Roland Kaiser

Roland Kaiser





Auf der Straße des Risikos

"Das Leben hat mich zu dem gemacht, der ich bin, erfunden sind höchstens die Begegnungen, von denen ich singe." - Was schon ein bisschen nach Pathos klingt, ist nur ehrlich. Denn, nein, auch stolze 40 Jahre nach seinen bescheidenen Karriereanfängen ist aus dem Schlagerstar Roland Kaiser weder ein Lautsprecher noch ein Schaumschläger geworden. Im Interview nimmt er davon Abstand, mit markigen Worten Rückschau auf etwaige Lebensleistungen zu halten. "Das Leben ist vorne und nicht hinten", sagt der 62-jährige Hobbyflieger, der nach schwerer Krankheit und Lungentransplantation längst wieder voll auf dem Damm ist und mit seiner dritten Ehefrau und den beiden gemeinsamen Kindern in der westfälischen Universitätsstadt Münster ein Leben führt, das sich weitgehend abseits des Promirummels abspielt. Nun, zum Jubiläum, ist sein Terminkalender allerdings wieder voll mit Auftritten auf der Bühne und im Fernsehen. "Seelenbahnen", Kaisers neues Album, erscheint am 30. Mai - einen Vorgeschmack auf die Songs gibt er bereits beim großen Jubiläumskonzert am Samstag, 3. Mai, in der Berliner O2 World.

teleschau: Was für ein Jubiläum: Vor 40 Jahren begann Ihre Schlagerkarriere - worauf sind Sie stolz?

Roland Kaiser: Auf meine drei Kinder!

teleschau: Sie denken spontan an Ihre Familie - nicht an den Beruf?

Kaiser: Ja. Weil die Familie das ist, was mir am wichtigsten ist im Leben. Wir reden ja über eine Lebensleistung von vier Jahrzehnten - da kann ich nicht mit diesem oder jenem Hit oder einem besonderen Konzertabend antworten. Ich will das nicht klein reden, aber die Relation sollte klar sein, wenn es um die Frage geht, was für mich zählt. Am Ende meines Lebens will ich stolz darauf sein können, dass aus meinen Kindern etwas Vernünftiges geworden ist.

teleschau: Dann bitte ebenso spontan: Was bereuen Sie?

Kaiser: Nichts. Es würde mir sowieso nicht helfen - ich bin da, wo mich mein Leben hingeführt hat.

teleschau: Aber Sie bereuen sicher, dass Sie früher starker Raucher waren?

Kaiser: Oh ja, natürlich. Aus heutiger Sicht frage ich mich: Wie konntest du nur? Was hat dir dieser Blödsinn gebracht? Aber wahrscheinlich hat es die schwere Krankheit gebraucht, um zu dieser Erkenntnis zu kommen.

teleschau: Wie geht es Ihnen heute?

Kaiser: Wirklich sehr, sehr gut. Ich tue etwas für meine Fitness, achte auf die Ernährung. Es ist alles bestens. Jetzt freue ich mich auf das Jubiläumskonzert am 3. Mai in der Berliner O2 World.

teleschau: Können Sie sich noch an Ihren ersten Auftritt erinnern?

Kaiser: Kann ich. Das war bei einer Radiosendung in Berlin - an einem Vormittag, live aus der letzten Etage des Europacenters in Berlin. Es war grauenhaft! Ich stand auf einer Art Bühne vor einer Handvoll älterer Menschen und sang mit viel zu lauter Stimme über das Vollplayback drüber. Es war sehr merkwürdig. Überhaupt waren meine ersten Jahre geprägt von sehr viel Unsicherheit, auch Selbstzweifeln.

teleschau: Inwiefern zweifelten Sie?

Kaiser: Ob der Weg der richtige ist. Ich konnte von der Singerei ja zunächst nicht leben und von einem richtig gut dotierten Schallplattenvertrag erst mal nur träumen. Also musste ich neben dem Singen fleißig arbeiten, um Geld zu verdienen.

teleschau: Sie hatten mit Anfang 20 eine kaufmännische Ausbildung absolviert und leiteten bereits die Werbeabteilung eines Autohauses.

Kaiser: Ja, ich war auf einem guten Weg ... Ich glaube, ich wäre auch in der Autobranche erfolgreich gewesen. Hätte ich so weitergemacht, wäre ich heute womöglich ein Marketingmanager bei einer Automarke oder so etwas in der Art.

teleschau: Wieso starteten Sie eine Schlagerkarriere?

Kaiser: Ach, das war nur das Ergebnis einer Flachserei unter Freunden.

teleschau: Wie bitte?

Kaiser: Ja. Das Singen war seit jeher mein Hobby, und dann kannte ich eben jemanden, der jemanden kannte, und dessen Bruder wiederum war in der Plattenindustrie tätig. Er fand, dass ich eine tolle Stimme habe und es unbedingt mal probieren sollte - nach dem Motto: "Mensch, für drei Minuten Playback mal schnell in die Hitparade gehen, das kann doch jeder!" Irgendwann kam ich so in das Tonstudio des damals schon sehr bekannten Produzenten Thomas Meisel, bei dem ich zu Liedern von Elvis Presley und anderen Weltstars gesungen habe. Er bot mir noch an diesem Tag einen Dreijahresvertrag an. Von einem konkreten Karrieretraum konnte aber keine Rede sein. Es ahnte niemand, wie es weitergehen wird ...

teleschau: Zunächst war der Erfolg auch eher bescheiden. Ihre erste Single "Was ist wohl aus ihr geworden?" von 1974 kennt heute kein Mensch mehr ...

Kaiser: Das ist richtig. Der erste Top-20-Song war 1976 "Frei, das heißt allein", eine Vokalversion von "Verde", eines großen Hits des Gitarristen Ricky King. Da ging es dann los, und ich stand plötzlich vor einer wahnsinnig großen Entscheidung: Das Angebot des Autoherstellers annehmen und ins mittlere Management aufsteigen oder in die "Hitparade" gehen und Schlagerstar werden? Ich habe mir gesagt, das probierst du jetzt mal, und hörte im bürgerlichen Sinne auf zu arbeiten. Ich bog auf die Straße des Risikos ab.

teleschau: Was gab den Ausschlag?

Kaiser: Dass ich jung war und mir die Musik aufregender erschien als die Geschäftswelt.

teleschau: Ging es auch um Ruhm, Luxus, Frauen? Wovon träumten Sie?

Kaiser: Ach was! Ganz ehrlich: Hinter der Bühne war das Künstlerleben auch damals längst nicht so spannend, wie Außenstehende meinen. Gehen sie mal davon aus, dass jede Jahresabschlussfeier einer mittelgroßen Arztpraxis aufregender ist als eine Aftershowparty im Hinterbühnenbereich.

teleschau: Wurden Sie wenigstens reich?

Kaiser: Das werde ich oft gefragt: Ob mich die Musik reich machte. Natürlich geht es mir finanziell gut, aber wissen Sie, was einen wirklich reich macht: eine intakte Familie, Kinder, die einen achten. Wer des Geldes wegen singt, wird nie eine so lange Karriere haben.

teleschau: Worum ging es also damals?

Kaiser: Darum, mein Leben ab sofort nur noch mit der Sache bestreiten zu dürfen, die mir unbändige Freude bereitet: dem Auftreten und Singen vor Publikum. Ich kenne keinen Stress - oder nur solchen, der keine negativen Auswirkungen hat. Welcher Berufstätige kann das von sich behaupten?

teleschau: Ihre Rückschau fällt brav aus: Wie viel Rock'n'Roll steckte in der großen Zeit im deutschen Schlager?

Kaiser: Ach, ich weiß ja, was Sie hören wollen. Aber mir fehlt zu solchen Ansichten wohl die nötige Lagerfeuerromantik. Damals wie heute war es in der Schlagerszene doch so: Jeder geht seinen Weg, und man versucht dabei, möglichst seinen Erfolg zu manifestieren. Man trifft auf liebenswerte und nicht so liebenswerte Menschen, ein paar kluge und viele nicht so kluge - wie in jedem anderen Beruf.

teleschau: Also trauern Sie nicht Dieter Thomas Hecks "Hitparaden"-Glanzzeiten nach?

Kaiser: In keiner Weise. Ich kann auch die Wehmut mancher Kollegen nicht verstehen, die nicht einsehen mögen, dass sich die Zeiten ändern - genau wie die Fernsehformate und die Sehgewohnheiten. Die Sender haben nun mal den Auftrag, mehrheitsfähiges Programm zu machen - also haben sie die Verpflichtung, eine Sendung einzustellen, wenn sie schlecht läuft. Mein Motto ist: Wer nicht mit der Zeit geht, muss mit der Zeit gehen! Deshalb kann ich jetzt auch das Geheule um "Wetten, dass ..?" nicht verstehen.

teleschau: Ist es Ihr Erfolgsgeheimnis, dass Sie nicht dazu neigen, zurückzuschauen?

Kaiser: Bestimmt. Das Leben, das ist vorne und nicht hinten. Aber es ist auch eine ambivalente Situation für mich als Künstler: Einerseits muss ich immer der Zeit entsprechend sein, aber ich muss mir unbedingt auch treu bleiben und darf auf keinen Fall in devoter Haltung dem Zeitgeist hinterherhecheln. Für solche Entwicklungen hat das Publikum ein sehr feines Gespür. Ich sag's mal so: Wenn ich feststelle, dass ich auf der Bühne zeitgemäßer aussehe als mein Publikum, dann habe ich etwas falsch gemacht - und umgekehrt wäre es genauso verkehrt.

teleschau: Sie sind in den vier Jahrzehnten nie vom rechten Schlagerweg abgebogen. Waren Disko, Partyschlager und Malle nie ein Thema?

Kaiser: Nie! Jeder muss wissen, was zu einem passt. Auch Solo-Playbackauftritte sind, seitdem ich mit meiner Band toure, überhaupt kein Thema mehr für mich. Aber ich verdamme Kollegen nicht, die das anders sehen. Jeder nach seiner Fasson.

teleschau: Hat es der Nachwuchs heute schwerer als in den 70-ern?

Kaiser: Nein. Wer ein gutes Produkt hat, hat immer gute Chancen - heute durch die Medienvielfalt sogar deutlich bessere als damals. Schauen sie sich Annett Louisan und Tim Bendzko an, die praktisch aus dem nichts heraus zu Stars wurden. Oder Helene Fischer, die allen vormacht wie das geht mit den Medien. Sie ist ein wahrer Schlagerstar und steht zu Recht da, wo sie ist.

teleschau: Schlager - was heißt das eigentlich für Sie, Herr Kaiser?

Kaiser: Ach, das ist nur ein Wort - ein Schlager ist ein Lied, das Erfolg hat: ein Hit, früher "Gassenhauer" genannt. Ich denke nicht in den alten Schubladen. Die Begrifflichkeiten der 60er- und 70er-Jahre passen schon lange nicht mehr, aber sie stehen uns oft immer noch im Weg.

teleschau: Ist es leicht, einen Schlager zu landen?

Kaiser: Um Gottes willen, nein. Versuchen sie doch mal, ein wunderbares Lied wie "Kalkutta liegt am Ganges" zu schreiben. - Das klingt so leicht, ist aber ganz große Kunst, Poesie und irrsinnig schwer.

teleschau: Warum sind Sie eigentlich immer bei der leichten Muse geblieben? Sie sind ja durchaus als politisch engagierter Mensch bekannt ...

Kaiser: Weil ich mir treu bleibe. Wenn ich plötzlich mit politischen Botschaften anfangen würde, wie, glauben sie, würden wohl die Menschen reagieren, die zu mir kommen, weil sie unterhalten werden wollen? Nein, ich führe niemanden an der Nase herum. Ich kann sowieso keine Antwort auf die Probleme der Welt in drei Minuten und in Reimform geben.

teleschau: Sie waren unlängst auf dem 70. Geburtstag von Gerhard Schröder zu Gast.

Kaiser: Ja, ich bin mit Frank-Walter Steinmeier, Sigmar Gabriel oder Gerhard Schröder seit Jahren recht gut befreundet. Ich habe die SPD auch gerne bei Wahlkämpfen unterstützt - wobei uns mehr verbindet als nur parteipolitische Interessen.

teleschau: Ist eine politische Karriere für Sie kein Thema?

Kaiser: Nein. Ich werde 62 Jahre alt, da kann ich mit so etwas nicht mehr anfangen. Da müssen Jüngere ran. Es hat mich komischerweise auch nie interessiert.

teleschau: Weil Sie die schwankenden Popularitätswerte Ihrer Freunde aus der Politik abschrecken?

Kaiser: Nein, gar nicht. Ich glaube, dass unsere Politiker längst nicht so unbeliebt sind, wie uns die Medien glauben machen. Ich bekomme ja oft aus nächster Nähe mit, welchen Respekt die Menschen vor Frank-Walter und seiner Leistung als Bundesaußenminister haben. In meinem Umfeld kann von einer Politikverdrossenheit jedenfalls keine Rede sein. Ich denke, dass uns da vieles suggeriert wird - wieder ein Thema, das deutlich macht, welche Blüten die Mediengesellschaft mitunter treibt. Das Problem ist, dass die Politiker dadurch unter einem solchen öffentlichen Druck stehen, dass sie kaum mehr in Ruhe arbeiten können.

teleschau: Was heute für jeden gilt, der in der Öffentlichkeit steht, oder?

Kaiser: Ja, die totale Kommunikation ist zu einem Lebensstil geworden. Ich sehe an meinen Kindern, wie selbstverständlich der permanente Austausch und wie groß die Lust an der Transparenz ist. Das ist Zeitgeist - auch wenn es sich, siehe Markus Lanz, manchmal anfühlt wie geteert und gefedert zu werden. Wir werden es nicht mehr ändern, also ist es am besten, man steht drüber.

teleschau: Sie sind leidenschaftlicher Hobbyflieger. Inwiefern hilft es einem weiter, wenn man die Welt von oben sieht?

Kaiser: Mein Freund Reinhard Mey singt das schon ganz richtig: Über den Wolken ist die Freiheit grenzenlos. Da oben bin ich ganz bei mir, zwangsläufig hochkonzentriert, und es ist ein purer Genuss, die Dinge unter einem klein werden zu sehen. Nach jeder guten Landung bin ich ein extrem glücklicher Mensch. Ich stand schon als Kind ganz sehnsüchtig am Luftbrückendenkmal in Berlin und träumte vom Fliegen.

teleschau: Und von was träumt jemand, der mit dem eigenen Flieger übers Land schwebt und auch sonst alles erreicht hat?

Kaiser: Klare Antwort: Davon, dass es den Menschen gut geht, die mir lieb sind, und dass ich noch lange auftreten kann.

Quelle: teleschau - der mediendienst