Oktober November

Oktober November





Vom Unglücklichsein

Die junge Schauspielerin Sonja (Nora von Waldstätten) steht vor dem Spiegel der Restaurant-Toilette, um sich frisch zu machen, als eine Frau sie unvermittelt anspricht und ihr Kinder-Fotos zeigt. Etwas irritiert bescheinigt Sonja der Unbekannten, dass ihr Nachwuchs "lieb" aussehe. Momente später klatscht die gar nicht mehr harmlose Mutter der verdutzten Aktrice eine Ohrfeige ins Gesicht und beschimpft sie auf das Übelste. Die Furie ist die gehörnte Ehefrau von Sonjas zuletzt abgelegter Affäre. Mehr als eine Affäre lässt die junge Frau nicht zu, sie schottet sich ab, ehe jemand hinter ihre Fassaden blicken könnte. Fassaden, Plural. Nicht nur vor der Kamera schlüpft die Hauptfigur des österreichischen Dramas "Oktober November" in Rollen, auch im Leben wechselt sie mühelos zwischen der freundlichen Kollegin, dem unterkühltem Star und der abenteuerlustigen kleinen Schwester hin und her.

Nur alleine gönnt sich Sonja unbeobachtete Momente eines Traurigseins, dessen Ursprung ihr unerklärlich und fremd ist. Als sie von ihrer älteren Schwester Verena (Ursula Strauss) erfährt, dass der Vater (Peter Simonischek) an Herzproblemen leidet, macht sie sich in die lange ignorierte Heimat auf, um nach der Familie zu sehen. Verena lebt mit Mann und Kind im Haus des Vaters. Seit dem Tod der Mutter kümmert sie sich um den alten Herrn und das elterliche Gasthaus. Das heimische Alpenidyll hat sie nie verlassen. Nur in den Armen des wortkargen Landarztes (Sebastian Koch) entflieht sie ihrem von Verantwortung und Zuständigkeit geprägtem Sein. Die Lebensentwürfe der Schwestern könnten unterschiedlicher kaum sein. Während ein trister November den goldenen Oktober ablöst, reißen bei der Familienzusammenkunft alte Wunden wieder auf - so sicher, wie die eben noch gülden schimmernden Blätter im Herbst fallen müssen.

Eben diese Familie, diese kleine Lebensgemeinschaft, die die menschliche Existenz bestimmt, steht im Zentrum von Götz Spielmanns "Oktober November". Der österreichische Regisseur entspinnt in dem Heimatdorf der Familie ein leises und doch ungemein wuchtiges Psychogramm seiner Protagonisten, indem er deren Konflikte zwar auf kleiner Flamme, aber doch stetig weiter hochkochen lässt. Bald werden aus stummen, unterdrückten Vorwürfen laute. Die Kränkungen sitzen so tief, dass sie dem Gegenüber entgegen geschrien werden müssen, wenn sie zum Vorschein kommen.

Als treibende Kraft dieser Entfesselung tut sich ausgerechnet der Vater hervor, der seine Krankheit nutzt, um die alten Muster des herrischen Patriarchen abzulegen, als der er dominant seiner Familie vorstand. Während sich die Schwestern um ihn kümmern, müssen sie näher aneinander rücken und sich der anderen stellen. Nur so haben die beiden eine Chance, sich selbst zu akzeptieren und vielleicht sogar die Hindernisse zu überwinden, die ihrem Glück im Weg stehen.

Quelle: teleschau - der mediendienst