Katharina Schüttler

Katharina Schüttler





Die Wiederentdeckung einer Frau

Sie war eine der klügsten, modernsten deutschen Frauen ihrer Zeit und mit einem späteren Nobelpreisträger verheiratet. Vor genau 100 Jahren nahm sich Clara Immerwahr das Leben. Danach wurde sie von der Geschichte vergessen. Schauspielerin Katharina Schüttler, 34, spielt Clara Immerwahr mit furioser Präzision und macht aus dem ARD-Filmbeitrag zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren ein zwar formal konventionelles, aber in der Erinnerung schwer haften bleibendes Biopic (Mi. 28.05., 20.15 Uhr). Schüttler, gefragter Schauspiel-Star und selbst Mutter einer Tochter, spricht im Interview über die Tragik eines deutschen Frauenlebens, das sich ab Clara Immerwahrs Schwangerschaft in ein tragisches verwandelte.

teleschau: Mit "Clara Immerwahr" erinnert das Erste an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren. Kriegsbilder sieht man darin keine. Inwiefern ist diese Frauengeschichte dennoch typisch für ihre Zeit?

Katharina Schüttler: Clara Immerwahr hat mit 30 Jahren als erste Frau in Deutschland ihren Doktor in Chemie gemacht. Sie war eine hochtalentierte Wissenschaftlerin. Trotzdem kämpfte sie ihr Leben lang gegen heftige Widerstände. Es ging ihr um Bildung und das Recht auf einen selbst bestimmten Lebensweg. Beides war für Frauen jener Zeit nicht vorgesehen. Die Gesellschaft vor 100 Jahren, als der Erste Weltkrieg ausbrach, war eine Gesellschaft, die allein von Männern bestimmt wurde. Das zeigt sich gerade im Frauenleben von Clara Immerwahr - das anfangs so heroisch scheint und doch auf tragische Weise scheitert. Hinzu kommt, dass Immerwahrs Mann, Fritz Haber, zu dieser Zeit Giftgas für das deutsche Militär entwickelte. Ein Verrat an der Idee einer humanen Wissenschaft, für die Clara Immerwahr immer gekämpft hat.

teleschau: Ihr Film beschreibt auch das Scheitern der Liebesbeziehung Immerwahrs zum späteren Chemie-Nobelpreisträger Fritz Haber. Gab es einen Wendepunkt, der diese anfangs so hoffnungsvolle Geschichte zu einer tragischen macht?

Katharina Schüttler: Ja - der Wendepunkt im Leben Clara Immerwahrs war die Schwangerschaft und Geburt ihres Kindes. Sie hatte Fritz Habers Heiratsantrag zehn Jahre vor ihrer Einwilligung ja schon einmal abgelehnt. Wahrscheinlich, weil sie wusste, dass sich ihre Träume mit der Rolle der Ehefrau und Mutter - wie man sie in dieser Zeit sah - nicht vereinbaren ließen. Vom Moment ihrer Schwangerschaft an hat auch Fritz Haber die Karriere seiner Frau verhindert. Zuvor hatte Clara als unbezahlte Laborkraft arbeiten dürfen. Als Schwangere und Mutter bekam sie dann sogar Laborverbot - und das als eine der klügsten Köpfe ihres Landes.

teleschau: Sie sagen, dass Clara Immerwahr ihr Leben lang ohne Bezahlung arbeitete?

Katharina Schüttler: Ja, das war so in jener Zeit. Wissenschaftlerinnen waren unbezahlte Hilfskräfte. Das war auch noch viele Jahre später so. Lise Meitner, die berühmte Kernphysikerin, arbeitete zum Beispiel ebenfalls am Berliner Kaiser-Wilhelm-Institut als unbezahlte Laborassistentin. Anfangs durfte sie das Institut sogar nur durch den Hintereingang betreten.

teleschau: War die Ächtung von Wissenschaftlerinnen damals ein deutsches Phänomen?

Katharina Schüttler: Es gab Länder, die damals mit der Emanzipation erheblich weiter waren als Preußen. Das französische Phyiskerpaar Pierre und Marie Curie lebte zur gleichen Zeit etwa schon eine sehr moderne Beziehung. Sie teilten sich Arbeit, Familie und Erfolge. In Ländern wie England oder Frankreich durften Frauen längst Abitur machen und studieren. Ich nehme an, dass sie danach auch entsprechend für ihre Arbeit entlohnt wurden. In Deutschland war das allerdings nicht der Fall.

teleschau: Es ist irritierend, dem Scheitern eines Lebens durch die Geburt eines Kindes zuzusehen. Vor allem, weil Emanzipation - die Vereinbarkeit von Beruf und Kindern - heute als wichtiges, überaus positiv besetztes Ziel unserer Gesellschaft angesehen wird ...

Katharina Schüttler: Ich glaube, es ist wichtig festzustellen, dass nicht Clara Immerwahr ein Problem damit hatte, Mutter zu werden und ein Kind zu haben. Sie ahnte jedoch, dass die Gesellschaft ihrer Zeit nicht weit genug war, eine Frau wie sie zu akzeptieren. Dabei versuchte sie nur ein Leben zu führen, wie es 60 oder 70 Jahre später bereits völlig normal war.

teleschau: Warum hat es so lange gedauert, bis Clara Immerwahr entdeckt wurde? Bis zu diesem Film scheint sie fast so etwas wie eine vergessene, große Figur der deutschen Geschichte zu sein ...

Katharina Schüttler: Clara Immerwahr stand in der öffentlichen Wahrnehmung - sofern es sie überhaupt für sie gab - immer im Schatten ihres berühmten Mannes. Dass sie sich mit 44 Jahren umbrachte, wurde einer Geisteskrankheit zugeschrieben. Dabei war es vor allem ein verzweifelter Protest gegen die Giftgasforschung ihres Mannes. Ihr Tod zeigte jedoch kaum Wirkung bei ihm. Noch am Tag von Claras Selbstmord reiste Haber zu einem Giftgaseinsatz, bei dem seine Forschungen in der Praxis getestet wurden. Erst in den 90-ern stolperte die Journalistin und Autorin Gerit von Leitner über diese unglaubliche Lebensgeschichte der Clara Immerwahr. Sie war fasziniert davon und schrieb ein Buch. Etliche Jahre später haben Filmproduzenten diesen Stoff entdeckt.

teleschau: Würden Sie sagen, dass Clara Immerwahrs Selbstmord von der Geschichte erfolgreich unter den Tisch gekehrt wurde?

Katharina Schüttler: Ja, erschreckend erfolgreich. Sie war bis vor kurzem - für die wenigen, die ihren Namen überhaupt kannten - die geistig verwirrte Frau eines großen Wissenschaftlers. Natürlich sorgte auch der Kriegsjubel und die Euphorie in Deutschland dafür, dass ihr Tod nicht als das gesehen wurde, was er war. Dafür waren die Menschen im Mai 1915, als sich Clara Immerwahr umbrachte, noch viel zu glücklich über diesen Krieg.

teleschau: Ist Clara Immerwahr mehr an ihrer Zeit oder an ihrem Mann gescheitert?

Katharina Schüttler: Sie ist vor allem daran gescheitert, dass sie ihren großen Traum nicht leben durfte. Diese Erfahrung teilt sie mit vielen klugen Frauen ihrer Zeit. Nur dass Clara mehr Chuzpe hatte, ihre Ziele radikaler zu erreichen versuchte als andere. Natürlich war auch die Liebesgeschichte zu Fritz Haber eine überaus tragische. Anfangs einte die beiden die gemeinsame große Liebe zur Chemie. Fritz Haber war aber wohl ein Mensch, der ein Leben lang besessen um Anerkennung gekämpft hat. Wie Clara entstammte Haber einer jüdischen Familie, kam aus einfachen Verhältnissen und seine Mutter ist bei seiner Geburt gestorben. Der Vater hat ihm das wohl nie verziehen. Habers große Karriere, auch die Kompromisslosigkeit, mit der er sie verfolgte, fußt stark auf diesen Prägungen. Für Clara, die aus einem liberalen, liebevollen Familienzusammenhalt kam, war der Drang zu Forschen deshalb von einer völlig anderen Motivation getrieben.

teleschau: Können Sie aus der Geschichte der Clara Immerwahr etwas für die heutige Zeit mitnehmen?

Katharina Schüttler: Natürlich kann man vieles, was Clara Immerwahr erlebt und getan hat, mit dem Leben heutiger Frauen vergleichen. Wie sieht es mit den Karrierechancen aus, vor allem, wenn man Arbeit und Familie miteinander vereinbaren will? Wie ernsthaft versuchen Männer und Frauen heute, ein tatsächlich emanzipiertes Leben zu führen? Sicher wird man im Vergleich darauf kommen, dass sich seit damals eine Menge verändert hat. Gleichzeitig kann man viele Punkte finden, wo wir bis heute keinesfalls von einer Gleichberechtigung reden können. Das Leben dieser Frau zu spielen hat mir persönlich unheimlich viel gebracht. Vor allem, weil es so viele Facetten unseres Lebens und unserer Geschichte beleuchtet.

Quelle: teleschau - der mediendienst