Willkommen bei Habib

Willkommen bei Habib





Willkommen im deutschen Film

Der sogenannte Louche-Effekt spielt in Michael Baumanns "Willkommen bei Habib" eine große metaphorische Rolle: Löst sich beispielsweise wie im Film ein Eiswürfel in einem Glas Raki auf, bewirken die ölhaltigen Anissamen, dass sich das Getränk eintrübt. Weil Wasser und Öl sich nicht verbinden können und deshalb an deren Grenze das Licht gestreut wird. Ebenso können die Menschen in Baumanns Film nicht wirklich miteinander verschmelzen: Jeder bleibt also ein Stück weit allein mit seinem Schicksal und den Folgen seiner trüben Lebenslügen. Willkommen in einem deutschen Film, dessen zugrunde liegendes Drehbuch (Michael Baumann und Sabine Westermaier) bereits mit dem Thomas-Strittmatter-Drehbuchpreis ausgezeichnet wurde.

Nach "Willkommen bei den Sch'tis" und "Almanya - Willkommen in Deutschland" versucht Michael Baumann offensichtlich mit der dramatischen Komödie "Willkommen bei Habib" auch titelmäßig an große Publikumserfolge anzuknüpfen - und macht erst einmal vieles allzu richtig: Zum Beispiel besetzt er seinen Habib mit Vedat Erincin aus ebenjenem Erfolgsschlager "Alamanya".

Erincin schlägt sich erwartungsgemäß gut als Döner- und Wurstbudenbesitzer, der seine türkischen Wurzeln verdrängt. Auch bei der Verteilung weiterer größerer Rollen geht Baumann kein Wagnis ein: Als Habibs Sohn Neco, der von zwielichtigen Schuldeneintreibern verfolgt wird und mit seinem Vater immer im Clinch liegt, engagierte er "Bis aufs Blut"-Hauptdarsteller Burak Yigit. Auch der füllt die Rolle des Entwurzelten gewohnt souverän und glaubwürdig aus. Dennoch fragt man sich zwischendurch, ob der Pool deutsch-türkischer Darsteller tatsächlich so klein ist ...

Immerhin hat sich Baumann für seine Komödie eine Stadt ausgesucht, die noch nicht so völlig "abgefilmt" ist wie etwa Hamburg oder Berlin: Stuttgart. Allerdings bekommt man in "Willkommen bei Habib" nicht viel zu sehen von dieser beschaulichen Stadt und ihrer großen deutsch-türkischen Gemeinde. Hauptsächlich spielt sich der Film nämlich vor der Tür von Habibs Dönerbude ab, an vier Tagen im Leben der Protagonisten, an denen sehr bedeutungsschwanger die Stuttgarter Müllabfuhr streikt. Überall türmen sich die Abfallberge, aus denen sich Manager Bruno (Thorsten Merten aus "Halbe Treppe") gleich nebenan ein provisorisches Nachtlager aufbaut. Er wurde soeben von seinem langjährigen Kompagnon des Betruges verdächtigt und rausgeschmissen und beschließt solange auf der Verkehrsinsel zu bleiben, bis sein Partner seinen Fehler einsieht.

Außerdem findet sich bei Habib auch der Raki trinkende Rentner Ingo (Klaus Manchen) ein, der aus dem Krankenhaus geflohen ist. Er will sich endlich telefonisch mit seiner Tochter aussprechen, die er vor 40 Jahren als kleines Kind schmählich im Stich gelassen hatte. Ein durchaus anrührender Nebenstrang, der diesen überambitionierten Film jedoch noch ein wenig verwirrender macht.

Sowohl Bruno als auch Ingo, Habib und Neco sind an einem Punkt in ihrem Leben angelangt, an dem sie sich ihren Fehlern stellen müssen, die sie bislang im Leben begangen haben. Alle Vier suchen an unterschiedlichen Zeitpunkten in ihrem Leben nach einer neuen, besseren Identität, in der sie sich heimisch fühlen. Wie es den Ehefrauen, Exfrauen und Töchtern ergeht, wird allerdings höchstens einmal angedeutet. Und im Abspann löst sich dann ein übergroßer Eiswürfel in dem türkischen Nationalgetränk nicht ganz auf.

Quelle: teleschau - der mediendienst