"Die Deutschen sind geradlinig"

"Die Deutschen sind geradlinig"





Der Österreicher Georg Friedrich beeindruckt im Kino und am Theater gleichermaßen

Schauspieler Georg Friedrich überzeugt seit Jahren als einer der wichtigsten Schauspieler Österreichs. Der Durchbruch gelang dem heute 47-jährigen Wiener bei der Berlinale 2004, bei der er als österreichischer Shooting Star des europäischen Films ausgezeichnet wurde. Mit "Stereo" (Start: 15.05.) von Maximilian Erlenwein und "Über-Ich und Du" (Start: 08.05.) von Benjamin Heisenberg kommen im Mai gleich zwei seiner Filme in die deutschen Kinos. In beiden spielt er Ganoven - eine seiner Paraderollen.

teleschau: In "Über-Ich und Du" gibt es eine grausame Szene, in der Sie bis zum Hals in ein Loch eingegraben sind. Wie fühlt sich das an?

Friedrich: Es war nicht wirklich ein Loch. Unten war ein Hohlraum, über dem ein ausgeschnittenes Brett lag. Ich konnte mich trotzdem stundenlang nicht rühren, aber das ist etwas anderes, als in einem Loch festzusitzen. Schlimm war das Wasser, dieser Regen im Film. Der plätscherte auf die Erde, wühlt sie auf, und du atmest das ein. Das versetzt dich in Panik. Du kannst nicht mehr atmen. Das konnten wir maximal eine Minute lang machen und mussten dann wieder anfangen.

teleschau: In Ihrer Schauspieler-Vita finden sich reichlich Rollen als Prolet, Gauner oder Strolch. Dringt die Paraderolle bis ins Privatleben vor?

Friedrich: In Wien werde ich schon auf der Straße erkannt und angesprochen. Allerdings von netten, meist jungen Leuten. Da merke ich, dass meine Arbeit und ich gemocht werden. Mir passiert häufig, dass mich Leute ansehen, denken mich zu kennen, aber nicht wissen, woher. Die wissen nicht, wo sie mich hinstecken sollen. Die denken nach, ob sie mich auf einer Party getroffen haben oder über Freunde kennen. Sie begrüßen mich dann ganz freundlich, wie einen Saufkumpel. Die meisten Leute haben ein gutes Gefühl, was wann okay ist. Einer von 20 hat das nicht, da muss ich mich dann auf die Toilette verabschieden, gehen und nicht wieder kommen.

teleschau: Was prädestiniert Sie für die Ganoven-Rolle?

Friedrich: Das muss man wohl die Produzenten fragen. Ich werde auch immer wieder gegen-besetzt. "Über uns das All" ist ein Beispiel, da spiele ich einen Universitätsprofessor, das funktioniert. Ich werde besetzt, weil ich gute Arbeit mache. Ich spiele alles gern. Auch den Klein-Ganoven immer wieder.

teleschau: Welche Rollen fordern Sie besonders heraus?

Friedrich. Ich mag Komödien sehr, bin aber sicher nicht der Erste, an den man bei der Besetzung denkt. Ich freue mich dann extrem. Du kannst dich in einer Komödie mehr gehen lassen.

teleschau: Die Komödie gilt als das schwerste Genre. Wie gehen Sie da ran?

Friedrich: Es gibt verschiedene Komödien. Beim Slapstick ist die Aufgabe eine andere, als bei Heisenbergs "Über-Ich und Du". Das war eher klassische Arbeit. Seine Komödie entsteht eher im Schnitt oder durch die Musik.

teleschau: Liegt Ihnen ein solcher stiller Humor näher als laute Schenkelklopfer?

Friedrich: Es gibt auch gute Schenkelklopfer. Was gut ist, ist gut. Es gibt gute und schlechte Schenkelklopfer - genau wie es gutes und schlechtes Wetter gibt.

teleschau: Um beim Gut oder Schlecht zu bleiben: Merken sie schon beim Dreh, ob ein Film gelingt?

Friedrich: Erst bei der Premiere. Ich hatte großes Vertrauen zu Benjamin. Beim Dreh, aber auch zu dem, was im Schnitt passiert. Vertrauen ist mein Haupt-Parameter, auch bei Leuten, die ich nicht kenne, zum Beispiel bei Erstlingsfilmen. Ich schaue schon, wie das Buch ist, bin aber ein ganz schlechter Filmkritiker. Ich kann mir die Bilder des Regisseurs nicht so recht vorstellen. Ob mir ein Buch gefällt oder nicht, ist für mich nicht so sehr ausschlaggebend. Viel mehr, was ich dem Regisseur zutraue oder ob er schon gute Filme gemacht hat, wie bei Heisenberg und seinem "Der Räuber".

teleschau: Sie arbeiten immer wieder mit den gleichen Regisseuren zusammen. Womit wir wieder bei dem schon angesprochenen Vertrauen sind. Wie wichtig ist das für Ihre Arbeit?

Friedrich: Extrem wichtig, schenkt mir jemand Vertrauen und gibt mir Sicherheit, kann ich mich öffnen. Ich probiere Dinge aus, die vielleicht auch mal nicht gut werden, aber die muss man nicht nehmen. Dann machen wir es beim nächsten Take anders. Bei einem unsicheren Regisseur, der nicht genau weiß, was er will, traut man sich nix.

teleschau: Was passiert, wenn der Plan nicht aufgeht? Das erste Treffen war gut, das Buch und die Vorgängerfilme auch, aber am Set passt es nicht ...

Friedrich: Das kommt vor und ist mir schon passiert. Dieses erste Vertrauen blieb erhalten, dass wir aber am Set keine gemeinsame Sprache gefunden haben, war ein anderes Paar Schuhe.

teleschau: Auch die Chemie zu den Kollegen ist wichtig. Wie war das bei André Wilms und Ihnen in "Über-Ich und Du"?

Friedrich: Wir kannten uns schon vorher, und ich wusste, was er für tolle Filme gemacht hat. Er hat ein tolles Gesicht, dem man gerne zusieht. Er hatte es schwerer, weil er in einer Sprache arbeiten musste, die nicht die seine ist.

teleschau: Gutes Stichwort, Sie sprechen Dialekt ...

Friedrich: Es geht bei mir nicht ohne. Das hat sich in den letzten zehn Jahren verbessert, aber es ist kein Hochdeutsch. Früher konnte ich ohne Dialekt nicht spielen, konnte nicht technisch sein. Das hat sich erst ergeben, als ich in Deutschland am Theater arbeiten sollte. Da musste ich mich verständlich machen und habe in der Zeit im Hochdeutschen für mich eine Identität gefunden.

teleschau: Dort haben Sie den Regisseur und Intendanten Frank Castorf kennen gelernt. Wie wichtig war es für Ihre Karriere, diese neue Tür zu öffnen?

Friedrich: Castorf ist ein so schlauer Mensch. Ich höre ihm immer zu, wenn er Publikumsgespräche führt. Da öffnet sich ein neuer Kosmos, und man begreift, was da alles dahintersteckt und drunterliegt. Da ist nichts dem Zufall überlassen. Er hat ein so unglaubliches Wissen, wie Theater funktioniert, wie Komik funktioniert und wie Drama funktioniert. Ich konnte bei ihm unheimlich viel lernen. Wenn ich Zeit habe, würde ich immer mit ihm arbeiten wollen. Ich entwickle mich bei ihm, statt zu stagnieren.

teleschau: Gab es einen Initialmoment bei Ihrer Zusammenarbeit?

Friedrich: Als ich Ulrich Seidls "Vater unser" an der Volksbühne spielte, hat mich Frank gefragt, ob ich mit ihm arbeiten will. Wir haben uns in Wien in einem Kaffeehaus getroffen, dort fragte er, was ich als Schauspieler brauche. Ich habe ihm gesagt, dass ich Vertrauen und Sicherheit brauche. Mich kann man nicht brechen, nicht anschreien und verunsichern und dann erwarten, dass es fruchtet. Bis heute hat mich der Frank nicht angeschrien. Anderen Superstars an der Volksbühne hat er Fett gegeben. Das kann der auch. Wenn der einen schlechten Tag hat, schreit der auch rum. Mittlerweile könnte er das mit mir auch machen, weil ich ihn so lange kenne und weiß, wo ich das hintun kann. Ich weiß, dass es andere Gründe hat und nichts mit mir zu tun hat, wenn er jetzt schreit. Er macht das und hat es am nächsten Tag vergessen. Ein Schauspieler aber, der nicht weiß, wohin damit, schleppt das wochenlang mit sich mit. Seit ich ihm das beim ersten Mal gesagt habe, hat er es eingehalten.

teleschau: Berliner und Wiener pflegen eine besondere Beziehung. Woher kommt das?

Friedrich: Das gab es immer schon. In Wien mögen sie die Berliner auch extrem. Obwohl dort die Vorurteile gegenüber Deutschen sehr groß sind. Es sind immer Künstler zwischen Berlin und Wien gependelt. Das gibt es mit keiner anderen deutschen Stadt, nicht mit Hamburg, nicht zu Köln und nicht zu München.

teleschau: Woran merken Sie das?

Friedrich: Ich merke, dass ich gemocht werde und mein Dialekt gemocht wird. Das bekomme ich jeden Tag gezeigt. Der Berliner hat einen tollen Humor, generell mag ich den deutschen Humor sehr. Der ist schon anders, als der Wiener Schmäh. Der ist eigentlich eine Urban Legend, da legt es niemand groß drauf an.

teleschau: Was schätzen Sie an den Deutschen?

Friedrich: Die sagen dem anderen, was ihnen nicht gefällt und was er falsch gemacht hat. In Wien sagt dir das niemand, das wird hinter deinem Rücken besprochen, aber ins Gesicht, sagt dir das kaum jemand.

teleschau: Die Deutschen beneiden ihre österreichischen Nachbarn um deren gepflegte Filmkultur. Sie arbeiten in beiden Ländern. Was haben die Österreicher den Deutschen voraus?

Friedrich: In Deutschland passiert mindestens genau so viel. Da sind extrem viele tolle Leute, die tolle Filme gemacht haben. Bei uns passiert nichts im Genre. Da sind uns die Deutschen voraus, die Grenzen aufbrechen und klassische Genre-Filme machen, wie zum Beispiel Maximilian Erlenwein mit "Stereo". Da orientieren sie sich wirklich an den Amerikanern. Max kennt alle wichtigen Filme.

Quelle: teleschau - der mediendienst