Rosie

Rosie





Eine lange Geschichte

Es war ein Berliner Regisseur, der mit seinem Film die Schweiz aufmischte: Nach zahlreichen Auszeichnungen wurde "Rosie" sogar für den Europäischen Filmpreis nominiert. Marcel Gisler ködert sein Publikum mit charmantem, schrulligen Personal, serviert Humor mit prachtvoller Leichtigkeit und irgendwann, wenn man nicht mehr weg will und auch nicht mehr wegkommt, wird "Rosie" zum wunderbar echten Familienfilm, der einen mindestens melancholisch zurücklässt. Was soll denn eine Kinogeschichte mehr können?

"Rosie" hat natürlich Glück, dass sie von Sibylle Brunner gespielt wird, die sich für nichts zu schade ist, jede Eitelkeit an der Garderobe hängen lässt und völlig aufgeht in ihrer Rolle, die so vielschichtig ist wie unsympathisch. Und doch wird die zänkische alte Dame von Beginn an auch gemocht vom Publikum. Mit ihrer Art würde sie gut nach Berlin passen. Aber da in der Hipsterstadt kein Platz mehr ist für Originale, hat der Wahlberliner Gisler vielleicht deswegen seine raue Geschichte in seine alte Heimat verlegt - die Schweiz.

Ganze 14 Jahre hat er überhaupt keinen Film realisiert (für "Tagediebe" wurde er 1985 als 25-Jähriger in Locarno ausgezeichnet!), Gisler schrieb stattdessen Drehbücher und wirkte anderweitig hinter den Kulissen mit. "Rosie" ist etwas Besonderes für den gebürtigen Altstättener: Er drehte mit Landesgenossen und in Mundart eine Geschichte über seine Mutter. So ungefähr jedenfalls.

Die autobiografischen Züge verpackt der Regisseur besonders attraktiv. So boxt sich der tote Vater in visionären Bildern durch die Träume und Gedanken seiner nähesten Verwandten. Für die Kinder - so erwachsen sie scheinen mögen - gilt: Kaum ist man zu Hause, übernimmt die Mutter die Weltherrschaft, die Rosen brauchen mehr Licht, die Katze Futter. Hauptsache, Rosie kann Anweisungen geben, und die Befehle werden befolgt.

Tochter Sophie (Judith Hofmann) ist mit den Nerven runter, wohnt näher dran an der schroffen Mama als Lorenz (Fabian Krüger), der fein raus ist in seinem Berlin. Dort schreibt er Bücher, hat auch noch Erfolg, während sich Sophie mit ihrer nichtfunktionalen Ehe und ihrer Mutter mit derselben Eigenschaft herumärgert. Schon bei der Zusammenkunft der Geschwister - weil besprochen werden muss, dass Rosie ins Heim soll - bemüht Marcel Gisler keinerlei Klischees.

Da treffen zwei Menschen aufeinander, die sich mögen, obwohl sie verschieden sind, die erwachsen miteinander umgehen. Sie sind real und bei jedem Lachen keimt das Gefühl auf, es ist echt. Und in einigen Momenten ist auch Motzmama Rosie gar nicht so übel. Cool ist sie ja eh, wie sie ungestüm vor sich hin meckert und immer eine Kippe oder ein Gläschen irgendwas in der Hand hat. Gislers mutmaßlich langsame Arbeitsweise - erste Notizen zum Skript stammen aus dem Jahr 1995 - tut diesem Familienfilm gut. Er entwickelt sich wie aus einer Laune heraus. Doch im Rückblick sitzt hier alles. Und zwar am richtigen Platz.

Quelle: teleschau - der mediendienst