Angélique

Angélique





Nüchterne Romantik

Ach "Angélique"! Der Name weckt Erinnerungen an herrliche Fernsehabende mit Technicolor-Kostümschinken. Man liest ihn auch auf dickleibigen Schmökern, wenn Omas Bücherregal ausgeräumt wird. Anne Golons Romanzyklus um eine Landadelige, die im 17. Jahrhundert, im Frankreich Ludwigs XIV., um das Leben ihres politisch verfolgten Ehemannes kämpft, den sie zunächst verabscheut, dann unendlich liebt, schlug mehr als eine (Frauen-)Generation in Bann. Ein halbes Jahrhundert nach der ersten Leinwandversion kommt nun "Angélique" als Remake in die Kinos. Es ist ein Wiedersehen mit einer ganz anderen Frau, als wir sie kennen. Bewunderung für historische Akkuratesse kann für eine große Ernüchterung nicht entschädigen.

Jede "Angélique" ist natürlich Geschöpf der Zeit, die sich ein Bild von ihr macht. Die Empörung der jugendlichen Baronesse Angélique de Sancé (Nora Arnezeder), gegen ihren Willen vom Vater vermählt worden zu sein, spiegelt perfekt den heutigen Protest gegen das Übel der Zwangsheirat. Aber ihr Bräutigam, der Graf von Toulouse, Joffrey de Peyrac (Gérard Lanvin), wesentlich älter, im Gesicht entstellt und leicht hinkend, erweist sich immerhin als netter und kluger Gesprächspartner. Es ist weniger Liebe zu dem Mann als vernünftige Wertschätzung für diesen Menschen und seiner aufrichtigen Zuneigung zu ihr, die sie sein Bett teilen und für ihn Partei ergreifen lässt, als er der Ketzerei bezichtigt und von seinen Feinden bei Hofe gejagt wird.

Wie fesselnd und geradezu animalisch war da doch das Paar, das einst Michèle Mercier und Robert Hossein verkörperten! Anders als den neuen Darstellern, insbesondere dem beeindruckenden Gérard Lanvin, nahm man ihnen ihre intellektuellen Seiten nicht ab. Aber in jener Angélique verschmolz faszinierend Erotik und Rebellion, überbordende Sinnlichkeit und leidenschaftliche Treue, jener Joffrey war nicht souverän, sondern ein innerlich und äußerlich zerrissener. Und dann sein exzessives Hinken. Tock, tock, tock - anfangs Anlass des Schreckens, wurde das Anschlagen von Joffreys steifem Bein auf dem Marmorboden seines Schlosses für die Geliebte mehr und mehr himmlische Vorfreude der Begegnung, in ein Gesicht gemalt, das alle Schattierungen des Gefühls durchläuft. Von einer solchen Romantik des Schauerns und Schmachtens ahnt die neue "Angélique" rein gar nichts.

Statt einfach bei der Heldin zu bleiben, statt zu verfolgen, in welchen Wirbel die unsichtbaren Mächte des Herzens und des intriganten Hoflebens sie reißen, ist die Neuverfilmung davon besessen, alles zeigen zu wollen. Die überzeugende Rekonstruktion der Epoche entwickelt die Nebenwirkung, dass Unterhaltung mit den Mitteln verstandesmäßiger Aufklärung betrieben wird. Die Kamera stiehlt sich in jedes schmierige Hinterzimmer, jedes schändliche Komplott wird zunächst einmal dem Zuschauer verraten, ehe seine Ausführung erlebt werden darf. Das steigert die Spannung, tötet aber das Geheimnis. Mechanisch und monoton reihen sich Liebesakte bei gedämpftem Kerzenschein und Rapierduelle mit durchstochenen Kehlen aneinander, während Intriganten intrigieren, der König (David Kross) königlich zu sein versucht und Edelmänner edel sind. Und ein Ende nicht abzusehen ist.

Ziemlich werkgetreu findet "Angélique"-Schöpferin Anne Golon die Inszenierung Ariel Zeitouns, hinter der Luc Bessons Filmfirma Europacorp steht. Der Schluss kündigt eine Fortsetzung an. Ob "Angélique" uns dann verführen wird?

Quelle: teleschau - der mediendienst