Christoph M. Ohrt

Christoph M. Ohrt





Ein Mann von Welt

Er hat sich ein bisschen rar gemacht in letzter Zeit. Zumindest gemessen an der enormen Bildschirmpräsenz, die er noch vor wenigen Jahren infolge des Serienhits "Edel & Starck" vor allem bei seinem Stammsender SAT.1 hatte. Der aktuelle Zustand habe auch Vorteile, meint Christoph M. Ohrt - schließlich sei niemandem geholfen, wenn ihn die Zuschauer irgendwann über hätten. In der SAT.1-Komödie "Nachbarn süß-sauer" (Dienstag, 20. Mai, 20.15 Uhr) ist der gebürtige Hamburger und Wahl-Berliner, der mit seiner Schauspielkollegin Dana Golombek liiert ist, nun mal wieder in einer TV-Hauptrolle zu sehen: als Familienvater, der sich mit den neuen Nachbarn aus China einen erbitterten Kleinkrieg liefert. Weil Christoph M. Ohrt schon seit Jahrzehnten gute Kontakte in die Vereinigten Staaten pflegt, wo seine Ex-Frau mit den beiden gemeinsamen Kindern lebt, wird man ihn überdies im September in einem US-Drama im Kino sehen. An der Seite großer Stars wie Kyra Sedgwick und Sylvester Stallone ...

teleschau: Herr Ohrt, ab 19. September kann man Sie im Kino bewundern. Sie spielen im US-Film "Reach Me". Wie kam es zu dem Hollywood-Ausflug?

Christoph M. Ohrt: Mit dem Regisseur John Herzfeld bin ich befreundet, seit ich mit ihm vor fast 30 Jahren den Film "Das Rattennest" in Berlin drehte. Als er mich fragte, ob ich in seinem Film "Reach Me" eine Rolle übernehmen möchte, sagte ich wahnsinnig gerne zu. Die Aufgabe war nicht ohne! Es hat großen Spaß gemacht und mich sehr beruhigt zu sehen, dass es klappt.

teleschau: Sie spielen an der Seite großer Stars wie Sylvester Stallone, Kyra Sedgwick und Tom Berenger. Hatten Sie Bammel?

Ohrt: Ich hatte großen Respekt, weil Englisch nicht meine Muttersprache ist. Wenn man großen Respekt hat, muss man die Nerven bewahren und das Beste abliefern, zu dem man fähig ist. Was anderes machen die Hollywood-Stars ja auch nicht.

teleschau: Die USA kennen Sie inzwischen sehr gut. Ihre Ex-Frau lebt mit Ihren gemeinsamen Kindern in Los Angeles. Sie selbst gingen einst mit 19 nach New York.

Ohrt: Das stimmt. Nach zweieinhalb Jahren Schauspielschule in Deutschland ließ ich mich beurlauben, um in Amerika ein Jahr lang etwas anderes zu lernen. Daraus wurden fast drei Jahre, die meinen Horizont erweiterten. Ob ich das heute noch mal machen würde, weiß ich nicht. Aber damals, vor 30 Jahren, ging es noch, da konnte man noch in Manhattan ein Apartment bezahlen, da konnte man für 1.000 Dollar im Monat da leben. Es war eine wunderbare Zeit, sie hat mich sehr geprägt.

teleschau: Inwiefern?

Ohrt: Die alte Geschichte: Jeder, der seine Heimat verlässt, um die große, weite Welt zu entdecken, kommt zurück und kann viel erzählen. Ich lernte eine andere Sprache, in der ich fähig war zu spielen. Ich erlebte eine andere Kultur. Ich lebte in einer der größten Städte der Welt und kam nicht unter die Räder. Ich bekam die Zeiten des Studio 54 (ein berühmter New Yorker Nachtklub, d. Red.) mit - das kann ich heute meinen Kindern erzählen, die schlackern mit den Ohren! Neulich besuchte ich einen alten Freund, den ich in New York kennenlernte - ich war damals 20, er war Anfang 30. Inzwischen lebt er in Arizona und ist Mitte 60. Dann redet man über die alte Zeit - das ist natürlich grandios.

teleschau: Spürten Sie das Fernweh schon immer in sich?

Ohrt: Das glaube ich schon. Ich hatte immer das Gefühl, dass es nicht gesund für mich ist, zu lange an einem Ort stillzustehen.

teleschau: Sie wuchsen in Hamburg auf. Ist die Sehnsucht nach der weiten Welt etwas typisch Hanseatisches?

Ohrt: Könnte angehen. Obwohl meine Eltern gar nicht damit gerechnet haben: Dass es mit 19 gleich New York sein muss, war auch für damalige Verhältnisse extrem. Es gab damals keine Handys und keine Computer. Die ganze Kommunikation mit den Eltern daheim bestand aus einem Telefonat pro Woche. Das war schon aufregend. Ich habe mir aber überhaupt keine Sorgen gemacht - ich war so naiv. Ich dachte, ich laufe da ohnehin in einer Art Filmkulisse herum. Wie es dann tatsächlich aussah, habe ich meinen Eltern aber nicht so genau erzählt. Sonst hätten sie mich gleich nach Hause beordert.

teleschau: Jetzt sieht man Sie in einem SAT.1-Film, der komödiantisch die Angst der Deutschen vor der aufkommenden Wirtschaftsmacht China aufgreift. Ist so eine Angst aus den Augen eines weitgereisten Menschen kleinbürgerlich?

Ohrt: Das weiß ich nicht. Die Welt ist momentan in einem Zustand, den ich sowieso nicht mehr begreife. Ich habe inzwischen große Probleme damit, Nachrichten zu gucken, obwohl ich eigentlich sehr gerne informiert bin. Aber mir ist gegenwärtig vieles ein Rätsel, ich kriege es zum Teil gar nicht in die Birne rein, was da draußen alles los ist. Die Situation, die im Film dargestellt ist, hat natürlich viel mit Vorurteilen zu tun. Und auch mit einer unreflektierten Offenheit, dass man sagt: Die Chinesen bringen halt neue Ideen rein, ist doch nicht so wild. Und dann merkt man, dass das Ganze in eine Richtung geht, mit der man gar nichts anfangen kann.

teleschau: In Deutschland beklagen sich viele Menschen über große Stressbelastungen, aber die Chinesen scheinen uns vorzumachen, dass wir viel zu faul und träge sind, um in globalisierten Zeiten zu bestehen. Ist die heutige Generation zu bequem und zu wenig belastbar?

Ohrt: Das glaube ich nicht. Nehmen wir die junge Generation: Stress hatte ich als Jugendlicher auch. Aber das ist ja überhaupt kein Vergleich zu dem, was heute von Kindern erwartet wird. Ich möchte, dass meine Kinder glücklich und zufrieden und mit Spaß aufwachsen und nicht mit einem Druck im Nacken, weil sie nicht wissen, wo sie mit 25 sind.

teleschau: Dann sind Sie ein eher liberaler Vater?

Ohrt: Meine Ex-Frau ist eher die Strenge, und ich bin der Nachsichtige, der sagt: "Jetzt lass mal gut sein, der schafft das auch so." Sicher, mein Sohn braucht ab und zu ein bisschen mehr Ansage als meine Tochter. Ich bin aber kein Vater, der verlangt, dass seine Kinder ein Einserzeugnis nach Hause bringen. Das kann ich nicht.

teleschau: Glauben Sie, dass viele Eltern Ihre Kinder überfordern?

Ohrt: Man muss sich sehr zurückhalten, finde ich. Wenn man sich die chinesischen Kinder aus dem Film anguckt, die systematisch gedrillt werden, glaube ich nicht, dass die glücklich sind. In Deutschland gibt es diese Tendenzen auch schon: Nach der Schule Klavierunterricht, danach zum Segeln, hinterher noch Taekwondo und abschließend drei Stunden Mathe: Da würde ich aus Sicht eines Kindes sagen: "Mach mal selber, ohne mich!" - Es geht eben nicht nur um Pauken, sondern auch darum, dass man als junger Mensch ganz viel Spaß haben sollte. Wenn der abhanden kommt, haben alle ein Problem.

teleschau: Nur mit Spaß geht es natürlich auch nicht.

Ohrt: Nein. Aber ich sehe die große Gefahr, dass man die Kinder und Jugendlichen an einem Gleichmaß ausrichtet, anstatt sie individuell zu beurteilen, was natürlich viel aufwendiger ist. Die Kinder gehen eh alle ihren eigenen Weg. Es sei denn, sie sind in eine Staatsmaschinerie eingebunden, aus der sie gar nicht mehr rauskommen. Das ist für mich die schlimmste Vorstellung überhaupt.

teleschau: Wo sehen Sie das Hauptproblem?

Ohrt: Ich denke vor allem an den Unterricht. Vor ein paar Jahren hieß es, wir brauchen kein 13. Schuljahr, wir knallen den ganzen Unterrichtsstoff in zwölf Jahre rein. Völlig absurd! Jetzt hecheln wir alle der Pisa-Studie hinterher, damit wir dort besser abschneiden. Dabei ist Deutschland eine der größten Volkswirtschaften der Welt. Es kann in diesem Land also nicht alles falsch laufen.

teleschau: Ihre Kinder gehen in Kalifornien zur Schule. Was halten Sie vom amerikanischen Schulsystem?

Ohrt: Es wird sich sehr intensiv um die Kinder gekümmert - da war ich erstaunt! Außerdem hat man die Möglichkeit, eine passende Schule fürs Kind zu finden. Meine Tochter ist 15, sie war zuletzt auf einem Gymnasium, wo sie ein unglaubliches Programm absolvieren musste, auch am Wochenende und in den Ferien. Sie hatte nicht mal Zeit, sich mit ihren Freundinnen zu treffen. Das hat sie beendet. Jetzt ist sie auf eine Schule gewechselt, die im Sportlichen und im Künstlerischen die Schwerpunkte setzt und in den anderen Bereichen nur ein Grundwissen vermittelt.

teleschau: Verbringen Sie viel Zeit in den Staaten?

Ohrt: Wenn ich in Deutschland nicht drehe, bin ich so oft wie möglich drüben, um meine Kinder aufwachsen zu sehen. Das ist ein unglaublicher Luxus, den ich mir leisten kann, und das funktioniert bisher sehr gut.

teleschau: Das muss ein ständiger Kulturschock sein - zwischen Berlin und L.A. ...

Ohrt: Los Angeles ist eine wahnsinnig schwierige Stadt. Es ist riesig, man kommt überall nur mit dem Auto hin. Es gibt keine öffentlichen Verkehrsmittel, die die Kinder benutzen können. Wenn meine Sohn und meine Tochter ein paar Wochen nach Berlin kommen, wo sie auch aufwuchsen, leben sie eine ganz andere Eigenverantwortung aus, als es ihnen in Los Angeles möglich ist. Dort kann man ihnen nicht den Hausschlüssel in die Hand drücken und sagen: "Wir sehen uns heute Abend!" Wir fahren sie zu den Freunden, wir fahren sie ins Kino ... einfach überall hin! Das macht einen natürlich wahnsinnig. Für die Kinder ist es allerdings gut, dass sie beide Kulturen kennenlernen.

teleschau: Sie hatten das Glück, neben der deutschen auch die amerikanische Fernsehkultur kennenzulernen. Anfang der 90-er spielten Sie in den US-Serien "The Fifth Corner" und "Highlander". Was haben die Amerikaner den Deutschen voraus außer mehr Budget?

Ohrt: Das hat mit Geld nichts zu tun. Die ARD verfügt über acht Milliarden Euro - so viel hat kein anderer Sender auf der ganzen Welt. Nur das kommt nicht bei uns Kreativen an - das geht in andere Richtungen. Dabei haben wir das Talent, wir haben die Schreiber, wir haben die Regisseure, wir haben vor allem auch die Schauspieler. Es hat andere Gründe, dass das Fernsehen bei uns 20 Jahre hinterherhinkt.

teleschau: Dann sagen Sie mal, welche sind das?

Ohrt. Es fehlt oft an Mut. Wenn immer nur versucht wird, den größten gemeinsamen Nenner zu finden, geht die Kreativität flöten, die Leute werden eingeschüchtert, es gibt keine künstlerischen Freiheiten mehr. Heute ist es häufig so, dass man nicht mehr wie früher den Kreativen am Set die Arbeit überlässt, sondern dass anderswo Entscheidungen getroffen werden. Ich habe auch das Gefühl, dass man den Zuschauern viel mehr zumuten könnte, als man sich bei den Sendern traut. Unmutig zu sein, ist bei der Kunst der Tod.

teleschau: Haben Sie mit Ihrer Kritik vor allem das gebührenfinanzierte Fernsehen im Auge?

Ohrt: Das geht reihum. Alle wollen Geld machen, alle wollen Quote, alle wollen immer alles. Es ist aber nicht immer alles unter einen Hut zu bekommen. Und dann schaut man ins Ausland und schwärmt, was die Dänen oder die Briten oder die Franzosen auf die Beine stellen. Wir können das auch! Es sagt aber keiner: Macht mal! Da liegt der Hase im Pfeffer.

teleschau: Die SAT.1-Serie "Edel & Starck", in der Sie zwischen 2002 und 2005 zu sehen waren, war unter diesen Voraussetzungen dann schon ein großer Glücksfall, oder?

Ohrt: Ja, natürlich. Es waren hochtalentierte Leute dabei, und sicher war auch Glück im Spiel. Wir haben aber nach vier Jahren gemerkt, dass wir aufhören müssen, wenn wir das hohe Qualitätslevel nicht verwässern wollen. Kreative Arbeit auf einem hohen Niveau nutzt sich irgendwann ab. Das sieht man sogar bei "Breaking Bad".

teleschau: Wie man liest, entwickelt das ZDF gerade ein deutsches "Breaking Bad" mit Bastian Pastewka in der Hauptrolle ...

Ohrt: Wenn ich die Formulierung "das deutsche 'Breaking Bad'" höre, kommt mir schon wieder die Galle hoch! Sollen sie doch lieber den "Schinderhannes" machen. Ich kapiere das nicht: Wir müssen doch nicht die Amis nachmachen, sondern unsere eigenen Geschichten erzählen. Die liegen ja buchstäblich auf der Straße: Man kann durch Berlin gehen und direkt anfangen zu schreiben!

Quelle: teleschau - der mediendienst