Harald Krassnitzer

Harald Krassnitzer





Beladener Problemlöser

Harald Krassnitzer gilt als äußerst charmanter Kollege, der zu Dreharbeiten am Muttertag schon mal Blumen an alle Mütter des Film-Sets verteilt. Doch der 1960 in Salzburg geborene Schauspieler kann mehr als das. Mit präzisem Spiel und hohem Authentizitätsfaktor schafft es der Ehemann von Schauspielkollegin Ann-Kathrin Kramer, sowohl in düsteren Stoffen wie denen des Ermittlers Moritz Eisner im Wiener "Tatort" zu überzeugen als auch leichtere Erzählungen wie die ARD-Serie "Der Winzerkönig" zum Erfolg zu führen. Nun tritt der passionierte Österreich-Forscher Krassnitzer mit einer neuen ARD-Serie an. In "Paul Kemp - Alles kein Problem" (ab 10. Juni, dienstags, 20.15 Uhr) spielt der 53-Jährige einen Mediator in Wien. Dieser löst zwar die verzwicktesten Streitigkeiten anderer Leute, weiß aber im Privatleben oft selbst nicht weiter.

teleschau: Sie spielen einen Psychotherpeuten, der mit seinem eigenen Leben nicht zurecht kommt. Ist das nicht ein ziemliches Klischee?

Harald Krassnitzer: Man müsste die Frage klären, was ein Klischee ist. Psychotherapeuten mit eigenen Problemen sind genauso ein Klischee wie Politiker, die vorgeben, stets die Wahrheit zu sagen und doch lügen. Oder Konzernchefs, die vorgeben, nur für das Wohl der Firma zu arbeiten, aber letzten Endes vor allem auf den eigenen Vorteil bedacht sind. Wir sind umgeben von Klischees, in denen eine Menge Wahrheit steckt.

teleschau: Sie glauben also, dass Psychotherapeuten oft selbst einen "an der Klatsche haben", um mal besonders klischeehaft zu sprechen?

Krassnitzer: Ich fand Ihre Frage bei der Vorbereitung auf die Rolle nicht besonders wichtig. Entscheidend war, ob die Geschichten glaubwürdig und unterhaltsam sind. Beides würde ich bejahen. Ich denke, dass man in sensiblen, hochkomplexen Berufen überzufällig oft Menschen trifft, die ihre Arbeit zwar hochprofessionell ausführen, die dafür nötige Spannung aber auf anderem Gebiet kompensieren müssen. Sie versagen dann in bestimmten Lebensbereichen oder verhalten sich zumindest hochgradig unvernünftig. Viele geniale Ärzte sind zum Beispiel starke Raucher. Oder nehmen Sie Sartre - ein genialer Denker, aber sein Gefühlsleben war reines Chaos.

teleschau: Nun spielen Sie keinen klassischen Psychotherapeuten, sondern einen Mediator. Jemanden, der zwischen zwei Parteien vermittelt, die sich allein nicht einigen können. Gibt es ein Vorbild für die Rolle?

Krassnitzer: Es gibt einen echten Mediator, der als Berater für die Serie arbeitet. Im Grunde kommen fast alle unsere Fälle aus dessen realer Praxis. Natürlich haben wir Geschichten gekürzt oder verdichtet. Ihre Grundidee, so absurd sie auch sein mag, beruht jedoch immer auf einem realen Fall. Selbst die Lösungsansätze haben wir von diesem echten Mediator übernommen.

teleschau: Was war zuerst da? Die Serienidee oder jener echte Mediator, der Sie inspirierte?

Krassnitzer: Zuerst gab es die Idee, aus diesem Mediator, den ich nun spiele, eine Serie zu machen. Danach wurde lange nach jemandem gesucht, der die Serie beraten könnte. Als man den Mann schließlich gefunden hatte, stellte sich heraus, dass man aus dessen Berufserfahrungen beinahe sämtliche Fälle der Serie konstruieren konnte. Dass uns viele der Fälle im Film grotesk vorkommen, zeigt vor allem, wie seltsam die Menschen sind.

teleschau: Musste die Serie zwangsläufig eine komische Note bekommen?

Krassnitzer: Ich finde, ja. Streit hat immer etwas Komisches, wenn man ihn von außen betrachtet! Beobachten Sie doch mal einen Streit! Man sieht Menschen zu, die in ihrer Irrationalität gefangen sind und nicht mehr aus ihren zementierten Wegen herauskommen. Als Dritter steht man dabei und muss meist schmunzeln. Die Arbeit eines Mediators hat deshalb unbedingt einen lustigen Aspekt.

teleschau: 13 Folgen "Paul Kemp" wurden bisher gedreht. Welchen der dort behandelten Fälle fanden Sie am absurdesten?

Krassnitzer: Mich haben zwei Fälle persönlich sehr bewegt. In dem einen geht es um einen transsexuellen Lehrer, der nach den Ferien als Frau in die Klasse zurückkehrt. Alles war mit der Schulleitung bis ins Detail abgesprochen, aber eben nicht mit den Schülern und ihren Eltern. Weil es zwischen Schulleitung und einem Elternvertreter zum Streit kam, musste der Mediator ran. Vor allem auch deshalb, weil der Konflikt schwelte und nicht offen ausgetragen wurde. Was übrigens sehr oft vorkommt in Fällen, die am Ende bei Mediatoren landen.

teleschau: Und der zweite Fall?

Krassnitzer: Da geht es um einen Mann, der an Alzheimer erkrankt ist und sein eigenes Begräbnis plant. Er sagt: Ich werde diese Krankheit mit Sicherheit nicht voll aussitzen, sondern möchte mich bewusst mit dieser Veranstaltung von Familie und Freunden verabschieden. Ein durchaus nachvollziehbarer Gedanke, finde ich. Der allerdings nicht berücksichtigt, dass es liebende Angehörige gibt, die mit dieser Idee gar nicht zurecht kommen. Der Erkrankte möchte sogar seine eigene Grabrede halten. Auch dieser Konflikt konnte nur mit Hilfe eines Mediators gelöst werden.

teleschau: "Paul Kemp" ist eine österreichische Serie, die aber auch aus Deutschland kommen könnte. Gibt es österreichische Film- oder Serien-Hits, bei denen klar ist: Mit so etwas könnte man in Deutschland niemals Erfolg haben?

Krassnitzer: Na klar, da gibt es viele Beispiele. Der Österreicher ist viel stärker dem Absurden zugetan. Die Krimiserie "Kottan ermittelt" wird da gerne genannt. In Deutschland war das zwar auch Kult, aber doch nur in einem sehr kleinen Rahmen populär - wenn man das Publikumsinteresse als Maßstab nimmt. In Österreich war "Kottan" ein Massenphänomen, ein richtiger TV-Hit. Oder nehmen wir etwas Neues, die Serie "Braunschlag". Da geht es um eine bankrotte Gemeinde mit skurrilem Personal, das eine Marien-Erscheinung inszeniert, um den Tourismus anzukurbeln. In Österreich war die Serie vor zwei Jahren ein Straßenfeger, in Deutschland wurde sie noch nicht einmal gezeigt. Natürlich haben solche Entscheidungen auch viel mit Regionalität und Sprache zu tun.

teleschau: Sieht der Deutsche Österreichern grundsätzlich gerne im TV zu?

Krassnitzer: Das ist eine äußerst komplexe Frage. Man könnte sie auch umgekehrt stellen. Ich denke und spüre, dass man mittlerweile etwas austrophiler sprechen kann in österreichischen Rollen und dass dies deutschen Zuschauern durchaus gefällt. Bei "Paul Kemp" war das jedoch kein Thema. Da wollten wir breit aufgestellt sein und nicht so Ösi-mäßig rüberkommen, dazu sind die Themen im menschlichen Sinne zu global. Ich kann Ihnen aber auch sagen, dass Österreicher viel mehr mit Serien anfangen können, die aus Süddeutschland kommen. Offenbar gibt es da eine größere Nähe bezüglich Sprache und Mentalität. Aus dem Norden Deutschlands zeigt man in Österreich eigentlich nur die "Tatort"-Folgen.

teleschau: Sie meinen also, Mentalitätsunterschiede zwischen Deutschen und Österreichern sollte man keinesfalls unterschätzen?

Krassnitzer: Es gibt sie auf jeden Fall, sehr deutlich sogar. Frei nach George Bernard Shaw möchte ich behaupten: Das Einzige, was die Deutschen und die Österreicher miteinander verbindet, ist die gemeinsame Sprache. Sie ist aber auch das, was sie am meisten trennt.

teleschau: Wie meinen Sie das?

Krassnitzer: Weil die Sprachverwendung von Österreichern und Deutschen sehr unterschiedlich ist. Man sieht es auch in der Literatur: Wir haben ganz andere Wort- und Satzspielereien, die in Österreich als Code verstanden werden. Das ist ein kultureller, sozialer Code, den man bei uns versteht und in Deutschland nicht. Es ist das, was man landläufig den Schmäh nennt.

teleschau: Ist der Schmäh nicht eine gewisse Art von Humor?

Krassnitzer: Nein. Der Schmäh ist die Fähigkeit, jede Situation binnen Sekunden in alle möglichen Varianten kippen zu lassen. In eine unglaubliche Vielfalt von Sprachspielereien, Witz- und Bedeutungsebenen. Der Schmäh ist das, was uns am meisten trennt. Wenn jemand aus Deutschland etwas sagt, meint er es in der Regel auch so. Wenn jemand aus Österreich das Gleiche sagt, spielt er damit. Sie wissen dann noch nicht, ob er es wirklich meint.

teleschau: Woher stammt der Schmäh beim Österreicher?

Krassnitzer: Es hat damit zu tun, dass die Großmacht Österreich nach dem Ersten Weltkrieg zu einem kleinen, bedeutungslosen Rumpfstaat geschrumpft ist. Davor hatte dieser Vielvölkerstaat auch einen großen kulturellen Reichtum, der nicht nur die österreichische Kultur, sondern auch die Mentalität dieses Landes prägte. Der Schmäh kommt ein bisschen daher, aber auch aus der Tatsache, das man mit dem Verlust der eigenen Bedeutung umgehen musste.

teleschau: An Bedeutung gewonnen hat auf jeden Fall Ihr "Tatort". Zuletzt gab es einen "Grimmepreis" für die Wiener Folge "Angezählt". Warum ist der "Tatort" aus Österreich auf einmal so stark geworden - wo sie das Ganze doch schon fast 20 Jahre machen?

Krassnitzer: Wir hatten auch früher immer wieder mal sehr starke Folgen. Trotzdem war es wichtig, dass wir uns endlich für ein festes Team entschieden haben. Früher ging der Eisner immer irgendwo hin und hatte dort lediglich Abschnittsweggefährten. Auf Dauer war das frustrierend - sowohl für mich als auch für den Zuschauer. Es gab kaum Kontinuität, die man für eine stärkere Identifikation braucht. Dass wir mit Adele Neuhauser und ihrer Rolle Bibi Fellner ins Schwarze getroffen haben, war natürlich ein Glücksfall.

teleschau: Auch die Bücher sind hervorragend.

Krassnitzer: Es gibt eine Grundphilosophie, die wir in diesem Krimi verfolgen. Viele Menschen haben ja ein gesundes Rechtsempfinden. Man ist sich einig darin, was man gerecht und was man ungerecht findet. Trotzdem funktioniert weder unsere Gesellschaft so noch entspricht dieses Empfinden dem, wie der Rechtsstaat Dinge für uns regelt. Mit jenem Gegensatz spielen unsere Bücher. Deshalb bewegen sie auch die Menschen.

teleschau: Man könnte die Wiener als kulturpessimistischstes aller "Tatort"-Teams sehen.

Krassnitzer: Da möchte ich keine Vergleiche ziehen. Ich kann aber sagen, dass unsere Methode darauf abzielt, die erwähnten Gegensätze im Film hinzustellen und es dem Zuschauer auch ein bisschen selbst zu überlassen, wie er das ganze Bild zusammenfügt - oder auch nicht. Die Verstörung macht sicher einen Teil des Erfolges aus - ist aber keineswegs Selbstzweck. Am Ende klicken bei uns eben nicht die Handschellen, und alles ist gut. Oft sagen Zuschauer, dass sie so aufgewühlt waren, dass sie nicht schlafen konnten. Andere waren verärgert oder irritiert. Immer, wenn eine dieser drei Reaktionen auftritt, haben wir unser Ziel erreicht. Es ist doch die einzige Legitimation, die Fernsehen hat: Es muss die Leute berühren. Wir haben jetzt sechs oder sieben Filme hintereinander gedreht, bei denen wir sehr dicht gearbeitet haben. Uns ist klar, dass wir nicht immer auf diesem Niveau bleiben können. Eine solche Serie mit hervorragenden Filmen zu schaffen, ist immer auch ein bisschen Glückssache.

Quelle: teleschau - der mediendienst