Die künstlerische Seite der Wirklichkeit

Die künstlerische Seite der Wirklichkeit





Mit einem Biopic und Kriegsthema starten die diesjährigen Filmfestspiele in einen vielversprechenden Jahrgang

Nicht alle Märchen nehmen ein gutes Ende. Von ihrem eigenen tragischen Schicksal hat Gracia Patricia nichts geahnt - und auch der Film "Grace of Monaco" spart es aus. Alles andere als märchenhaft dürften Regisseur Olivier Dahan die mehr als verhaltenen Reaktionen auf seinen Cannes-Eröffnungsfilm über die monegassische Fürstin vorkommen. Kein guter Start für die 67. Filmfestspiele (14. bis 25. Mai). Aber: 18 Filme sind diesmal insgesamt im Wettbewerb zu sehen. Und nach der heftigen Kritik zu Beginn gab es schon bald auch Applaus.

Der mauretanische Filmemacher Abderrahmane Sissako schickt die Zuschauer in seinem Beitrag "Timbuktu" in eine Ecke der Welt, in der Dschihadisten das Sagen haben. Mit großem inszenatorischem Geschick, ohne Polemik, aber dafür einer feinsinnigen Ironie zeigt er, wie sich das Leben der Menschen unter fundamentalistischem Terror verändert. Am Anfang fallen Schüsse, auf einer Sanddüne werden afrikanische Holzstatuen von Kugeln getroffen. Hier zerspringt eine der großen nackten Brüste, dann wieder wird ein Stück vom Kopf abgespalten. Die neuen Machthaber zerstören Leben, aber auch die malische Kultur. Musik, Lachen, Zigaretten und auch Fußball werden verboten.

Dabei wirken die eingefallenen Gotteskrieger unbeholfen: Die Kommunikation unter ihnen klappt wegen zu schlechter Arabischkenntnisse nicht, sie kommen selbst aus unterschiedlichen Ländern. Auch wenn sie mit dem Megaphon durch die Lehmgassen streifen und neue Gesetze verkünden gibt es Unsicherheiten: Ein Trupp macht singende Menschen in einem Gebäude aus, doch sie preisen dabei Allah - verhaften oder nicht? Das Grinsen über diese Männer, die im selbstgedrehten Video nicht in Worte fassen können, wofür sie eigentlich stehen, vergeht dann aber schnell. In improvisierten Gerichten werden Schläge und Steinigungen bis zum Tod beschlossen wie auch erzwungene Hochzeiten gebilligt. Für Sissakos Suche nach so etwas wie einem Mensch im Dschihadisten, gab es einen warmen Applaus. Und: "Timbuktu" bleibt nicht der letzte Film im Wettbewerb über aktuelle Konflikte in dieser Welt.

Die weit zurückliegenden Dramen in Mike Leighs Biopic "Mr. Turner" boten da im Wettbewerb schon eine Art Verschnaufpause: Im frühen 19. Jahrhundert erschuf der englische Maler William Turner herrliche Gemälde von maritimen Szenen mit einzigartigen Lichtspielen. In seinem Leben herrschte dagegen viel Dunkelheit. Dass seine geistig kranke Mutter starb, kurze Zeit nachdem sie von ihrer in ein Heim abgeschoben wurde, verfolgt ihn. Zwar pflegt er zum Vater (Paul Jesson), der seine Begabung erkennt und fördert, ein inniges Verhältnis. Das ändert jedoch nichts an seinen Depressionen, seiner Unfähigkeit zu lieben und seiner aufbrausenden Art. Eine spätere Lebensgefährtin will seine sensible Seite erkannt haben: Eine schöne Seele in abstoßender Gestalt, die Timothy Spall hier mit Bravour verkörpert.

Dem Zuschauer aber bleibt Turner fremd. Man begleitet ihn nur äußerlich in einem optisch äußerst ansprechenden Film, der selbst turnerische Motive auf die Leinwand zaubert. Mit zweieinhalb Stunden ist dieses klassische Biopic etwas zu lang geraten. Doch Ausdauer verlangt der thematisch vielseitige Wettbewerb in diesem Jahr noch ein paarmal. Die Regisseure mögen es wieder lang, am längsten der türkische Regisseur Nuri Bilge Ceylan: Sein Beitrag "Winter Sleep" dauert drei Stunden und 16 Minuten. Man witzelt schon, dass der Winter in diesem Film erst nach zwei Stunden komme ...

Quelle: teleschau - der mediendienst