Chasing The Wind

Chasing The Wind





Familienaufstellung auf Norwegisch

Anna (Marie Blokhus) ist glücklich. Mit ihrem Freund lebt die junge Norwegerin in ihrer Wahlheimat Berlin, und auch beruflich läuft es gut. Dann aber stirbt ihre Großmutter, und Anna kehrt zurück in das Dorf, in dem sie aufgewachsen ist. Und auf einmal ist sie sich gar nicht mehr so sicher, was Glücklichsein für sie eigentlich bedeutet. Es sind große Fragen, die Rune Denstad Langlo in seinem kleinen Film "Chasing The Wind" aufwirft, ohne Pathos und Kitsch erzählt, skandinavisch-karg, mit trockenem Witz und gerade dadurch wunderbar authentisch.

Drei Jahre war Anna alt, als ihre Eltern starben. Forthin wuchs sie bei ihren Großeltern auf, in einem kleinen, abgelegenen Fischerdorf, irgendwo in der Einsamkeit Norwegens, wo die meisten nur noch eines wollen: weg. Geblieben sind nur die Alten, und auch Håvard (Tobias Santelmann), der Ex-Freund von Anna, lebt hier noch, zusammen mit seiner kleinen Tochter, die er nach dem Tod seiner Frau alleine aufzieht. Als Anna in dem Dorf ankommt, um der Beerdigung ihrer Großmutter beizuwohnen, trifft sie auf altbekannte Gesichter, doch willkommen fühlt sie sich nicht. "Niemand hat dich gebeten, zu kommen", begrüßt sie ihr Großvater Johannes (Sven-Bertil Taube) mürrisch.

Johannes will seiner verstorbenen Frau einen Sarg zimmern lassen, die Schreinerarbeiten soll Håvard erledigen, der gar nicht erfreut darüber ist, Anna wieder zu sehen. Reißt die Begegnung mit ihr doch alte Wunden auf, die auch die Zeit ihrer Abwesenheit nicht hatte heilen können. "Wir werden kein Paar mehr", sagt er, aber überzeugt ist er nicht von seinen eigenen Worten.

Es ist ein zweites Kennenlernen eigentlich vertrauter Menschen, die die Distanz zwar getrennt, nicht aber entfremdet hat. Und während Anna langsam merkt, dass das Glück, das sie im Berliner Exil zu finden geglaubt hatte, trügerisch war, erfährt sie, dass auch die Ehe ihrer Großeltern nur nach außen hin so perfekt war, wie sie sie als Kind erlebt hatte. Es war eine stille Tragödie, die sich zwischen ihren Großeltern abgespielt hat, über Jahrzehnte hinweg. Nur langsam beginnt Anna die ganze Dimension des familiären Dramas zu begreifen, dessen unverrückbarer Teil sie war und noch immer ist.

War es in seinem Debütfilm, dem Roadmovie "Nord", noch ein einsamer Außenseiter, den Regisseur Rune Denstad Langlo auf eine stille, wortkarge Reise durch Norwegen schickte, ist es jetzt mit der Figur der Anna eine junge, attraktive Frau, die sich auf den Weg machen muss, um sich ungelösten Konflikten aus der Vergangenheit zu stellen. Wieder sind die Charaktere, die Langlo erschafft, eigenbrötlerische, verschrobene Gestalten - einfach, aber dennoch vielschichtig und genau gezeichnet. Gepaart mit einem feinen, trockenen Humor, der an Bent Hamer oder Aki Kaurismäki erinnert, wird so aus "Chasing The Wind" ein warmherziger Film, unsentimental erzählt und berührend.

Quelle: teleschau - der mediendienst