Ian McKellen

Ian McKellen





Wie ein kleiner Groupie ...

Woher? Ah, aus Deutschland, entnimmt Ian McKellen dem Zeitplan für seine Interviews zu "X-Men: Zukunft ist Vergangenheit" (Start: 22. Mai). Es interessiere ihn immer, aus welchem Land sein Gegenüber komme, erklärt der Brite, während er konzentriert sämtlichen Milchschaum aus seinem Latte Macchiato auf eine Untertasse löffelt. Eben erst wurde er von einer Journalistin aus Singapur interviewt, das habe ihn beispielsweise sehr überrascht. Warum? "Ich habe mich bei meinem letzten Besuch in Singapur nicht unbedingt beliebt gemacht", schmunzelt der Brite, der am 25. Mai seinen 75. Geburtstag feiert.

teleschau: Was ist bei Ihrem letzten Besuch in Singapur denn passiert, Mr. McKellen?

Ian McKellen: Ich war zu Gast in einer Morningshow, und der Moderator fragte mich, was ich in Singapur tun möchte. Ich meinte: "Vielleicht können Sie mir ja eine nette Schwulenbar empfehlen." Homosexualität ist dort illegal, müssen Sie wissen. Ich schaute später eine Aufzeichnung der Sendung an: So schnell habe ich noch nie einen Abspann anlaufen sehen.

teleschau: Hatte der Auftritt ein Nachspiel?

McKellen: Ich bin an diesem Abend tatsächlich in eine Schwulenbar gegangen, denn natürlich gibt es auch in Singapur welche. Dort wurde ich überaus herzlich empfangen. Es ist schon interessant, welche Auswirkungen es haben kann, wenn man in einem fremden Umfeld seine Meinung sagt. Ich hatte gar nicht die Absicht, Unruhe zu stiften. Mir wurde eine Frage gestellt, die ich ehrlich beantwortete. Manche Menschen mögen meine Antwort schockierend gefunden haben. Die können sich nun damit auseinandersetzen, ob sie denn tatsächlich so schockierend war.

teleschau: Sie erreichen sehr viele Menschen - kaum ein Schauspieler in Ihrem Alter ist bei Twitter und Facebook so aktiv wie Sie.

McKellen: Ich sagte eben den Leuten von Fox, dass ich mit einem X-Men-Beitrag auf meiner Seite mehr Leute erreiche als sie auf ihrer. Ich habe mittlerweile über zweieinhalb Millionen Facebook-Anhänger.

teleschau: Nutzen Sie die sozialen Medien, weil Sie wollen oder weil Sie müssen?

McKellen: Ich interessiere mich für Öffentlichkeitsarbeit. Ich möchte wissen, warum Menschen sich einen Film ansehen, in ein Theaterstück gehen, ein Buch lesen oder eine bestimmte TV-Sendung schauen. Kann man dieses Verhalten ändern? Kann man die Leute dazu bringen, etwas zu tun, das sie sonst nicht tun würden? Ich bin mir nicht sicher, ob das funktioniert. Für gewöhnlich ist es Mund-zu-Mund-Propaganda, die einen Film oder ein Buch verkauft. Die kann man nicht kontrollieren, aber über soziale Medien aktiv daran teilnehmen. Ich kann direkt mit potenziellen Zuschauern in Kontakt treten. Das erscheint mir sinnvoller und ehrlicher als klassische Pressearbeit.

teleschau: Inwiefern ehrlicher?

McKellen: In den sozialen Netzwerken sage ich etwas und das Publikum hört es. Wenn ich einem Journalisten etwas im Interview erzähle, besteht immer die Gefahr, dass ich falsch zitiert werde, meine Worte aus dem Zusammenhang gerissen werden oder der Journalist sich am Ende entscheidet, gar nichts zu schreiben. Soziale Medien sind ein geeignetes Werkzeug, eine Botschaft ungefiltert in Umlauf zu bringen.

teleschau: Allerdings twittern und posten Sie fast ausschließlich, um Ihre Projekte zu bewerben.

McKellen: Stimmt, als Privatperson halte ich mich aus den sozialen Medien komplett raus. Da bin ich ein Dinosaurier: Ich schreibe noch nicht einmal SMS. Während der neun Monate, die ich zuletzt in New York am Broadway war, klingelte mein Handy nicht einmal. Und ich habe auch niemanden damit angerufen. Ihnen mag das vielleicht seltsam vorkommen, aber ich erinnere mich manchmal gern an die Zeit zurück, in der man noch zum Fernseher laufen musste, um den Kanal zu wechseln. Wenn ich mittlerweile im Haus eines anderen den Fernseher anschalten sollte, wüsste ich nicht, welche Knöpfe ich drücken müsste. Ganz im Gegensatz zur siebenjährigen Enkelin meiner Schwester: Die war gestern bei mir zu Besuch und wusste sofort, wie man meinen Fernseher anbekommt.

teleschau: Wenn Sie so ein "Dinosaurier" sind haben Sie vermutlich auch nie eins der vielen Computerspiele in der Hand gehabt, in denen Ihre Stimme zu hören ist.

McKellen: Sind Sie sicher, dass das wirklich meine Stimme ist?

teleschau: Das wird bei den offiziellen Videospielen zu "Herr der Ringe" und "Lego Der Hobbit" zumindest behauptet.

McKellen: Lego? Es gibt Videospiele mit Lego? Ich erinnere mich dunkel, dass wir Schauspieler anlässlich des ersten "Herr der Ringe"-Films gebeten wurden, ein paar Sätze für ein Computerspiel einzusprechen. Ich wurde zwei-, dreimal in einem Tonstudio vorstellig und sagte den lieben langen Tag mit meiner Gandalf-Stimme Dinge wie "Dort entlang, Legolas!", "Dort entlang, Frodo!" oder "Dort entlang, Hobbits!" Aber damals wurde ich zumindest dafür bezahlt.

teleschau: Und heute?

McKellen: Heute betrachten Filmstudios Dinge wie zusätzliche Synchronaufnahmen als vertraglich abgedeckt - man bekommt dafür sehr wenig oder gar nichts. Und wenn man sich weigert, wird einem klargemacht, dass es jemand anders ganz sicher tun wird.

teleschau: Allerdings wäre es sehr schwer, Sie in einer Reihe wie "Herr der Ringe", "Der Hobbit" oder "X-Men" zu ersetzen. Wie fühlt es sich an, acht Jahre nach "X-Men: Der letzte Widerstand" wieder ein X-Men zu sein?

McKellen: Es ist wie eine Rückkehr nach Hause, ein Treffen mit alten Freunden. Damit meine ich nicht nur Darsteller wie Halle Berry, Anna Paquin, Hugh Jackman und Patrick Stewart, sondern auch Regisseur Bryan Singer und sein Team. Sowas passiert einem Darsteller nicht oft, mir aber nach "Herr der Ringe" schon zum zweiten Mal. Ich habe wirklich Glück.

teleschau: In "X-Men: Zukunft ist Vergangenheit" geht es um Zeitreisen. Gibt es etwas in Ihrem Leben, dass Sie anders machen würden, wenn Sie zeitreisen könnten?

McKellen: Beruflich gar nichts. Meine Karriere verlief ... "nach Plan" wäre das falsche Wort: Ich hatte zwar eine Art Plan, aber ich hatte nicht erwartet, dass der Weg, den ich einschlage, so angenehm und erfüllend sein würde. Von 250 Theaterstücken, in denen ich mitgewirkt habe, gibt es vielleicht zwei, die mir nicht so viel Freude bereitet haben. Ich bin ein sehr glücklicher Schauspieler.

teleschau: Und privat?

McKellen: Da wäre ich mir gern eher bewusst gewesen, dass ich recht attraktiv gewesen bin. Ich weiß nicht, welche Vorteile ich daraus gezogen hätte, vielleicht gar keine. Aber ich war damals noch nicht so aufgeschlossen, wie ich hätte sein können. Alle Dinge, die ich in dieser Hinsicht bereue, hängen aber damit zusammen, dass ich zu einer Zeit meine Homosexualität entdeckte, in der Schwulsein illegal war. Ein sehr schwieriges Kapitel. Aber ich würde mich nie des Glücksgefühls berauben wollen, das mir durch mein Coming Out vergönnt war.

teleschau: Sie sprachen zum ersten Mal 1988 in einer Radiosendung offen über Ihre Homosexualität.

McKellen: Danach konnte ich endlich ehrlich sein und die Gesellschaft anderer genießen, die diesen Schritt auch gewagt hatten. Und mit denen konnte ich mich dann für andere einsetzen, die sich nicht outen konnten. Inzwischen hat man keine rechtlichen Nachteile zu befürchten, wenn man schwul auf die Welt kommt, zumindest nicht in meinem Heimatland. Es war ein weiter Weg, und so hart, grausam und unnötig er auch gewesen sein mag, ich bin froh, dass ich ihn beschritten habe. Obwohl ich von der Gesellschaft zurückgewiesen wurde, habe ich geholfen, sie zu verändern.

teleschau: Seit wenigen Wochen dürfen Homosexuelle in England offiziell heiraten.

McKellen: Wissen Sie, was das für ein Gefühl ist, wenn man im House of Commons die Abstimmung beobachtet und weiß, dass das eigene Leben sich verbessern wird, wenn genügend Stimmen zusammenkommen? Und wie groß die Verzweiflung sein wird, wenn nicht? Es ist wie bei der Oscarverleihung: Man muss einfach daran glauben, dass man gewinnt und danach eine nette Rede halten darf.

teleschau: Apropos nette Rede: Im letzten Jahr waren Sie zu Gast beim Korrespondenten-Dinner des Weißen Hauses - der Veranstaltung, in der der US-Präsident sich traditionell von seiner witzigen Seite zeigt. Wie hat es Ihnen gefallen?

McKellen: Bryan Singer hat mich damals mitgenommen, es war wundervoll: Wir sitzen dort und einige Meter weiter, auf einem kleinen Podium, sitzt der Präsident der Vereinigten Staaten und isst. Ich musste mich bemühen, nicht die ganze Zeit hinzustarren. Und plötzlich fragte Bryan, ob wir ihm nicht Hallo sagen wollen. Ich meinte: "Das können wir doch nicht machen!" - "Natürlich können wir, komm schon." Wir gingen tatsächlich hin und Bryan sagte "Hi!". Obama schaute auf und sagte auch "Hi!". Dann sah er mich an, zeigte auf mich und sagte: "Toller Schauspieler." Ich wäre fast umgekippt. Wie sich herausstellte, mag Obama die X-Men-Filme.

teleschau: Sie bekommen also auch manchmal weiche Knie, wenn Sie Prominente treffen?

McKellen: Wenn man sich für Politik interessiert kann einen ein Treffen mit Barack Obama doch nicht kaltlassen, oder? Ich war auch schon bei seiner Amtseinführung. Und es ist immer etwas Besonderes, Berühmtheiten zu treffen, die man bewundert. So wie die Theaterbesucher zittern, die nach der Vorstellung noch ein Foto mit mir machen wollen, würde ich zittern, wenn ich Brad Pitt gegenüberstehen würde. Oder George Clooney. Ihn würde ich wirklich gern einmal treffen, und ich würde mich wahrscheinlich wie ein kleiner Groupie verhalten.

Quelle: teleschau - der mediendienst