Marius Müller-Westernhagen

Marius Müller-Westernhagen





Im Blues bin ich dein Prinz

"Das Leben ist schwer. Schwer, wie ein sinkendes Schiff", röchelt der Sänger zu Beginn seines Liedes "Alphatier". Dazu gibt es tonnenschwere, scharfkantige Bluesrock-Gitarren. Sie klingen so alt und knochentrocken, als hätte man das Debütalbum von Black Sabbath von 1970 auf den Plattenteller gepackt. "Alphatier" erscheint jedoch Ende April 2014. Es ist das neue Werk des mittlerweile 65 Jahre alten Marius Müller-Westernhagen. Ende der 70-er, Anfang der 80-er stieg er mit Filmen wie "Theo gegen den Rest der Welt" und Alben wie "Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz" zum deutschen Superstar-Rocker auf. Etwa zwölf Millionen Alben soll der Sohn eines Düsseldorfer Theaterschauspielers verkauft haben. Nun - in einem Alter, in dem ein Künstler und vor allem Westernhagen nichts mehr beweisen muss - kehrt er zurück zu seinen musikalischen Wurzeln. Es geht es um rauen Rock'n'Roll, Mitgefühl und eine neue Liebe.

Am Abend des 1. April 2014, gegen 18 Uhr, hat sich vor dem Hamburger Musikclub "Große Freiheit 36" ein merkwürdiges Grüppchen Menschen zusammengerottet. Es mögen etwa 100 Personen sein. Einige von ihnen tragen Fanschals, die man keinem Fußballverein zuorten kann. Einer hat kleine Boxen mitgebracht, aus denen Blues- und Boogietöne zu kehligem Gesang tropfen. Viele in der Menge wippen dazu ritualisiert mit dem Kopf. Es sind die härtesten der harten Westernhagen-Fans, die sich bereits zwei Stunden vor Öffnung der Clubtüren versammelt haben. Heute beginnt ihr Star die Pre-Listening-Clubtour seines Albums "Alphatier". Nur auf dieser Tour kann man die 14 neuen Westernhagen-Lieder vor Veröffentlichung hören. Der "Meister" und seine aus amerikanischen Studiomusikern bestehende Band spielen das Album an diesem und folgenden Abenden in anderen Städten komplett und in der gleichen Reihenfolge, wie es ab 25. April auch im Handel erhältlich sein wird.

"Ich dachte immer, Künstler sind dazu da, Illusionen zu erzeugen und Geheimnisse zu haben", erklärt der gut aufgelegte Initiator dieser Maßnahme. Gegen 18.30 Uhr gibt Westernhagen seine erste Pressekonferenz zu "Alphatier". "Normalerweise gibt es ein neues Album für Journalisten, Insider und Leute mit Beziehungen schon Wochen vorher zu hören. Die wahren Fans lesen darüber, hören es vielleicht schon und wenn es dann rauskommt, sind sie all ihrer Illusionen beraubt." Westernhagen, der 20 Jahre in Hamburg lebte, ist nervös vor diesem ersten Konzert. "Weil wir sehr stolz sind auf dieses Album und hoffen, dass sich die Leute dafür interessieren werden. Das ist aber nicht selbstverständlich bei einem Konzert, auf dem die Leute nur unbekannte Lieder hören."

Weitere zwei Stunden später dürften sich diese Zweifel in Luft und Lust aufgelöst haben. Westernhagen klingt kehlig, aggressiv und laut wie lange nicht mehr. Dazu hüpft und rennt er mit der Biegsamkeit eines 25-Jährigen über die Bühne, dass man glauben mag, da habe einer aus Mick Jaggers Jungbrunnen getrunken. Extra abgenommen habe er für diese Tour, kokettiert Westernhagen nach einigen Songs. Jener dünne Mann, der bei Balladen einen Bauchtanz ohne Bauch pflegt, mit hoffnungslos kitschig zum Himmel gestreckten Händen zu wiegenden Hüften, er muss einen für sein Alter erstaunlichen Stoffwechsel haben. Zu diesem Zeitpunkt ist längst klar, den Leuten gefallen die mächtigen Rockgebilde seiner neuen Platte.

Während des Konzertes rennt Westernhagen gar einmal zur Background-Sängerin, um ihren einen kurzen Kuss auf den Mund zu drücken. Es ist die 34-jährige Lindiwe Suttle, die neue Liebe des Sängers. Zwei Stunden zuvor, bei der Pressekonferenz, hatte der in Berlin lebende Altrocker noch betont, zu seinem Privatleben keinerlei Fragen zu beantworten. Kurz zuvor war seine neue Beziehung wie auch das Aus zwischen ihm und seiner 25-jährigen Beziehung zu Noch-Ehefrau Romney bekannt geworden. Nun auf der Bühne, als gegen Ende des gefeierten Auftritts die Band vorgestellt wird, spricht Westernhagen ganz ohne Druck der Boulevardmedien so privat, dass er Lindiwe euphorisiert gar als "Inspiration" für "Alphatier" benennt.

Tatsächlich ist das Album in Kapstadt entstanden. Lindiwe Suttle stammt aus Südafrika. Dass es so hart und düster geworden ist, wundert Marius Müller-Westernhagen selbst ein wenig. "Es schien die ganze Zeit die Sonne, das Meer war blau. Perfekt eben." Trotzdem flossen diese Lieder einfach so aus ihm heraus. "Ja, es ist ein sehr dunkles Album. Ich habe sogar angefangen, wieder ein paar wütende politische Lieder zu schreiben. Etwas, das ich lange nicht mehr getan habe. Popmusik funktioniert heute so, dass die Stars viel reden, aber wenig sagen. Pop ist heute mehr Anbiederei, als dass man eine Meinung zu vertritt. Dafür bin ich nie angetreten."

Tatsächlich klingt Westernhagen auf "Alphatier" wie ein Mann, der nah bei seinen Gefühlen ist. Und er schafft wieder Texte, die zwar mitunter plakativ sind, die er aber mit einer Inbrunst intoniert, dass man ihm Glauben schenken will. Ging es darum nicht immer schon bei Westernhagen, war es nicht sogar das Wesen seines großen Erfolges? Dass er es schaffte, in relativ einfachen, treffenden Worten das Herz der Masse hemmungslos auf der Zunge zu tragen?

"Es ist ein Album für empathische Leute, die zuhören und mitfühlen können", sagt er selbst über sein erstes Werk seit vier Jahren. "Daran krankt doch unsere ganze Gesellschaft. Gerade in der Kohl-Zeit sind wir zu einer komplett egoistischen Denkweise erzogen worden. Das kann nicht gut gehen. Es ist gefährlich und unbefriedigend." Gänzlich befriedigt tanzt sich Westernhagen zwei, drei Stunden nach diesen Pressekonferenz-Sätzen durch sein erstes Pre-Listening-Konzert. Die Band, sich selbst, die Menge - er hat sie längst überzeugt. Nach 90 Minuten seiner unter Volldampf durchsungenen und getanzten Rock'n'Roll-Messe ziert lediglich ein kleiner Schweißfleck das graue, schmal geschnittene Hemd des Sängers. Erstaunlicherweise ist er da, wo das Herz ist.

Westernhagen auf Deutschland-Tournee:

17.04., Nürnberg, Löwensaal

19.04., Dresden, Alter Schlachthof

22.04., Leipzig, Haus Auensee

24.04., Berlin, Columbiahalle

Quelle: teleschau - der mediendienst