blick. Er ist einer der wenigen, der sich selbst immer wieder herausfordert und nach Neuem sucht. Die meisten Regisseure, Schauspieler und Künstler im Allgemeinen, wiederholen sich selbst und verharren in ihrer Komfortzone.

teleschau: Beim Filmfest in Cannes wurde jüngst das Drama "Jauja" vom argentinischen Regisseur Lisandro Alonso vorgestellt, in dem Sie, wie in "Die zwei Gesichter des Januars", die Hauptrolle spielen. Die Werke eint nicht viel mehr als Ihre Person, oder?

Mortensen: "Jauja" ist zwar Lisandro Alonsos fünfter Film, aber er hat nie zuvor mit Schauspielern gearbeitet. Er hatte noch nie einen Film gedreht, der einer narrativen, erzählerischen Linie folgte. Wenn man so will, war das sein erster Versuch, einen Film im herkömmlichen Sinn zu drehen. Dabei bleibt er sich treu. Es ist immer noch er, sein Stil, seine visuelle Idee und sein Rhythmus. Ich hoffe, dass der Film zugänglicher ist als seine anderen Arbeiten, die sonst nur auf Festivals gut ankamen.

teleschau: Aber die Dreharbeiten zu einem durchgestylten Film wie "Die zwei Gesichter des Januars" sind doch sicher ganz anders?

Mortensen: Das ist für mich kein Kriterium. Ich suche gute Geschichten. Bei "Jauja" war es diese Epoche um 1880 in Argentinien. Ich spiele zum ersten Mal in meinem Leben einen Dänen - und das in einem argentinischen Film. Darin spreche ich mit meiner Tochter dänisch und mit den argentinischen Soldaten Spanisch - und zwar mit dem gleichen starken dänischen Akzent, mit dem mein Vater Spanisch gesprochen hat.

teleschau: Planen Sie selbst irgendwann einmal Regie zu führen?

Mortensen: Ich plane nicht allzu viel. Aber ja, das würde ich sehr gern. Ich war schon einige Mal kurz davor. Irgendwann wird es bestimmt klappen.

teleschau: Sie sind ein großer Fußballfan und -experte. Glauben Sie, Messi wird Maradonas Nachfolger und führt Argentinien zur Weltmeisterschaft?

Mortensen: Ich hoffe es und denke, er wird die wenigen Mäuler stopfen, die immer noch behaupten, er sei überbewertet. Das ist er nicht. Wenn jemand wirklich gut ist, egal ob im Filmemachen, Schustern oder im Fußball, beginnt das die Leute zu langweilen und dann suchen sie nach Fehlern - selbst auf seinem Level, bei seiner Exzellenz. Es gibt nur einen Diego Maradona, der begnadet und magisch war, aber nicht so konstant wie Messi. Für mich ist wichtig, wie Leute sich benehmen und ich mag es, wie Messi sich benimmt. Er macht keine Schwalben. Mehr als die meisten Fußballer liebt er das Spiel. Das spürt man, wenn man ihm zusieht. Er kann gut passen und Tore schießen. Wenn du ihn zu Fall bringen willst, musst du ihm schon fast eine mit dem Hammer verpassen. Ein verrückter Hund ...

Quelle: teleschau - der mediendienst