Kathedralen der Kultur

Kathedralen der Kultur





Ein Haus findet Worte

Die Berliner Philharmonie, ein Gefängnis, eine russische Bibliothek, eine Oper im Problembezirk, ein Forschungsinstitut und das Centre Pompidou in Paris - diese Gebäude haben schon viel erlebt. Leute kommen und gehen zuhauf, im Gefängnis bleiben sie sogar. Sechs Regisseure, darunter Wim Wenders und Robert Redford, lassen die Gebäude in der Episoden-Doku "Kathedralen der Kultur" buchstäblich selbst erzählen und liefern beeindruckende Bilder, die sowohl in 2D als auch in 3D wirken.

Wim Wenders gibt der Berliner Philharmonie eine freundliche, mütterliche Stimme, um aus ihrem 50-jährigen Leben zu berichten. Die Kamera genießt die Aussicht vom Dach, zeigt den Unterschied zwischen Drinnen und Draußen, nicht nur optisch, sondern beinahe charakterlich. Natürlich geht es um die einst geteilte Stadt, in der die Philharmonie gebaut wurde, aber auch um die Menschen, die mit verbunden sind - allen voran der Architekt Hans Scharoun oder den Dirigenten Herbert von Karajan, der maßgeblichen Anteil hatte. Die Herangehensweise, die Häuser zu personifizieren, klappt in Wenders' Beitrag am besten. Geschichte wird lebendig, allerdings menschelt er sehr, was manch' Kulturinteressierter vielleicht als zu naiv empfinden könnte. Anderen, die sich sonst eher gelangweilt fühlen würden, dürfte es dafür umso mehr Vergnügen bereiten.

Auch ein Gefängnis ist ein spannender Ort für eine Dokumentation, die in diesem Fall Michael Madsen gedreht hat. Dabei handelt es sich nicht um den amerikanischen "Kill Bill"-Schauspieler, sondern um einen Konzeptkünstler aus Kopenhagen, der im Freiflug den Knastalltag filmt. Das Halden Gefängnis in Norwegen beherbergt gefährliche Kriminelle, gilt aber als das humanste der Welt. Und tatsächlich lassen die Bilder des Dänen manchmal ein Paradies vermuten, gut abgeschirmt hinter einer Mauer. Auch hier stellt sich das erzählende Haus manchmal dumm, mutmaßt, dass es draußen andere Regeln gibt als in ihm. Madsen erzählt inhaltlich die spannendste Geschichte.

Robert Redford, inzwischen 77 Jahre alt, widmet sich hingegen der Forschung, dem kalifornischen Salk Institut. Zur Musik von Moby geht es nicht nur um Form und Gestalt, sondern auch um die Wechselwirkung mit den Wissenschaftlern, die dort arbeiten. Das monumentale Architektur-Meisterwerk wird "Hommage an den rechten Winkel" genannt, wobei es auch spitze gibt. Störend wirkt die durchlaufende Originalstimme. Was auch das Problem von Michael Glawoggers Episode über die russische Nationalbibliothek in Sankt Petersburg ist, die vergleichsweise wie eine "normale" Dokumentation wirkt und obendrein meditativ, wie Büchereien nun einmal sind.

Auch die beiden anderen Episoden tragen keine ganz so starke Handschrift ihrer Macher. Margreth Olin aus Norwegen widmet sich dem Osloer Opernhaus in hübsch fließenden Bildern. Sehr passend, denn das Gebäude wurde 2008 mitten in den problembelasteten Hafen der Stadt gestellt. Den Abschluss bildet der Beitrag des Deutsch-Brasilianers Karim Ainouz, der das Pariser Centre Pompidou filmte, da er als 17-Jähriger nach Paris zog und einen persönlichen Bezug zu diesem Mammut-Kulturzentrum besitzt. Optisch sind alle Beiträge ansprechend, manche sind unterhaltsamer als andere, was bei einer Laufzeit von fast 160 Minuten den meisten Zuschauern entgegenkommen dürfte.

Quelle: teleschau - der mediendienst