Richy Müller

Richy Müller





Anti-Globalisierungs-Gangster

Dass ein Schauspieler seine Rolle zum Künstlernamen erhebt, klingt eher nach Trash. Hans-Jürgen Müller, 1955 in Mannheim geboren, änderte seinen zugegeben nicht allzu einprägsamen Taufnamen Ende der 70-er in "Richy" Müller - nachdem er über den viel beachteten TV-Dreiteiler "Die große Flatter " eben durch die Rolle des "Richy" bekannt geworden war. Es folgte eine Karriere als Qualitätsschauspieler in vielen bemerkenswert guten Kinofilmen ("Der Mann auf der Mauer", "Die innere Sicherheit"), ehe der heute 58-Jährige 2008 beim Stuttgarter "Tatort" anheuerte. Seinem Kommissar Thorsten Lannert gibt er seitdem jenen schwer zu definierenden, coolen Richy-Müller-Touch, der sich aus melancholischer Männlichkeit und einem perfektem, leisen Timing speist. Im ARD-Drama "Ein todsicherer Plan" spielt Müller nun mal wieder eine Hauptrolle abseits des "Tatorts". Einen Familienvater, der in stiller Verzweiflung jene Bank überfällt, die ihn um seine Existenz brachte (Mi. 14.05., ARD, 20.15 Uhr).

teleschau: Herr Müller, in deutschen Filmen sind Bankräuber entweder böse oder so dämlich, dass sie klar als Komödienfiguren zu erkennen sind. "Ein todsicherer Plan" ist da anders ...

Richy Müller: Klar, hier geht es um einen einfachen, überforderten Menschen, der keinen anderen Ausweg sieht als die Bank, die ihn um seine Existenz gebracht hat, zu überfallen. Weil es für ihn die einzige Möglichkeit ist, sich und seine Familie zu retten. Das ist verständlich, aber selbstredend nicht zu tolerieren. Interessant fand ich an der Rolle, dass ich einen Täter spiele, der absolut keine kriminelle Energie in sich trägt. Die Ambivalenz, dass einer, der eigentlich ein ganz braver, aufrechter Mann ist, trotzdem eine Bank überfällt und zum Geiselnehmer wird, galt es zu zeigen.

teleschau: Wäre da nicht die Tat, könnte man den Geiselnehmer als den einzigen, klassisch guten Menschen in diesem Plot bezeichnen. Dagegen sind Geiseln, Medien, Polizeiapparat eindeutig fieser. Ist es ein Film über das Schlechte im Menschen?

Müller: Es ist ein Film über Dinge, die das Schlechte im Menschen hervorbringen: überzogener Ehrgeiz, blinder Gehorsam gegenüber Autoritäten, die Unmenschlichkeit des globalisierten Wirtschaftens - solche Dinge. Ich weiß nicht, ob die Menschen im Film böse sind oder ob sie einfach nur ihrem Überlebenstrieb folgen. Nehmen Sie nur die Geiseln, die sich gegenseitig versuchen auszustechen. Sind das schlechte Menschen? Ich finde das ähnlich schwer zu beantworten wie die Frage, ob man im Dritten Reich Juden versteckt hätte. Die Konsequenzen mancher Arten von Mut sind so krass, dass sie direkt unseren Überlebenstrieb ansprechen. Ich glaube Leuten nicht, die behaupten zu wissen, wie sie sich unter Lebensgefahr in moralischen Fragen verhalten würden.

teleschau: Im Film werden die Banken stark kritisiert. Fast schon didaktisch erläutert ein Dialog, wie man einen Kunden ausbluten lassen kann, dessen Darlehen von der Bank seines Vertrauens einfach weiterverkauft wurde. Hat Ihnen dieser böse Handlungsstrang gefallen?

Müller: Ich habe zumindest meine Erfahrungen gemacht - wenn auch bei weitem nicht so dramatisch. Ich war 21 Jahre bei einer Bank, die dann mit einer anderen fusionierte. Als Schauspieler - selbst wenn es ganz ordentlich läuft wie bei mir - verfügt man über kein regelmäßiges Einkommen. Mal kommt recht viel auf das Konto, dann wieder längere Zeit nichts. Nach einer automatisierten Umstellung der Konten hat der Computer entschieden, dass ich keinerlei Dispokredit mehr bekomme. Den kriegt man nur, wenn man ein monatliches Einkommen vorweisen kann. Natürlich ist das, was mir da passierte, eine Kleinigkeit. Sie zeigt jedoch, dass 21-Jahre-Kunde-sein nichts zählt gegenüber den automatisierten Gesetzen der Fusion. Beim globalisierten Wirtschaften fehlen einfach Ansprechpartner aus Fleisch und Blut. Menschen, die aus der Kenntnis anderer Menschen heraus, menschliche Entscheidungen treffen.

teleschau: Ihr Film spielt in der dörflichen Provinz. Da kennt der Polizist den Bankräuber und umgekehrt. Weil das LKA von außen kommt, weil die Bank gekauft wurde, kommt das Schlechte in die Welt. Wäre ohne Globalisierung alles besser?

Müller: So einfach ist es natürlich nicht. Was ist denn Globalisierung? Weil etwas in China gebaut wird, ist es so billig, dass wir es uns leisten können oder wollen. Der Nachteil ist nur: Es wird dann eben in China gebaut, nicht bei uns. Es gibt dieses überschaubare Geben und Nehmen nicht mehr. Alles wird unübersichtlich, zerrieben in komplexen Prozessen. In der Natur gibt es beispielsweise keine Globalisierung. Es gibt sie nur durch den Menschen. Wenn er etwa mit seinen Schiffen Ungeziefer aus Asien einführt, das dafür sorgt, dass der hiesige Marienkäfer ausstirbt.

teleschau: Die Natur zeigt uns also, dass Globalisierung widernatürlich ist ...

Müller: So ist es. In der Natur wird auch nicht aus Habgier getötet. Man macht es nur, um den Hunger zu stillen. Oder man hortet so viel, wie es braucht, dass man mit diesem Vorrat überleben kann - den Winter zum Beispiel. Kein Tier würde solch absurd viele Besitztümer oder Vorräte horten, wie wir es tun.

teleschau: Sie würden sich als Globalisierungsgegner bezeichnen?

Müller: Nicht in dem Sinne, dass ich ein Aktivist wäre. Gegen das Raffen und die Gier habe ich aber schon etwas. Das ist ein sehr unangenehmer Zug an uns Menschen. Es fehlt uns heute in vielen Dingen die Verhältnismäßigkeit.

teleschau: Ist es heute schwieriger, ein guter Mensch zu sein als früher?

Müller: Die Verlockungen sind sehr groß heute. Der Fall Uli Hoeneß ist das beste Beispiel. Ich nehme dem ab, dass er wirklich ein guter Mensch sein will. Dazu ist er ein Mann, der die Begabung hat, aus Nichts etwas Großes zu machen. Was aber auch zu seinem Verderben beitrug ...

teleschau: Welche Versuchungen gibt es außer Schweizer Bankkonten? Ist es für normale Leute auch schwerer geworden, ein guter Mensch zu sein?

Müller: Die Verlockung für uns normale Leute besteht darin, dass wir zu allem Zugang haben und überall mitmischen wollen. Durch das Internet können wir uns alles Wissen auf Knopfdruck herholen - auch wenn es manchmal nur Pseudowissen ist. Ob das, was bei Wikipedia steht, richtig oder falsch ist, ist eine Sache. Ich vermisse aber auch, dass man heute nicht mehr naiv sein darf - in keiner Angelegenheit. Wer heute etwas nicht weiß, ist selbst schuld, heißt es. Man hätte doch alles herausfinden können. Dieses Diktat der Informationsgesellschaft erschwert uns die Orientierung. Es macht unsere Entscheidungen unglaublich komplex. Damit wird es auch schwieriger, sich für das Richtige zu entscheiden.

teleschau: Neben der Möglichkeit, sich in der Öffentlichkeit für oder gegen etwas zu engagieren, kann man das Verhalten im privaten Bereich seinen Wertvorstellungen anpassen. Auf welche Weise tun Sie das?

Müller: Ich versuche, bescheiden zu leben. Auch in dem Sinne, dass ich nicht zu viel arbeite. Stattdessen versuche ich zu leben und den Beruf zu nutzen, um mein Leben zu bereichern. Ich nehme mir vor, nicht nur für die Arbeit zu leben. Mein Lebensziel besteht darin, mit den Menschen, die ich treffe, liebevoll und respektvoll umzugehen. Ich empfinde das als ein viel höheres Ziel, als beispielsweise möglichst viele Filme zu drehen oder damit maximal viel Geld zu verdienen. Natürlich weiß ich, dass ich privilegiert lebe und dass es leichter ist, so zu reden, wenn man nicht um die eigene Existenz kämpft.

teleschau: Wie viel arbeiten Sie - außerhalb des Stuttgarter "Tatorts"?

Müller: Das kommt auf die Angebote an. Eigentlich wie vor der "Tatort"-Zeit. Ich bekomme Drehbücher und entscheide mich dafür oder dagegen. Egal wie umfangreich eine Rolle ist. Heute nur mit dem Luxus, dass ich zweimal "Tatort" im Jahr drehe und dadurch wirklich zu hundert Prozent wählerisch sein kann.

teleschau: Haben Sie eine Theorie, warum der "Tatort" derzeit so märchenhaft gute Quoten holt?

Müller: Wenn ich das wüsste! Momentan ist der Tatort in einem Höhenflug, der viele auf diesen Zug aufspringen lässt. Es bleibt abzuwarten, wie lange das so geht. Was ich weiß ist, dass man sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen darf.

Quelle: teleschau - der mediendienst