Bela B

Bela B





Antworten auf irgendwas

Ist das Punkrock? Sicher nicht. Aber es gibt sie immer noch - Ärzte-Fans, die sich beim Anhören der Soloplatten von Bela B verwundert fragen, wo denn da der Krach geblieben ist. "bye" ist das dritte Soloprojekt des 51-Jährigen nach "Bingo" (2006) und "Code B" (2009). Eingespielt wurde die Platte gemeinsam mit der deutschen Country-Band Smokestack Lightnin', Gastsängerin ist die Hamburgerin Peta Devlin. - Country also. Oder besser: Americana. Coole Autofahr- und Lagerfeuermusik im Tarantinostyle. Bela B nimmt sich alle Freiheiten. Im Interview erinnert er sich an die Zeit, als Johnny Cash in sein Leben trat. Er erklärt seine Abneigung gegenüber den Beatles, seine Jogging-Leidenschaft und träumt vom perfekten Ausstieg aus der Branche. Mit einem Rockstar auf Zeitreise ... - und was wird eigentlich aus den Ärzten?

teleschau: Ihre neue CD, "bye" ist seit einigen Tagen auf dem Markt. Wie fielen die Reaktionen aus?

Bela B: Extrem gut. Ich habe unglaublich viel Zuspruch bekommen. Es ist schon anders als bei meinen anderen Soloplatten, speziell bei der letzten "Code B". Da kam schon manche Kritik. Aber klar: Auch diesmal gibt es noch Leute, die sich verwundert fragen: "Wo ist denn da der Punk-Rock?"

teleschau: Sie spielten die CD mit der Country-Formation Smokestack Lightning ein, die Sie auch auf der Tour begleitet. Geht es demnach diesmal bei ihren Konzerten bedächtiger zu als früher?

Bela B: Naja, es ist anders. Das sind eben keine Punk-Konzerte. Wir spielten ja zur Vorbereitung einige Konzerte im vergangenen Jahr in kleinen Hallen, um zu sehen, wie die neuen Sachen beim Publikum ankommen. Normalerweise mag ich die Videos von meinen Auftritten im Netz nicht. Aber in diesem Fall war ich ganz dankbar. So sind die Menschen ein bisschen vorbereitet. Ich habe ja nichts davon, wenn lauter enttäuschte Ärzte-Fans da sind, die verzweifelt auf Punk-Rock warten.

teleschau: Wer Ihre Solo-Tourneen kennt, weiß ja, dass sie Ärzte-frei sind ...

Bela B: Sollte er wissen. Aber natürlich habe ich ein gewisses Image. In Bremen gingen zwei Metal-Fans protestierend raus.

teleschau: Aber bestuhlt wird noch nicht?

Bela B: Doch, das kam vor. Zum Teil. Schon bei der letzten Tour gab es ein bestuhltes Konzert in Hamburg. Und auch diesmal gibt es eines im St. Pauli-Theater. Mal schauen, ob die Menschen tatsächlich sitzenbleiben. Aber das passt schon: Wir spielen ja durchaus auch für eine erwachsene Klientel.

teleschau: Und eine sehr weibliche.

Bela B: Klar kommen viele Frauen, was mich natürlich sehr freut. Als wir letztes Jahr in Berlin spielten, waren 900 Gäste da - davon 800 Frauen.

teleschau: Es war der schöne Satz von Ihnen zu lesen: "Inzwischen tauge ich zur Vaterfigur und nicht mehr zum feuchten Traum ..."

Bela B: Das habe ich tatsächlich geglaubt. Aber wenn ich die Kommentare über mich im Internet lese, habe ich dann doch einen anderen Eindruck. Aber es freut mich ja auch, tut meinen Ego gut!

teleschau: Sie sind über 50. Warum ist Ihre Wirkung gerade auch auf die jungen Frauen so groß? Haben Sie jemals versucht, sich das für sich zu erklären?

Bela B: Nicht wirklich. Warum sollte ich auch? Würde ich Antworten finden, wäre es zum Größenwahn nicht mehr weit. Ich nehme es einfach hin. Und freue mich. Und ich nehme zur Kenntnis, dass es meinen Konzerten eine Art sexuelle Brisanz gibt, die ich genieße. Was natürlich bedeutet, dass ich mir Mühe geben muss, in Shape zu bleiben und gut angezogen zu sein. Aber glauben Sie mir: Wenn das Konzert vorbei ist, bin ich nur noch ich. Verdammt gut aussehend, aber eben ich ...

teleschau: Es heißt, Sie joggen ...

Bela B: Die Zeit, die ich nun nicht mehr am Tresen bin, muss ich ja anderweitig verbringen. Gerade wenn ich auf Tour bin, laufe ich gerne. Viele Städte, die ich besuche, kannte ich bis Ende der 90-er gar nicht bei Tageslicht. Jetzt schaue ich mir die Städte an. Einfach Mütze tief ins Gesicht und loslaufen!

teleschau: Aber weckt die Zusammenarbeit mit einer gewachsenen Live-Band wie Smokestack Lightning nicht die Lust auf alte Tour-Gefühle? Keine Lust, es noch einmal richtig krachen zu lassen?

Bela B: Doch, schon auch. Und das sind sicher keine Kinder von Traurigkeit. Aber es gibt bestimmte Rock'n'Roll-Erfahrungen, mit denen werde ich in dem Tourbus auch alleine bleiben. Die habe ich gemacht und gut ist's ... Klar: Es wird schon ein paar trunkene Abende geben. Aber wenn ich ehrlich bin, reden wir meistens einfach nur über Musik. Das ist unser Thema. Manchmal schielen und lallen wir dabei, aber es geht immer um die Musik.

teleschau: Welches Getränk ist das richtige zu Ihrer Platte?

Bela B: Das, mit dem man sich am wohlsten fühlt. Grundsätzlich ist es eine Autofahrplatte. Alkohol ist da eher schlecht. Aber klar gibt es Songs wie "Teufelsküche" oder "Sünder", da fällt mir Whisky ein. Wobei: Ich selbst trinke Wodka. Von Whisky hatte ich irgendwann einfach zu viel.

teleschau: Die Liebe ist das dominante Thema auf der CD ...

Bela B: Das ist richtig.

teleschau: Das war schon auf der letzten Platte so. Haben Sie nicht das Bedürfnis, denen da draußen mal von was ganz anderem zu erzählen?

Bela B: Naja, es sind diesmal acht Songs zum Thema "Liebe". In "Bombe tickt" geht es zum Beispiel um das Thema "Wut". In "Teufels Küche" und "Der Sünder" um das Älterwerden, ums Überleben in bestimmten Lebensphasen.

teleschau: Aber wünschen Sie sich nicht auch, der jungen Generation den einen oder anderen Ratschlag mitzugeben?

Bela B: Gar nicht. Nichts ist in der Musik schlimmer als der erhobene Zeigefinger. Einmal auf der Platte singt Peta Devlin die Zeile "Glaub mir, für verpasste Chancen wirst du dich irgendwann schämen". Und schon da fiel mir auf, dass selbst das schon was Belehrendes hat. Deshalb entschloss ich mich, bei der Aufnahme zumindest ein ironisches "Jaja" hineinzurufen. Nein, so etwas wäre ein Verrat an allem, was wir mit den Ärzten gemacht haben und an allem, woran ich bei Musik glaube. Es gab in der Rockmusik schon immer viel zu viele, die belehren wollen. Genau deswegen gingen wir mit den Ärzten eigentlich immer den anderen Weg.

teleschau: Und die Liebe ...

Bela B: ... ist am Ende doch immer die Antwort auf irgendetwas. Zu ihr fällt mir immer wieder etwas ein. Ich bin eben kein Gangsta-Rapper.

teleschau: Ihr Bezug zur Country-Musik soll seine Wurzeln in einem frühen Fernseherlebnis haben ...

Bela B: Ich war 13 oder 14. Da sah ich den Auftritt von Johnny Cash im Gefängnis St. Quentin im Fernsehen.

teleschau: So etwas haben Sie sich in dem Alter angesehen?

Bela B: Ich wusste ja auch schon, dass es Punkrock gibt. Und ich interessierte mich einfach für alles, was mit Musik zu tun hatte. Ich weiß noch, wie mich der Film beeindruckt hat. Mit diesem Typen, Johnny Cash, der wahnsinnig gut aussah und vor Mördern und Bankräubern spielte. Und dann sang er: "St. Quentin, I hate every inch of you". Es wurde ihm direkt der Strom abgeschaltet. Der Song war tabu, der durfte nicht gespielt werden. Übrigens eine Sache, die wir später mit den Ärzten ja auch so ähnlich erlebten. Aber Johnny Cash nickte, der Strom kam wieder, und er spielte den Song einfach wieder. Und der Strom wurde wieder abgestellt. Viermal ist das passiert, und dann gaben sie auf und ließen ihn spielen. Das hat mich beeindruckt.

teleschau: Das ist die Punkrock-Haltung.

Bela B: Ja, klar. Aber für dieses Unbeugsame mochte man schon Rebellen wie Elvis und Eddie Cochran. Die waren schon so, bevor es Sid Vicious gab.

teleschau: Haben Sie Johnny Cash mal live gesehen?

Bela B: Ja, in den 80-ern. Aber das war ein bisschen ernüchternd.

teleschau: Warum?

Bela B: Naja, das Publikum war eben auch das deutsche Country-Publikum aus den 80-ern. Solche, die komplett verkleidet kamen und am Wochenende in ihre Westerndörfer gingen. Deutsche Rednecks. Aber um nicht missverstanden zu werden: An Johnny Cash hatte ich nie Zweifel. Ich mochte auch die "American Recordings"-Reihe, die er zum Ende seiner Karriere mit dem Produzenten Rick Rubin machte. Ich weiß, das sehen viele Country-Musiker anders. Aber denken Sie nur an "Personal Jesus" - das hat Johnny Cash zu seinem eigenen Song gemacht.

teleschau: Noch ein Blick zurück: Waren Sie ein cooles Kind?

Bela B: Ich interessierte mich einfach für jegliche Art von Musik, machte aber schnell zu, wenn mir jemand erklären wollte, was gute Musik ist. Vielleicht bin ich deshalb bis heute kein Freund der Beatles, weil mir damals an jeder Ecke einer erklärte, dass ich nur die Beatles brauche und sonst nichts. Die seien eh das Beste, was es gibt. Aber ich wollte lieber den unbequemen Weg gehen. Die Dinge selbst rausfinden. War das cool? Ich weiß es nicht. Ich achtete jedenfalls nicht darauf, cool zu sein. Aber ich suchte die Nähe zu Leuten, die für mich cool waren. Bei den Partys wühlte ich mich durch die Plattensammlungen der Älteren. Dort entdeckte ich den Punkrock. Da lagen dann The Jam oder die Ramones ...

teleschau: Mit den Ärzten waren Sie nun lange auf Tour? Steht schon fest, wie es weitergeht. Ob es weitergeht?

Bela B: Naja, die Tour liegt noch nicht lange zurück. Rodrigo traf ich neulich bei der Beerdigung eines gemeinsamen Freundes, mit Farin habe ich mal gemailt. Es war ja immer so, dass nach so einer großen Tour erst einmal Sense war. Auch die beiden anderen kümmern sich ja um ihre eigenen Projekte.

teleschau: Aber es gab auch diesmal wieder Gerüchte, die Tour sei womöglich die letzte gewesen ...

Bela B: Ach, diese Gerüchte gab es immer. Und die befeuern wir ja selbst auch. Es ist auch nicht gelogen, dass jede Pause auch ein Ende bedeuten kann. Es ist immer möglich, dass bei jemanden von uns einfach etwas passiert, das ihn zum Schluss kommen lässt: "Ich habe keinen Bock mehr." Wir machen es sicher wie immer: Irgendwann treffen wir uns wieder. Dann blicken wir auf die letzten Jahre und stellen uns die üblichen Fragen: Können wir etwas Neues machen? Können wir etwas besser machen? Das sind dann immer lustige Nachmittage, und am Ende schauen wir weiter. Aber ganz sicher wird es so ein Treffen in diesem Jahr nicht geben.

teleschau: Haben Sie selbst weitere musikalische Pläne?

Bela B: Es wird noch eine EP geben Ende des Jahres. Ich fühle einfach gerade sehr inspiriert, gerade auch von der Zusammenarbeit mit Peta Devlin.

teleschau: Was macht die Schauspielerei?

Bela B: Im vergangenen Jahr habe ich mit der Schauspielerin Helene Grass einen kleinen Film gedreht, der sich mit Beziehungsproblemen auseinandersetzt: ein Arthouse-Film mit dem Titel "Dreiviertel", der bei Festivals laufen wird.

teleschau: Bislang findet sich einiges Heftige in Ihrer Filmografie. Sie haben eine Leidenschaft für Vampirfilme.

Bela B: Aber das hier ist kein Horror- oder Splatterfilm. Es geht nur um eine Frau, die mit ihrem Freund ein Kind haben will. Und dann lernt sie jemand anders kennen, der von einem berühmten Rocksänger gespielt wird, mit dem Sie gerade reden (lacht) ...

teleschau: Sie wollten auch immer mal als Drehbuchautor arbeiten.

Bela B: So ist es. Und stellen Sie sich vor: Ich habe das erste Drehbuch meines Lebens geschrieben, zusammen mit Thomas Roth, einem österreichischen Regisseur und Autoren. Wir arbeiten gerade wieder daran und schauen, dass wir den Film Ende des Jahres drehen.

teleschau: Gibt es in Ihrer eigenen Geschichte wenigstens ein paar Leichen?

Bela B: (lacht) Eine - und selbst die ist noch nicht sicher. Es geht um einen Musiker am Ende seiner Karriere. Und die Hauptrolle spiele ich.

teleschau: Oh, klar, eine autobiografische Geschichte!

Bela B: Ach nein. Bisschen viel Klischee wäre das: Erst macht er ein Album, das "bye" heißt. Dann eine autobiografisches Buch, und dann bringt er sich um. Nein, nein - das hab ich nicht vor.

teleschau: So ein Ende einer Musikerkarriere ist ja eine große Kunst.

Bela B: Absolut: Musikalisch ging er mir ja am Arsch vorbei, aber ich hatte großen Respekt vor Wolfgang Petry. Wie er zum einen bei der Echo-Verleihung den Applaus der falschen Seite abgelehnt hat und wie er dann so verschwand, sich die Haare abrasierte und keine Bilder mehr zuließ. Jetzt gibt es ja so eine Art Comeback, das finde ich inkonsequent.

teleschau: Wie also sieht er aus, der perfekte Ausstieg?

Bela B: Neulich habe ich den großartigen Roman "Straight White Male" von John Niven gelesen. Da stand es auch wieder drin: Der Marlene-Dietrich-Weg ist immer noch der coolste. Einfach weg. Und in den Köpfen derer da draußen schön und jung bleiben ...

Bela B auf Deutschland-Tournee:

05.05., Bielefeld, Ringlokschuppen

06.05., Magdeburg, Altes Theater

07.05., Rostock, Moya

09.05., Berlin, Heimathafen

10.05., Berlin, Heimathafen

11.05., Leipzig, Haus Auensee

12.05., Dresden, Alter Schlachthof

14.05., Erlangen, E-Werk

15.05., München, Freiheiz

20.05., Stuttgart, LKA Longhorn

21.05., Karlsruhe, Substage

22.05., Hannover, Capitol

23.05., Hamburg, St. Pauli Theater

25.05., Hamburg, Fabrik

26.05., Offenbach, Capitol

27.05., Oberhausen, Ebertbad

28.05., Oberhausen, Ebertbad

30.05., Köln, Gloria

31.05., Köln, Gloria

Quelle: teleschau - der mediendienst