Der letzte Mentsch

Der letzte Mentsch





Vom Vergessen der Vergangenheit

Der Zufall will es, dass man kürzlich den abenteuerlichen Überlebenskampf eines jüdischen Jungen im Kino sah: In Pepe Danquarts "Lauf Junge lauf" gab sich der kleine Ghetto-Flüchtling einen neuen Namen und verleugnete damit seine Herkunft, um zu überleben. Eine geradezu wahnwitzige Umkehrung ist dagegen nun der alte Herr, der in Pierre-Henry Salfatis Film "Der letzte Mentsch" in der Gegenwart verzweifelt nach seinen jüdischen Wurzeln sucht und seine wahre Identität beweisen will. Daraus hätte eine großartige Tragikomödie werden können - ein Lebensfilm, der rückwärts läuft. Mit einem rüstigen Alten wie Mario Adorf hätte man sich keinen besseren Darsteller für den deutschen Juden Marcus Schwartz wünschen können, der einst vor seiner Deportation Menahem Teitelbaum hieß. Jetzt, da er der letzte Überlebende seiner Familie und dem Tod sehr nahe ist, will er auf einem jüdischen Friedhof beerdigt werden.

Während nach dem Krieg Millionen Täter ihre Schuld verdrängten, wollten auch viele überlebende Opfer die schreckliche Vergangenheit vergessen - vor allem, wenn sie aus ihrer Heimat vertrieben wurden und sich nach Kriegsende in Deutschland niederließen. Dass dies nicht wirklich gelingen konnte, dass die Wunden weiter schmerzten, ist das Thema dieses Films.

Leider geht der dokumentarisch versierte französische Regisseur Pierre-Henry Salfati ("Tolerance") dieses Thema leider sehr plakativ und pathetisch an. Mehr Witz oder sarkastischer Humor hätten dem Stoff gut getan. Dass der gebildete alte Herr, den Mario Adorf in sich ruhend spielt, ein Buch mit dem Titel "Der jüdische Witz" mit auf die Reise in seine ungarische Geburtsstadt nimmt, gibt ja schon zu denken. Als hätte der Alte nicht selbst Witz genug.

Alles wirkt hier ein wenig hart und steif. Reichlich schroff wird Schwartz eingangs von einem Rabbi (Markus Klauk) zurechtgewiesen, als er ihm die Bitte um jüdische Bestattung vorträgt. Andererseits: Wäre der Rabbi nicht gar so streng, ginge es nicht ganz bürokratisch um persönliche Papiere und glaubhafte Zeugen (und zwar unbedingt jüdische!), dann käme ja der ganze Film nach dem lockeren Konzept eines Roadmovies in die Vergangenheit gar nicht zustande.

So aber lässt sich der alte Herr nun von einer schroffen jungen Deutschtürkin (Katharina Derr) im geklauten BMW ihres Freundes in seine alte Heimat fahren, aus der man ihn vor 70 Jahren vertrieb. Die junge Frau, selbst eine Außenseiterin, macht das einfach nur fürs Geld und lässt das ihren Fahrgast auch nur allzu deutlich spüren. Mit ihren Rauchgelüsten, lauter Rockmusik und einer Sprache, die selbst in großstädtischen Problemvierteln einigermaßen auffallend wäre, übernimmt sie das Kommando. Dass es am Ende zu einer erwartbaren gigantischen Versöhnung zwischen den beiden kommen wird, macht das nicht glaubhafter oder gar besser.

Es ist vor allem das übertrieben akzentuierte Gefälle zwischen Alt und Jung, das dem Hauptthema des Films in die Quere kommt: schwer, die späte Reue über das Verdrängen zu zeigen. Einfach dagegen, die jugendliche Naivität, die Unwissenheit des Mädchens gegen die Weisheit des Alten zu setzen. Aber auch ältere Menschen haben an arg symbolischen Klischees zu tragen. Hannelore Elsner beispielsweise spielt eine aus der Zeit gefallene blinde jüdische Dame im Altenheim, die sich als Jugendfreundin des sehend nach seiner Herkunft Tastenden zu "erkennen" gibt.

Neben solchen Traumszenen gibt es aber auch gewagte Brüche, in denen der Film der Wirklichkeit sehr nahe kommt: etwa, wenn er seine Herkunft aus dem Dokumentarischen, aus den Biografien jüdischer Überlebender reflektiert. Anlass hierzu gibt ein deutscher Filmer (Roland Bonjour), der im jüdischen Altenheim für Steven Spielbergs tatsächlich existierendes "Holocaust"-Projekt letzte Zeugen des Holocaust interviewt. Marcus Schwartz / Menahem Teitelbaum verweigert der Nachwelt zunächst sein Interview: Niemandem werde schließlich mit seinem Lebensbericht geholfen. Aber dann stellt er sich doch in den Dienst der guten Sache, legt sein Zeugnis ab. Mario Adorf ist hier wieder einmal große Klasse, während auch er an manch anderer Stelle den Eindruck einer gut gemeinten Bastelarbeit nicht leugnen kann.

Quelle: teleschau - der mediendienst