Jeanette Hain

Jeanette Hain





Die Beseelte

Es gibt Filme, die sich überraschenderweise doch viel besser entwickeln, als es eine Kurzbeschreibung andeuten könnte. Und es gibt Schauspieler, die auch die trübsten Räume erhellen, sobald sie nur durch die Tür gehen. Der ARD-Freitagabendfilm "Göttliche Funken" mit Jeanette Hain ist ein Beispiel für beides. In der am 30. Mai um 20.15 Uhr ausgestrahlten Degeto-Produktion spielt die 45-jährige Münchnerin, die alleinerziehend mit ihrer sechsjährigen Tochter in Berlin lebt, eine Pastorin, die sich ausgerechnet in Ausübung ihrer Dienstpflichten kompliziert verliebt: Vor dem Altar trifft sie ihren Jugendfreund, gespielt von Ausnahmeschauspieler Devid Striesow, wieder. Der heiratet gerade eine andere (Anna Maria Mühe) ...

"Es war ein Fest mit diesen Kollegen - und ein Feuerwerk mit dieser Regisseurin", sagt Jeanette Hain über die Arbeit am Film von Maria von Heland. Heraus kam - um Himmels willen - keine platte Pfarrhauskomödie, sondern ein Spiel von Ernst und Würde. Schon für ihren Bibel-Text, den sie beim Vorsprechen für die durchaus "beseelte" Rolle vortrug, konnte sich Jeanette Hain begeistern. "Das Hohe Lied der Liebe aus den Korintherbriefen ist unglaublich schön und berührend."

Dabei ist die Schauspielerin, die ursprünglich selbst einmal an der berühmten HFF Regie studierte, alles andere als eine Kirchgängerin, zumindest nicht im klassischen Sinne. "Ich hatte zwar katholischen Schulunterricht als Mädchen, kann aber mit der Institution Kirche nichts anfangen", sagt sie im Interview. Auch mit der Erfahrung, als Schauspielerin auf einer Bühne zu agieren, sei für sie die Pfarrerinnen-Rolle nicht ganz leicht zu vergleichen. "Ich habe mir vorgestellt, selbst auf der Kanzel zu stehen und vor einer Gemeinde zu predigen", erzählt sie. "Ich sehe keine Parallelen. Als ich da oben stand in der Figur, kam es mir vor, als ob ich nur ein Sprachrohr war."

Ein Erlebnis, das beim Drehen offenbar fast mystischen Charakter hatte. "Die Worte Gottes zu predigen, fühlt sich an, als wenn es durch einen hindurchfließt", sagt Jeanette Hain. An derartige Erlebnisse kann sie sich aus eigenen Gottesdienstbesuchen nicht erinnern. "Ich war wenig in der Kirche. Mit den meisten Predigten konnte ich kaum etwas anfangen", blickt sie zurück und fügt recht bestimmt an: "Anregungen für die große Weisheit über das Leben, nach der ich strebe, habe ich sicher von anderswo her."

Tatsächlich hat natürlich auch der zartbittere Liebesfilm, der einen Paar-Wechsel fast nach dem "Wahlverwandtschaften"-Prinzip von Goethe durchspielt, eine erdverbundene, lebensfrohe Seite. Dass am Set eine starke, freundschaftliche Stimmung geherrscht haben muss, hört man Jeanette Hain deutlich an. "Es war von Anfang an eine unglaublich innige, sehr intensive Arbeit", sagt sie im Rückblick. Besonders angetan war sie dabei von ihren beiden Filmpartnern - Devid Striesow, mit dem sie bereits zum wiederholten Mal von der Kamera stand, und Barry Atsma, der ihren Filmgatten spielt. "Toll, dass die beiden Männer sind, die sich weit öffnen und ihren Emotionen freien Lauf lassen können", sagt sie. "Diese Hingabe im Spiel ist ein großes Geschenk."

Tatsächlich legt Hain bei fast allen ihrer Filme Wert auf den Moment, in dem sie die Handbremse lösen darf. "Wir ließen beim Spiel alle Facetten von Emotionen zu", sagt sie über die "Göttliche Funken"-Dreharbeiten. "Eine Freude, wenn man sich beim Spielen nicht immer kontrollieren muss und wenn ich, derb gesprochen, schon auch mal die Sau rauslassen kann." Ihre Dankbarkeit gilt dabei vor allem der Regisseurin Maria von Heland. "Sie zeigt uns als Menschen - als ein großes Puzzle", so Jeanette Hain. Die Kernaussage von der Schicksalshaftigkeit der gewaltigen Gefühle kann sie voll unterschreiben. "Ich glaube auch persönlich, dass die Liebe ein großes Geschenk ist, das uns nicht verloren geht. Es kann sein, dass sie sich mal zwischendurch im Keller versteckt - aber sie kommt immer wieder hervor."

Ihre eigene ungeteilte Liebe gilt dabei ihren Kindern. Mit ihrem längst erwachsenen Sohn Jonas hält sie wechselseitigen engen Kontakt. Und mit ihrer Tochter Malou teilt sie den Berliner Alltag. "Mutter zu sein, ist das Tollste, was es gibt", sagt Jeanette Hain. "Ich finde, dass Wichtigste am Menschsein ist doch, dass man ein Kind bleibt." Dabei sieht sie diese Aufgabe trotz gelegentlicher Belastungen als enorme Kraftquelle. "Die große Weisheit, die Kinder in sich tragen, und ihre Verspieltheit, sind für mich Vorbild", sagt sie. "Kinder sind eine große Inspirationsquelle - und Erdung."

Mit Jonas, der als Musiker und DJ, aber auch selbst als Schauspieler gefragt ist, wurde sie bereits in den wildesten Klubs der Stadt - etwa im Berghain - gesehen. Keine Alltäglichkeit das, allerdings. "Wenn er auflegt, stehe ich in den Klubs nicht auf der Gästeliste. Das ist einfach so", lacht Jeanette Hain. Dennoch gesteht sie, dass sie den seltenen Mutter-Sohn-Nachterlebnissen im Rückblick einiges abgewinnen kann. "Die Zeit löst sich komplett auf."

Weil sie selbst früh Mutter wurde und damit in eine andere, ernste Rolle wechselte, hat das Ausgehen für sie einen fast nostalgischen Charakter. "Ich kenne das aus meinen 20er-Jahren: Wenn ich im Nachtleben bin, werde ich sofort wieder 20. Das ist die rasanteste Zeitreise, die man sich vorstellen kann", erzählt die Schauspielerin. Dabei zieht sie mittlerweile so gut wie nie um die Häuser und macht somit auch die Szene der Hauptstadt nicht unsicher. "Wenn ich heute feiere, dann sind es die Schnapsklappen oder die Bergfeste beim Drehen", sagt sie. Und diese selten gewordenen Ruhe-Momente im hektischen Produktionsbetrieb möchte sie auch nicht missen. "Die Feiern kann man beim Drehen einfach nicht einsparen. Nicht in Zeiten, in denen so wahnsinnig viel Geld verschwendet wird - etwa für einen Flughafen, der nicht fertig wird."

Es wirkt so, als ob Jeanette Hain, die sich auf roten Teppichen eher rar macht, fest davon überzeugt ist, nichts zu verpassen, wenn sie sich gelegentlich zurückzieht. "Ich kann mich auch auf eine Verkehrsinsel setzen und dort ausspannen", scherzt sie. "Den Stecker zu ziehen und ab und an eine Auszeit anzutreten, ist absolut lebensnotwendig."

Dabei zählt sie zu den wenigen Menschen, die gut mit sich selbst zurecht kommen, ja mit sich selbst im Reinen wirken. "Je besser wir uns mit uns selbst verstehen und uns kennenlernen und die Reise ins Innere antreten, desto besser kommen wir mit anderen zurecht", sagt sie. "Ich habe mich auf der Reise in den vergangenen 45 Jahren gut kennengelernt." Wichtigste Erkenntnis: "Wir haben alle das Handwerkszeug für ein glückliches Leben bei uns." Und dass klingt schon fast wieder so, als ob doch eine verkappte Pfarrerin oder ein zumindest ein "göttlicher Funke" aus ihr spricht.

Quelle: teleschau - der mediendienst